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Unternehmen steigerte Lebensstandard

Ehemalige Arbeiter erinnern sich: Bosch brachte Aufschwung nach Rheinau

Die Industriefläche Boschareal, die derzeit für eine künftige Wohnbebauung vorbereitet wird, ist in Rheinau heute nur noch der älteren Bevölkerung ein Begriff. Bosch brachte nämlich einst das Wirtschaftswunder nach Rheinau.

Schichtwechsel: Die Firma Bosch hatte bis 1978 ein Zweigwerk im Rheinauer Stadtteil Freistett. In Folge des Wirtschaftseinbruchs durch die Ölkrise verlagerte das Stuttgarter Unternehmen die Produktion nach Bühl. Foto: Karen Christeleit (Repro)

„Ziel war es, die nicht ausgenutzten Arbeitsreserven von Freistett und den umliegenden Ortschaften nach einer kurzen Einarbeitung in Bühlertal oder einer dreimonatigen Ausbildungszeit im Stammwerk Stuttgart-Feuerbach in den Arbeitsprozess einzugliedern und in der Heimat die Möglichkeit eines gesicherten und gut bezahlten Arbeitsplatz zu geben“, heißt es in alten Akten.

Die politisch Verantwortlichen sprachen davon, „dass die wirtschaftliche Entwicklung Freistetts damit an einem entscheidenden Wendepunkt angekommen sei und die sich anbahnende Entwicklung einen Aufschwung zur Folge habe.“

Freistett war zu der Zeit noch sehr durch die Landwirtschaft geprägt, größere Arbeitgeber gab es kaum. „Der Lebensstandard war dementsprechend niedrig“, erklärte Rudolf Hänßler, dessen Vater ab 1962 bei Bosch in Freistett arbeitete, „wir wohnten im Dorf im alten Bauernhaus meines Großvaters, Luxusartikel gab es nicht, wir hatten nie ein Auto, der erste Fernseher wurde 1967 gekauft und ein Badezimmer hatten wir erst seit Anfang der 1970er Jahre.“

Frauen und Männer fanden bei Bosch Arbeit

„Wir zogen 1967 von Linx nach Freistett“, erinnerte sich Reinhold Durban, „die erste Anschaffung war ein Elektroboiler für die Küche, damit die Mutter das Wasser nicht mehr im Schiff auf dem Kohleofen warm machen musste.“

Sein Vater Emil Durban konnte kriegsbedingt seinen Beruf als Rheinschiffer nicht mehr ausüben, von der kleinen Landwirtschaft lebte die Familie von der Hand in den Mund. Bei Bosch hatte Durban dann als Transporteur ein gutes Auskommen. „Aber auch der Mittelstand von Freistett lebte gut dank der Bosch“, wusste Günter Wiederrecht, der im Baugewerbe tätig war und nach der Lehre als Geselle gerade mal zwei Mark Stundenlohn hatte, „die Boschler ließen sich einer nach dem anderen Bäder einbauen.“

Viel Betrieb: In den Bosch-Produktionshallen arbeiteten in den 1970er Jahren bis zu 850 Personen. Sie produzierten Kleinmotoren für Lüfter und Heizer in Kraftfahrzeugen. Foto: Karen Christeleit (Repros)

Außerdem kauften die Bosch-Mitarbeiter in den Freistetter Läden ein – auch die Elsässer, die mit den Bosch-Bussen zur Arbeit gebracht wurden. Insbesondere auch Frauen fanden Arbeit am Band bei Bosch, so wie Ilse Wilhelm aus Diersheim, deren alter Arbeitgeber 1976 zu machte. „Ich montierte Anker für Motoren“, erinnerte sich die Rentnerin, die erst in Freistett, dann in Bühl arbeitete, „in Freistett saßen wir familiär nebeneinander und konnten auch mal reden, in Bühl wurde die Bandarbeit leider immer automatischer.“

Gut bezahlte Jobs

Hans Bleß und Rainer Hügel gingen 1965 bei Bosch in die Lehre. „Meine Mutter und die halbe Verwandtschaft arbeitete bei der Bosch“, berichtete Hügel, „da war die Ausbildung zum Industriemechaniker naheliegend.“„Wir waren rund 22 Lehrlinge, davon drei wie ich aus Diersheim“, erzählte Bleß, „wir haben viel gelernt - die Lehrlingswerkstatt war unter dem Dach der alten Zigarrenfabrik und die leckere Kantine darunter im Erdgeschoss – und haben richtig gut Geld verdient, wesentlich mehr als die Kumpel im Handwerk – als Lehrling gut 100 D-Mark und als Geselle dann an die 1000 D-Mark im Monat.“

Die jungen Burschen gönnten sich vom ersten Geld jeder ein Moped, dann kam der Führerschein und das erste Auto. „Ein eigenes Auto hatten gerade mal zwei oder drei in meinem Jahrgang“, so Bleß stolz, der später noch eine Weiterbildung im Maschinenbau draufsetzte, dann aber den Arbeitgeber – zur ebenfalls in Rheinau beheimaten RMA als erster Technischer Angestellter – wechselte. „Die Bosch wollte mich ins Ausland schicken“, bedauerte Bleß, „doch dafür war ich zu sehr in den heimischen Vereinen verbandelt.“

Hügel dagegen blieb ganze 48 Jahre bei Bosch, erst in Freistett, später in Bühlertal und dann in Bühl. „Ich habe 1988 den Meister gemacht und im Sondermaschinenbau gearbeitet“, so der Rentner, der jetzt die gute Betriebsrente geniest, „eine feine Sache.“

Nach dem Abriss der alten Industriegebäude wird nun nur noch die damals angelegte Boschstraße von der einstigen Geschichte zeugen.

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