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Weihnachtsaktion der Seniorenhilfe

93-jährige Seniorin aus Rastatt: „Man gewöhnt sich an alles, wenn man sieht, dass es nicht anders geht“

Die Seniorenhilfe Rastatt bringt mit ihren kleinen Weihnachtsgeschenken Licht in die Pflege- und Seniorenheime im Landkreis. Eine beschenkte 93-Jährige erzählt, warum sie keine Angst vor dem Virus hat und auch keinen Groll gegenüber den Politikern verspürt.

Weihnachtsgeschenk: Klaus Peter Hellwig (Zweiter von rechts) und Sarah Schereda (rechts) von der Seniorenhilfe Rastatt besuchen die 93-jährige Elisabeth Bockel (Zweite von links) und übergeben ihr ein kleines Weihnachtsgeschenk. Mit dabei auch Annette Westhof, die kaufmännische Leiterin im Martha-Jäger-Haus in Rastatt. Foto: Gundi Woll

Flucht, Verschleppung und Gefangenschaft. Elisabeth Bockel hat in ihrem Leben schon viel durchgemacht. Die 93-Jährige hat ihr Leben lang gearbeitet. Seit zwei Jahren wohnt sie nun schon im Rastatter Seniorenheim Martha-Jäger-Haus. Bis vor einem Jahr ist sie noch mit dem Fahrrad zur Bank gefahren. Jetzt spürt sie, dass es jeden Tag etwas langsamer geht. „Wenn große Schritte nicht mehr gehen, mache ich halt kleine“, sagt Bockel. Sie nimmt das Leben eben, wie es kommt.

Doch jetzt mit fast 94 Jahren ist sie müde. „Ich fange an, mich zurückzuziehen. Irgendwann muss auch das Ende kommen. Es kann nicht ewig dauern.“ Die gläubige Katholikin ist bereit für den Tod. Nur das mit dem Sterben ist immer so eine Sache. „Der Kopf stimmt noch“, sagt sie. So soll es auch bleiben. Bis zum Ende. Es soll schnell gehen, wie damals bei ihrem Sohn. Als selbstbestimmter Mensch will Bockel aus dem Leben scheiden. In Würde.

Seniorenhilfe verteilt Weihnachtsgeschenke, muss aber auf Besuche verzichten

Bis es soweit ist, wartet sie, dreht im Seniorenheim ihre Runde mit dem Rollator oder spielt mit einer Mitbewohnerin Mensch-ärgere-dich-nicht. Am liebsten aber sitzt sie im Massagesessel oder liest ein Buch bis tief in die Nacht. Über den Besuch von Klaus Peter Hellwig und Sarah Schereda von der Seniorenhilfe Rastatt freut sie sich aber immer noch. Der Rentner ist einer von 55 ehrenamtlichen Helfern, die sich um die über 80-jährigen Senioren im Landkreis kümmern. Seit 39 Jahren macht er das.

Die Senioren freuen sich riesig, wenn sie von einem aus ihrer Heimatstadt besucht werden. Sie sehen dann, dass man an sie denkt.
Klaus Peter Hellwig / Seniorenhilfe Rastatt

Seit zehn Jahren gibt es die Adventsaktion, bei denen Hellwig Rastatter Senioren besucht, die in Pflegeheimen leben. Er redet mit ihnen übers Leben, die Gesundheit, die Familie. „Die Senioren freuen sich riesig und blühen richtig auf, wenn einer aus ihrer Heimatstadt kommt. Sie sehen dann, dass man an sie denkt. Manchmal ist das Gespräch lang, manchmal nur ganz kurz.“

Um die 460 über 80-jährige Senioren erhalten das Weihnachtsgeschenk: eine Duschlotion, ein kleines Saftfläschchen, ein Einkaufsgutschein und eine weihnachtliche Grußkarte des Oberbürgermeisters. Senioren, die Grundsicherung beziehen, erhalten Weihnachtsgeld in Höhe von 100 Euro.

Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Rastatter Alten- und Weihnachtshilfe ins Leben gerufen, um bedürftige Senioren finanziell, mit Sachspenden oder Lebensmitteln zu unterstützen. 1992 wurde daraus ein Verein. Seit 2005 nennt er sich Seniorenhilfe Rastatt.

Die Corona-Beschränkungen haben die Heimbewohner zusammengeschweißt.
Annette Westholt / Kaufmännische Leiterin des Martha-Jäger-Hauses

Die Weihnachtsgeschenke sind eine kleine Geste, der in Zeiten von Corona eine besondere Bedeutung zukommt – auch wenn sie diesmal nicht mit einem persönlichen Besuch verbunden ist, sondern von der Heimleitung übergeben werden. Es sind nicht nur die beschränkten Kontakte zu Familienmitgliedern und Freunden. Auch die Veranstaltungen würden den Senioren fehlen, berichtet Hellwig.

Um das ein bisschen aufzufangen, gab es im Innenhof des Senioren- und Pflegeheims viele Konzerte. „Jetzt in der Adventszeit singen wir gemeinsam Weihnachtslieder. Im Innenhof steht dann der Sänger und die Senioren stehen an den Fenstern“, erzählt Annette Westholt, die für die kaufmännische Leitung des Martha-Jäger-Hauses verantwortlich ist. „Die Corona-Beschränkungen haben die Bewohner zusammengeschweißt. Sie haben auch nicht mehr das Bedürfnis, mit großen Menschenmengen zu feiern.“

Soziale Kontakte: konnten ältere Menschen in Senioren- und Pflegeheimen während des ersten Lockdowns nur noch mit großem Abstand oder per Telefon pflegen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Elisabeth Bockel ist am Ende ihres Lebens angekommen. Es wäre nur allzu verständlich, wenn sie auf die Bundes- und Landesregierung wütend wäre. Immer wieder wird die Kritik laut, dass die von ihnen beschlossenen Corona-Maßnahmen die Selbstbestimmungsrechte elementar beschneiden. Und das gerade jetzt, wo die Zeit für die Seniorin so endlich ist.

Seniorin fühlt sich im Heim geborgen

Während des ersten Lockdowns durfte Bockel das Seniorenheim nicht verlassen. Mehrere Wochen lang dauerte das Kontaktverbot. Ihre Verwandten aus Rastatt und Gaggenau mussten unten im Garten bleiben, während sie auf dem Balkon stand. Privatsphäre gab es so natürlich nicht. „Wenn wir etwas zu besprechen hatten, dann haben wir das immer übers Telefon gemacht.“

Es zieht mich nicht mehr raus. Ich fühle mich so geborgen hier im Heim.
Elisabeth Bockel / wohnt in einem Seniorenheim

Doch die 93-Jährige ist nicht wütend. Sie ist auch nicht traurig. Spaziergänge und Besuche sind ja wieder erlaubt. Nur draußen spazieren geht die Seniorin nicht mehr. „Das Wetter ist so schlecht und bis zur St.-Alexander-Kirche schaffe ich es mit den Knien nicht mehr.“ Sie hat auch kein Verlangen danach. „Es zieht mich nicht mehr raus. Ich fühle mich so geborgen hier im Heim.“

„Ich war ich immer zufrieden“, erklärt die 93-Jährige. „Am Anfang waren die Corona-Maßnahmen nicht angenehm. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Man gewöhnt sich an alles, wenn man sieht, dass es nicht anders geht. Ich war mein Leben lang nie anspruchsvoll.“

Angst vor dem Coronavirus hat sie nicht. „Ich bin ziemlich abgebrüht“, sagt die taffe Seniorin und lacht. Drei Kinder, acht Enkel und 16 Urenkel hat sie. An ihrem 90. Geburtstag kamen 95 Familienmitglieder zusammen. Weihnachten feiert Elisabeth Bockel in diesem Jahr vielleicht für sich. Nicht weil sie es muss, sondern weil sie es will.

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