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Corona belastet den Circus Bely

70.000 Euro Futterschulden und ein kaputtes Zelt: So feiert eine Zirkusfamilie Weihnachten in Rastatt

Seit 35 Jahren schlägt Circus Bely sein winterliches Quartier stets in Rastatt auf. Traditionell wird dort auch Weihnachten gefeiert. Getrübt wird das Fest von Existenzsorgen.

Heimelige Atmosphäre: Ein Christbaum ziert das Innere des Wohnwagens, in dem Marina Frank-Bely gemeinsam mit ihrer großen Zirkusfamlie das Weihnachtsfest gefeiert hat. Foto: Stefan Maue

Lässig klettert Maddox über den kleinen Zaun. Es dauert nicht lange, dann ist er umringt von zehn Alpakas. Maddox streut langsam das Müslifutter aus und die Tiere laben sich mit großem Eifer an ihrem Mahl, das sie am ersten Weihnachtsfeiertag kredenzt bekommen. Der Junge beobachtet mit sichtlichem Vergnügen, wie sich die Alpakas um ihn scharen, wenn er die Fütterung übernimmt.

Kinder in Rastatt kennen Maddox vom Alpaka-Spaziergang

Der Siebenjährige gehört zu den jüngsten Mitgliedern von Circus Bely, der die Weihnachtstage einmal mehr im Winterquartier auf dem Merzeau-Gelände verbracht hat.

„Ich habe einen Plastik-Dinosaurier geschenkt bekommen“, erzählt der kleine Junge voller Stolz von seinem weihnachtlichen Präsent, während er seine Blicke kaum von den Alpakas loseisen kann, die von dem Müsli am Ende kaum noch etwas übrig lassen.

Alle hören auf sein Kommando: Der siebenjährige Maddox übrnimmt die Aufgabe, am Weihnachtsmorgen die Alpakas zu füttern. Foto: Stefan Maue

„Oft kommen auch Kinder aus der Umgebung vorbei und begleiten Maddox beim Spaziergang mit den Alpakas“, erzählt Zirkuschefin Marina Frank-Bely, deren Unternehmen nun schon seit 35 Jahren den Winter in Rastatt verbringt.

Wir sind alle sehr gläubige Menschen.
Marina Frank-Bely, Zirkuschefin

„Weihnachten ist unser Fest“, verdeutlicht Frank-Bely die hohe Bedeutung für ihre Familie. Geburtstage, Silvester und Neujahr spielten derweil kaum eine besondere Rolle. „Wir sind alle sehr gläubige Menschen“, fügt sie hinzu und erzählt, wie der Heilige Abend abgelaufen ist. „Wir haben erst noch unsere Kinder in Waiblingen abgeholt, wo sie bei dem dortigen Weihnachtscircus mit aushelfen.

Dann wurde zusammen gegessen. Es gab Enten- und Gänsekeulen, Rotkraut und Klöße“. Und: „Die Geschenke hat am späteren Abend dann der Weihnachtsmann gebracht“, berichtet sie. Klar, dass sie daraus ein Geheimnis macht, wer in diese Rolle schlüpft, denn die Kinder sollen es nicht wissen.

18 Personen versammeln sich vor dem Tannenbaum

Mit allen Familienmitgliedern, Kindern und Enkelkindern versammeln sich immerhin 18 Personen in dem gemütlichen Wohnwagen auf dem Merzeau-Gelände, der entsprechend weihnachtlich dekoriert und natürlich auch mit einem passenden Tannenbaum ausgestattet ist.

„Unsere Tiere gehören aber auch zur Familie, genauso wie unsere Kinder“, betont Marina Frank-Bely. Immerhin 80 Stück zählen zum Inventar, darunter 17 Pferde, 22 Kamele, zehn Alpakas, Wasserbüffel, Watussirinder und Fleckvieh.

Erwartungsvoll: Die sibirischen Kamele erhalten ihre heiß ersehnte Ration Heu, die ihnen Harry Frank verabreicht. Foto: Stefan Maue

„Wir wünschen jedem Tier frohe Weihnachten“, sagt die Chefin. Zusätzlich werden als besondere Leckerlis Brot mit Salz und für die Hunde ein erlesenes Nassfutter verabreicht.

Wir müssen jeden Tag viele hungrige Mäuler stopfen.
Marina Frank, Zirkuschefin

Nach Heiligabend beginnt dann aber gleich wieder der Alltag. Schon am ersten Weihnachtsfeiertag um 6.30 Uhr sind einige Familienmitglieder in Richtung Kehl unterwegs. Dort wartet eine größere Menge Heu, die abgeholt werden soll. „Wir müssen ja jeden Tag viele hungrige Mäuler stopfen“, weiß Frank-Bely, die sich dankbar zeigt für die Hilfe vieler Landwirte, aber auch von Privatleuten, die den Zirkus seit Jahren kennen, gerade weil er in Rastatt mittlerweile fest verwurzelt ist.

Zirkuszelt muss in Hamburg repariert werden

Drei große Rollen Heu, zweieinhalb Zentner Quetschhafer, zwei Zentner tiergerechtes Müsli und Hundefutter werden pro Tag benötigt. Die Existenzsorgen bleiben. „Wir haben 70.000 Euro Futterschulden“, verrät die Chefin und das Wasser in den Augen zeigt, wie sehr ihr das zu schaffen macht, weil sie nicht weißt, wie es wegen Corona weiter geht.

Ich mache momenan nur alle zwei Tage Liegestütze.
Nanja Frank, Luftakrobatin

Auf dem Merzeau-Gelände konnte Circus Bely im September und Oktober lediglich 16 Vorstellungen durchziehen. „Zu normalen Zeiten sind es 250 bis 270“, beschreibt Frank-Bely die Diskrepanz zur Situation vor Corona. Ein weiteres Problem: Durch kräftige Windböen wurde jüngst das Zirkuszelt in Mitleidenschaft gezogen: „Wir haben es nach Hamburg transportiert und hoffen, es bald wieder zu bekommen“, erklärt Frank-Bely.

Kein Training am Feiertag: Direkt neben den Alpakas besteht für die Zirkusartisten in der Halle auf dem Merzeaugelände die Möglichkeit, sich fit zu halten. Foto: Stefan Maue

Mithin können auch die Artisten der Familie nicht so trainieren wie gewohnt. „Ich mache momentan nur alle zwei Tage Liegestützen“, sagt Nanja Frank, deren eigentliches Metier die Luftakrobatik ist. Trotz aller Probleme und Frank-Belys Einschätzung, dass „wir Überlebenskünstler sind“ – die Chefin verliert ihre Lebensfreude nicht: „Wir sind einfach Gott dankbar, dass Mensch und Tier bei uns gesund sind.“

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