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Gefahr bei Baggerarbeiten

Baubranche beklagt ein zunehmendes Chaos im Boden – Rastatter Firmen wünschen sich besseren Überblick

Immer mehr Rohre, Leitungen und Kabel durchziehen den Boden. Damit steigt auch die Gefahr von Schäden bei Baggerarbeiten. Die Baubranche beklagt ein zunehmendes Leitungschaos, für das sich keiner verantwortlich fühlt. Die Rastatter Firmen und auch die Stadt selbst würden sich einen genaueren Überblick wünschen.

Präventionskurs für Baggerfahrer: Hier wird vor Augen geführt, was passiert, wenn versehentlich ein Stromkabel getroffen wird. Foto: pr

In Zeiten von Homeoffice sind die Menschen mehr denn je auf gut funktionierende Kommunikationsleitungen angewiesen. Wenn die Videokonferenz plötzlich unterbrochen wird oder die heißgeliebte Netflix-Serie ausfallen muss, kann das am durchtrennten Breitbandkabel liegen. Bei solchen Noteinsätzen wegen gerissener Kabel, defekter Gasleitungen oder gebrochener Wasserrohre muss es meist schnell gehen. Schlecht nur, wenn der Baggerfahrer nicht genau weiß, wo denn nun die Kabel, Rohre und Leitungen verlaufen.

Die Bauwirtschaft Baden-Württemberg spricht inzwischen von einem „Netzwerkchaos im Boden, für das sich keiner zuständig fühlt“. Jedes Jahr werde das Wirrwarr an Wasserleitungen, Abwasserrohren, Stromleitungen, Breitbandkabeln und Leerrohren im Erdreich größer. Damit steige die Gefahr, dass durch Baggerarbeiten versehentliche Schäden entstehen. Diese verursachen jährlich Kosten in Höhe von „mindestens 500 Millionen Euro“. Zur Verantwortung gezogen würden meist die Bauunternehmen, moniert die Baubranche. Etliche Rastatter Baufirmen können den Kabelsalat und die oft teuren Folgen bestätigen.

Oft ist nicht das im Boden, was laut Lageplan drin sein sollte – oder umgekehrt.
Walter Himmel, Bauunternehmer

„Für uns sind die oft kreuz und quer verlegten Leitungen ein großes Problem. Im Vorfeld jeder Baumaßnahme müssen wir uns recht mühsam von allen, die in diesem Bereich Leitungen verlegt haben, sämtliche Lagepläne besorgen. Wobei es nicht immer einfach ist, die Netzbetreiber ausfindig zu machen“, berichtet etwa Walter Himmel, der zusammen mit seinem Sohn Christoph die gleichnamige Rastatter Baufirma leitet.

Lagepläne müssen mühsam angefordert werden

„Der Aufwand ist so hoch, dass wir inzwischen eine Extra-Liste führen und eine Teilzeitkraft beschäftigen. Sie ist nur damit befasst, oft an fünf verschiedenen Stellen diese Pläne anzufordern“, berichtet Himmel. Damit sei aber noch lange nicht garantiert, dass die Pläne auch stimmen und die Firma exakte und vollständige Informationen über alle vor Ort vorhandenen Leitungen erhält. „Oft ist nicht das im Boden, was laut Lageplan drin sein sollte – oder umgekehrt. Aus Kostengründen bleiben viele Leitungen einfach im Erdreich.“

Es fehlt eine genaue Übersicht

Wo Auskünfte zur Lage von Abwasser- und Versorgungsleitungen zu ungenau sind, gebe es die Möglichkeit, einen Saugbagger einzusetzen. „Das kostet rund 200 Euro pro Stunde“, sagt Himmel. Nötig wäre aus seiner Sicht ein zentraler Übersichtsplan. Wenn etwas passiere, gebe es immer viele Diskussionen. Diese endeten meist damit, dass der Schadensverursacher auf seinen Kosten sitzen bleibt.

Martin Dauenhauer, Geschäftsführer von Dauenhauer Wohnbau in Rastatt, bestätigt: „Es kommt häufig vor, dass man eine Leitung abreißt und dann die Rechnung dafür bekommt.“ Bei jeder zweiten Baustelle gebe es inzwischen Probleme, obwohl die Baggerfahrer für das Problem sensibilisiert seien.

Ein städtischer Koordinator wäre sinnvoll und für uns eine große Erleichterung.
Martin Dauenhauer, Bauunternehmer

„Die Pläne, die man vom Tiefbauamt erhält, stimmen nur selten mit dem überein, was man vor Ort vorfindet. Sie sind oft nicht vollständig. Nur selten befinden sich die Leitungen dort, wo sie eingezeichnet sind“, moniert auch Dauenhauer. Sinnvoll wäre aus seiner Sicht ein Ansprechpartner vor Ort, der als „städtischer Koordinator“ auf alle Versorger zugreifen kann, über alle notwendigen Daten verfügt und das weitere Vorgehen steuert. „Das wäre eine enorme Erleichterung für uns“, so der Geschäftsführer.

Das Bauloch an der Amalie-Struwe-Straße Foto: Vetter

Wie die städtische Pressestelle nach Rückfrage beim Tiefbauamt mitteilt, gibt die Stadt Rastatt den Baufirmen Auskunft über Art und Lage der städtischen Kanalleitungen. „Informationen zu anderen Leitungen müssen aber bei den entsprechenden Leitungsträgern angefragt werden“, so die stellvertretende Sprecherin Heike Vetter. „Wir haben zwar im Geoinformationssystem auch Daten fremder Leitungsbetreiber hinterlegt. Diese dienen aber nur der internen Information, da wir nicht für deren Genauigkeit und Aktualität garantieren können.“

Stadt Rastatt würde zentrale Stelle für Leitungsauskünfte begrüßen

Präventiv wird die Stadt laut Vetter insofern tätig, als das Verlegen von Leitungen im öffentlichen Raum nur nach entsprechender Genehmigung erfolgen darf und von einer qualifizierten Fachfirma ausgeführt werden muss. Die Genauigkeit der Auskünfte oder Daten zur Lage der Leitungen könne nicht konkret angegeben werden, sei aber vergleichsweise hoch, sagt Vetter.

Begrüßenswert wäre aus Sicht der Stadt eine zentrale Koordinierungsstelle für Auskünfte beziehungsweise ein zentrales Online-Verzeichnis für sämtliche Leitungsnetzwerke im Land. „Das würde sowohl den Rechercheaufwand als auch die Vorlaufzeiten und den Risikofaktor verringern.“ Zum Thema „Haftung bei Leitungsschäden“ erklärt Vetter: „Die ausführende Firma muss selbst die entsprechenden Daten einholen. Beschädigt sie eine Leitung trotz Kenntnis über deren Existenz, so haftet sie hierfür. Sollte jedoch eine städtische Leitung in einem Bereich beschädigt werden, in dem laut vorheriger Auskunft der Stadt keine Leitung vorhanden ist, so trägt die Stadt den Schaden. Ein derartiger Fall ist uns aber nicht bekannt.“

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