Skip to main content

„Kunst braucht Ideen“

Für die Kunsttherapeutin Eva Kleinmann-Benkeser aus Rheinau gehören Krisen dazu

Kunsttherapeutin Eva Kleinmann-Benkeser hat die Pandemie als eine Chance zum Neuanfang begriffen. Sie wurde als Bildhauerin aktiv.

Kunsttherapeutin Eva Kleinmann-Benkeser in ihrem Atelier in Freistett
Kunsttherapeutin Eva Kleinmann-Benkeser in ihrem Atelier in Freistett Foto: Karen Christeleit

„In dieser Zeit braucht es alles, was lebendig hält“, ist sich Kunsttherapeutin Eva Kleinmann-Benkeser sicher, „Kunst weckt die schöpferische Kraft in uns.“ Gefühle künstlerisch zu verarbeiten, ist so alt wie die Menschheit selbst, auch der therapeutische Nutzen von Kunst ist kein neues Phänomen. Großartige Künstler wie Frida Kahlo, Edvard Munch oder Francisco de Goya bekämpften durch ihre Kunst ihr Leid und ihre Traumata.

Kleinmann-Benkeser, die nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin an der von Siegfried und Rose Marie Pütz gegründeten Hochschule für Kunst, Kunstpädagogik und Kunsttherapie in Ottersberg bei Bremen studierte, setzt dabei auf die Methode des metamorphischen Malens mit Naturfarben. „Überall in der Natur finden wir lebendige sich wandelnde Metamorphosen – sei es der Sonnenverlauf eines Tages, das Werden und Vergehen der Tulpe oder für Kinder die Raupe Nimmersatt – und eben auch in unserem Innenleben“, beschreibt Kleinmann-Benkeser ihren Ansatz, „die Kunst macht dann das Unsichtbare sichtbar und das Unbewusste bewusst.“

Kommunikation jenseits der Sprache

Der bildliche Ausdruck ist sozusagen eine Kommunikationsform jenseits der Sprache: Wie im realen Leben vollziehen sich im Akt des Malens Themen wie Bewegung, Chaos, Struktur, Auflösung und Verdichtung, aber mit einer Linie kann man Grenzen setzen oder überwinden. „Mein Hauptjob ist es, das Bild dann zum Betrachten wegzuhalten“, erklärt sie, „genau da setzt die Kunsttherapie an, sie verhilft durch das Bild zu einem inneren Abstand, den die Realität nicht geben kann, man kann sich alle Zeit der Welt nehmen und sich bereit machen, sich auf einen unbekannten Weg mit ungewissem Ausgang einzulassen. Er führt zu Selbsterkenntnis und Selbstakzeptanz.“

Ihr Fazit: „Weiterentwicklung ist die Aufgabe in jedem Leben und das, was im ersten Blick nach Zerstörung aussieht, ist ein neuer Anfang, Krisen gehören also dazu, denn nur wer hinfällt, kann auch wieder aufstehen.“

2001, nach dem Studium, das ihr Arbeitsfelder von klinisch-medizinischen über sozial- und pädagogische bis hin zu künstlerisch-therapeutischen Bereichen eröffnete, kehrte sie in die Heimat – ins Hanauerland – zurück. „Das Studium war eine tiefgreifende, fügende Lebensentscheidung, mit dem mein neues Leben begann“, erinnert sich Kleinmann-Benkeser, „und ich habe keinen Tag bereut.“ Zunächst bot sie Maltherapie im Projekt „Amsel“ für Multipler Sklerose Betroffene in Baden-Baden an, parallel engagierte sie sich im Bühler Kifaz beim Sommerferienprogramm und bekam eine halbe Stelle als Sozialpädagogin.

Lange Jahre Sterbende begleitet

2003 zog sie mit Ehemann Jürgen und Tochter Noe nach Freistett und gab in ihrem Atelier über zehn Jahre hinweg künstlerische Kurse für Kinder und Erwachsene. Lange Jahre begleitete die heute 55-Jährige im Bühler Palliativzentrum Sterbende und ihre Angehörige, half ihnen verborgene Erinnerungen aufzuspüren, Gefühle zuzulassen und zur inneren Ruhe zu finden, bevor sie in der Diakonie Kork als Kunsttherapeutin Menschen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen anleitete.

Ihr Ziel war es, ihre besonderen Begabungen zu fördern und dass sich die Menschen öffnen, sich selbst ausdrücken zu lernen. Sie feierte mit den Künstlern auf vielen Ausstellungen große Erfolge und holte auch das Kunstsymposium nach Kork. „Es waren klasse bis krasse Jahre, insbesondere die Jahre der Pandemie waren schwer, wir haben die Leute durchgebracht, aber die Angst hat viele von uns gefressen“, resümiert die Kunsttherapeutin, die Corona als Chance für einen Neuanfang begriff, „Eva neu am Start, die Zeit der Pandemie hat mir gezeigt, dass ich meine eigene Entwicklung vorantreiben muss und so gebe ich jetzt wieder mir in meinem Atelier neue Impulse und anderen Menschen Raum.“

Für Kinder öffnete sie in diesem März das Kinderatelier

Sie selbst wurde als Bildhauerin aktiv. „Ich sammle Treibholz und gehe dem nach, was darin schlummert“, erklärt die Künstlerin, die auch in der Malerei wieder daheim ist und die sich sicher ist, „der Prozess Kunst braucht Ideen, sonst wird es Basteln.“

Für Kinder öffnete sie in diesem März das Kinderatelier in Ferienzeiten, für Kindergeburtstage oder für spezielle Projekte. „Heute werden Kinder über den Verstand gefüttert, Individualität und Kreativität kommen dabei viel zu kurz“, meinte die Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter, „bei mir dagegen wird die Platte geputzt, kommen sie weg vom Festgelegten, hier zählt nur die Freude am Malen.

Dabei schöpfen die Kinder aus sich selbst und so werden Schüchterne aktiv, Hyperaktive ruhig und Ängstliche gewinnen Selbstvertrauen.“ Auch Kleinmann-Benkeser selbst lerne jeden Tag dazu und werde immer wieder neu gefordert. „Früher dachte ich ‚ich muss dies und das tun‘, heute weiß ich um die Qualität des Lassens“, erklärt sie lächelnd.

Ihre Angebote für Erwachsene sind das Offene Atelier am Dienstagnachmittag oder das gemeinsame Farb- und Malerlebnis in „Malzeit“ als auch ihre temporären Projekte wie die Sommeraktion „Malen am Rhein“ oder „Auszeit im Himmelhof in Schiltach im Oktober.“

„Die einzige Voraussetzung zur Teilnahme an meinen Kursen und Malbegleitungen ist die Bereitschaft, sich darauf einzulassen“, sagt sie, „manchmal braucht es nur den Mut anzufangen.“

nach oben Zurück zum Seitenanfang