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Hauptthemen 2020: Einsamkeit und Angst

Corona beschert Telefonseelsorgern in Rastatt viel Arbeit

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie gehen mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge ein als in normalen Zeiten. Die Leiterin der Rastatter Einrichtung, Pfarrerin Bettina Grimberg, erwartet hohen Gesprächsbedarf an den Feiertagen. Ein Hauptthema in diesem Jahr: Einsamkeit.

Hilfe am Handy: Auch in der Weihanchtszeit ist die Telefonseelsorge unter den unter den Nummern 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 zu erreichen. Zudem kann unter anderem auch die Chat-Seelsorge im Internet genutzt werden. Foto: Miachael Kappeler/dpa

Jobverlust, Kurzarbeit, Existenzangst, Furcht vor Ansteckung, kaum Sozialkontakte, fehlende Nähe zu Freunden und Verwandten, Einsamkeit. Das sind nur einige Schlagworte des zu Ende gehenden Corona-Jahres 2020. Und es sind auch nur einige der Themen, die die Arbeit der Telefonseelsorge in diesem Jahr geprägt haben und sie „vermutlich noch längere Zeit“ prägen werden.

Im Einsatz für Menschen in akuten Krisen und schwierigen Lebenslagen: Pfarrerin Bettina Grimberg erwartet einen hohen Gesprächsbedarf an den Feiertagen. Foto: Ralf Joachim Kraft

Träger der Einrichtung sind die katholische und die evangelische Kirche. Pfarrerin Bettina Grimberg, Leiterin der Telefonseelsorge Karlsruhe, in deren Einzugsbereich auch die Stadt Rastatt und der nördliche Landkreis Rastatt gehören, hatte in diesem Jahr viel zu tun – und nicht nur sie.

„Die Drähte haben geglüht. Das ganze Jahr über war bei uns sehr viel los“, berichtet sie im Gespräch mit dieser Redaktion von bislang 11.500 Anrufen, „also 32 pro Tag“. Mit einer hohen Frequenz rechnet sie auch an Weihnachten, in der Zeit zwischen den Jahren und zu Silvester. „Denn zum Jahresende hin kocht vieles hoch, wird den Menschen manches noch bewusster. Sorgen und Nöte erscheinen oft in einem ganz anderen Licht. Nicht alle freuen sich auf die Feiertage. Manche fürchten sich auch davor, weil es für sie eben keine Zeit der Freude und Besinnlichkeit ist“, erklärt Grimberg, die davon ausgeht, dass mehr Menschen anrufen werden als üblich.

Probleme in Familie und Partnerschaft blieben „Dauerbrenner“

„Da wir wissen, dass alles etwas anders wird als sonst, wollen wir zu Weihnachten hin eine Doppelbesetzung einrichten“, berichtet die Pfarrerin, die in der Region 75 ehrenamtliche Mitarbeiter im Einsatz hat. Und zwar rund um die Uhr. Ihr Resümee nach einem Jahr Pandemie lautet: „Einsamkeit, fehlende Nähe und Ängste, gerade auch wegen Corona, haben als Gründe für einen Anruf deutlich zugenommen.“

Daneben gebe es auch „Dauerbrenner“ wie Probleme in Familie, Ehe und Partnerschaft, Trauer um einen Nahestehenden, körperliche Beschwerden, Depressionen, Sucht, persönliche Krisen etwa wegen Arbeitsplatzverlust oder Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags.

 In 657 Gesprächen ging es um Suizid.
Bettina Grimberg, Leiterin der Telefonseelsorge.

In 657 Gesprächen sei es in diesem Jahr um das Thema „Suizid“ gegangen, so Grimberg. „Es haben Menschen angerufen, die sich mit dem Gedanken getragen oder es bereits versucht haben, aber auch Angehörige. Das sind immer sehr schwierige Gespräche, bei denen es wichtig ist, eine Beziehung zu seinem Gegenüber aufzubauen“, sagt Grimberg.

Die Anrufe in der Vorweihnachtszeit drehten sich ihrer Aussage zufolge meist um Fragen wie „Wie werde ich feiern?“, „Wer kommt und wie viele dürfen überhaupt zusammenkommen?“, „Werde ich alleine sein?“, „Läuft alles friedlich und harmonisch ab?“ oder „Kommt es zu Konflikten, die womöglich eskalieren?“.

Gespräche häufen sich am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag

Würden gemeinhin am Heiligen Abend eher weniger Anrufe registriert, so häuften sich die Gespräche wieder am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag. „Oft kommt darin die Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass die Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche nicht erfüllt wurden oder es Streit in der Familie gab.“ Gerade bei alleinstehenden, frisch geschiedenen oder verwitweten Menschen verstärke sich an Weihnachten das Gefühl der Einsamkeit.

Die Mehrzahl der Anrufer sei 40 aufwärts, zwei Drittel seien Frauen. „Wir versuchen als Telefonseelsorger, Menschen in Notsituationen seelsorgerlich nahe zu sein und sie zu begleiten“, erklärt Grimberg. „Für diese Menschen ist es wichtig, dass wir da sind und sie jemanden haben, der ihnen zuhört.“ Es gehe darum, sich auf sein Gegenüber einzulassen, Verständnis zu zeigen für seine Situation und ihm letztlich etwas mitzugeben, das ihn stärkt. „Die Probleme selbst können wir nicht lösen. Aber wir können im Gespräch mögliche Lösungswege aufzeigen, für Entlastung sorgen und dazu beitragen, dass es die Anrufer selbst schaffen.“



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