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Podiumsdiskussion in Offenburg

Strukturen der Gesundheitsversorgung im Ortenaukreis sind überholt

Nicht nur in den Kliniken ist viel zu tun: Der Ortenaukreis hat den ambulanten Sektor des Gesundheitssystems beleuchtet - und viele Verkrustungen gefunden.

Verkrustete Strukturen und unzufriedene Patienten: Mit seinen Strukturgesprächen versucht der Kreis, einen Blick auf das gesamte Gesundheitswesen in der Region zu richten. Foto: Arno Burgi /dpa

Landrat Frank Scherer wünscht sich „einstürzende Mauern“, seine Amtsleiterin Evelyn Bressau will in Berlin mal den einen oder anderen Politiker „so richtig schütteln“. Die Ansage beim „Fachtag zur sektorenübergreifenden Gesundheitsversorgung“ am Montag im Offenburger Landratsamt macht deutlich: Die Akteure im Gesundheitswesen stehen unter massivem Druck. Und das liegt nicht nur am lauten Streit um die 1,3 Milliarden Euro teure Klinikreform. Es liegt daran, dass die Politik in der Region mit ihren Ideen immer wieder an überholten Strukturen scheitert.

„Es ist eigentlich nicht zu wenig Geld im System enthalten, es geht eher um die Frage, wie es fair und angemessen verteilt wird“, sagt Joachim Fischer, Direktor des Instituts für Public Health an der Uni Heidelberg. Das heutige Gesundheitssystem sei in einer Zeit erfunden worden „als gerade mal jeder dritte Haushalt ein Telefon hatte“. Mit anderen Worten: Es hat sich in seinen Grundzügen überlebt.

Dicke Bretter sind zu bohren: Sozialminister Manne Lucha im Gespräch mit Landrat Frank Scherer und den Moderatoren Sarah-Kristina Wist und Johannes Nöldeke. Foto: Berthold Baumeister

Doch wer Reformen will, muss dicke Bretter bohren. Ein Beispiel: Die so genannten Genesungsbetten, die laut Landrat Scherer in den aufzugebenden Klinikstandorten eingerichtet werden sollen. „Es wäre keine teurere Lösung als jetzt, aber medizinisch und menschlich die bessere“, sagt der Landrat zu der Idee.

Doch die Bedenken folgen auf dem Fuße. Sie fürchte, dass die Kliniken dies als Anreiz empfinden könnten, die Fallpauschalen für bestimmte Behandlungen einzustreichen und die Patenten danach schnellstens in die Genesungsbetten zu verlegen, wo erneut Kosten anfallen, warnt Petra Spitzmüller, stellvertretende Geschäftsführerin der AOK Südlicher Oberrhein. „Wie“, so fragt sie, „finanzieren wir das Töpfe-übergreifend?“

Seit mehr als zwei Jahren befasst sich der Ortenaukreis mit der „sektorenübergreifenden Gesundheitsversorgung“. Der Begriff ist so spröde wie das Thema. Letztlich geht es um die Frage, wie man die Zusammenarbeit zwischen ambulanten und stationären Angeboten flexibler gestalten kann.

Mehrere Monate Wartezeit auf Facharzttermin

Während die Arbeit der Kliniken in der öffentlichen Debatte seit Jahren zerpflückt wird, bleibt der Bürger mit seinem Frust über die Versorgung mit niedergelassenen (Fach-)ärzten allein. Denn offiziell ist alles in Butter. „Viele Bürger haben uns gesagt, dass man sechs Monate auf einen Facharzttermin warten muss“, sagt Evelyn Bressau, Chefin des Gesundheitsamts beim Kreis. Auf der anderen Seite sei der Ortenaukreis, gemessen an der Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundeasausschusses (GBA), mit Ärzten überversorgt. „Irgendetwas kann da nicht stimmen“, folgert Bressau.

Dass der Kreis sich seit zwei Jahren intensiv mit diesem Thema befasst, das ihn eigentlich nur da berührt, wo er selbst mit seinen medizinischen Versorgungszentren aktiv ist, liegt an der Klinikreform. Wenn Krankenhäuser schließen, so die Sorge vieler Bürger, dann fällt auch die dort angesiedelte Notfallversorgung weg.

Diese Befürchtung aber, so Bressau, beruhe auf einem Irrtum: „Wir haben gemerkt, dass vielen Bürgern schon vorher nicht klar war, dass sie schon heute, zum Beispiel bei einem Schlaganfall, zum besten Spezialisten gebracht werden, ohne Umweg über das örtliche Krankenhaus“. Eine von rund 1.000 Erkenntnissen aus den sechs Strukturgesprächen, in denen der Kreis im vergangenen Jahr versucht hatte, herauszufinden, wo die Menschen bei der medizinischen Versorgung der Schuh drückt.

Strukturen im Kreis sind reformbedürftig

Die große Runde am Montag im Landratsamt mit Sozialminister Manne Lucha – zu der Vertreter der Medizinberufe gekommen waren, aber auch Kreisräte und Bürgermeister – bot jetzt eine Art Zwischenbilanz, die recht durchwachsen ausfiel. Die Strukturen, so wurde deutlich, sind reformbedürftig, vieles läuft offenbar umständlicher als es sollte, und es dauert sehr viel länger.

„Es ist in unserem Interesse, dass die Menschen nicht von Pontius zu Pilatus geschickt werden und dass nicht für eine Diagnose sechs Mal Blut abgenommen wird“, sagt Lucha. Dies aufzubrechen, das dauert viel zu lange. „Wir sollten deutlich schneller werden“, so Lucha, „ich schüttle mit Frau Bressau mit“.

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