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Stimmen aus Rastatt und Gaggenau zwischen Verständnis und Schock

Wie Gastronomen, Kulturschaffende und Sportszene auf den erneuten Lockdown reagieren

Gerechnet hatte irgendwie jeder mit neuerlichen Einschränkungen. Von der Intensität der Maßnahmen sind viele dann aber doch überrascht. Gastronomen, Kulturschaffende und Menschen aus der Sportszene aus Rastatt und Gaggenau äußern sich über den erneuten Lockdown.

Der Sportplatz ist verwaist: Manfred Striebich, Vorsitzender der Sportvereinigung Ottenau, bedauert, dass der Amateursport den Betrieb komplett einstellen muss und dass nicht differenziert wird. Foto: Joachim Kocher

„Ich verstehe die Entscheidung ehrlich gesagt nicht.“ Harald Hemprich von der Rastatter Theatergruppe Ensemble 99 ist frustriert. Am 12. November hätte „Lenz“ Premiere gefeiert – das erste Stück nach zehnmonatiger Pause. Jetzt reiht es sich ein in die Liste der Absagen; vier sind es mittlerweile. Die Premiere ist auf Ende Januar verschoben.

Doch ob es dann auf die Bühne kommen kann, steht noch in den Sternen. Bei Lenz spielen zwar nur sieben Personen mit, doch die stammen aus sechs Haushalten. „Wir dürfen also gar nicht proben.“ Zwar hat Hemprich Verständnis dafür, dass es komisch gewesen wäre, die Gastronomie zu schließen, während die Theater offen geblieben wären. „Dass es jetzt so hart kommt, trifft uns trotzdem.“

Theatergruppen geht langsam die Puste aus

Während das Ensemble 99 ein Amateurtheater ist, sind es vor allem die selbstständigen Künstler, Veranstalter oder Bühnenbauer, die jetzt wieder um ihre Lebensgrundlage bangen müssen. „Das macht mir Sorgen“, sagt auch Rastatts Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch, der sich gleichzeitig für die städtischen Kultureinrichtungen – wie etwa den Eigenbetrieb Kultur und Veranstaltungen – stark macht. „Ich sehe diesen Betrieb in keinster Weise gefährdet. Erst recht nicht in dieser Krise.“

Der Geist der Regelung ist ja, Kontakte so früh wie möglich zu reduzieren.
Elisabeth Thalhofer, Erinnerungsstätte im Schloss

Die Maßnahmen von Bund und Ländern zur Kontaktbeschränkung unterstützt das Stadtoberhaupt ganz klar: „Es gibt überhaupt keine Alternative, als diesen Schritt zu gehen und diese Zumutungen auszuhalten.“ Er habe das Infektionsgeschehen in den vergangenen Wochen mit wachsender Sorge betrachtet. „Wir sind fast der Hotspot im gesamten Landkreis.“

Deshalb werde die Stadt in den kommenden Wochen auch streng auf die Einhaltung der neuen Regeln achten. „Verstöße werden wir mit aller Konsequenz verfolgen und bestrafen“, so der OB, der notfalls auch gewillt ist, das Ordnungsamt personell zu verstärken.

Die Erinnerungsstätte im Schloss geht bereits an diesem Freitag in den Lockdown. „Der Geist der Regelung ist ja, Kontakte so früh wie möglich zu reduzieren“, sagt Museumsleiterin Elisabeth Thalhofer. „Das wollen wir umsetzen.“ Eigentlich hätte das Freiheitsmuseum noch an diesem Freitag und am Sonntag öffnen können. Doch weil am Freitag sowieso eine betriebsbedingte Schließung geplant war, bleibt nun auch der Sonntag direkt zu. Der November soll genutzt werden, um an Ideen für die Ausstellung und Veranstaltungen zu arbeiten.

Vereine und Unternehmer bleiben auf hohen Kosten sitzen

Für Lukas Setzler und das Team des Rastatter Fitnessstudios „Adam & Eve“ kommt der Lockdown zu einem ganz schlechten Zeitpunkt. Am 16. November hätte eine weitere Filiale in Haueneberstein eröffnen sollen. „Ich habe hier Werbematerial für einen fünfstelligen Betrag rumliegen. Alles mit Datum“, sagt Setzler. Verständnis für die Zwangsschließung ab Montag hat der Geschäftsführer nicht.

Fitnessstudios seien keine Infektions-Hotspots. Er hätte sich gewünscht, dass der Gesetzgeber zunächst auf andere Verschärfungen gesetzt hätte, zum Beispiel auf Fiebermessungen am Eingang. Einen Teil der Mitarbeiter wird Setzler in Kurzarbeit schicken. Andere bereiten weiter die Neueröffnung vor, die auf den 1. Dezember verschoben ist – falls Studios dann wieder aufmachen dürfen.

Überflüssige Hygieneregeln: Lukas Setzler vom Fitnessstudio „Adam & Eve“ muss seinen Laden am Montag trotz Abstands- und Hygieneregeln für vier Wochen schließen. Foto: Hans-Jürgen Collet

Auch die Sportvereine sind vom Lockdown unmittelbar betroffen. Manfred Striebich, Vorsitzender der Sportvereinigung Ottenau, sieht den Verein gleich dreifach belastet: Zum einen müssen das Training und die Spiele komplett eingestellt werden. Für Striebich nur zum Teil verständlich; schließlich werde bei den mitgliederstarken Fitnessgruppen der Abstand mit jeweils eigenen Isomatten eingehalten und es werde zuhause geduscht. Zweitens treffen die Maßnahmen mit der Schließung der Restaurants auch die Sportgaststätte, „und für uns sind die Pachteinnahmen sehr wichtig“. Und drittens hat die Sportvereinigung vor wenigen Tagen ihre Einladungen zur Jahreshauptversammlung an die 1.300 Mitglieder per Briefpost verschickt – macht rund 1.000 Euro für Portokosten und den Kuvertierservice.

Viele Gastronomen werden diesmal auf der Strecke bleiben.
Mimmo Agostino, „Toni’s Pizza“ in Gaggenau

Beim FV Bad Rotenfels ruht mit sofortiger Wirkung, und nicht erst ab dem 2. November, das Training. „Dabei waren wir gerade jetzt wieder mittendrin im Spielbetrieb“, bedauert Rudi Drützler. Der Vorsitzende bringt Verständnis für den Lockdown auf. Er glaubt aber eher nicht, dass dieses Jahr noch Spiele im Amateurfußball stattfinden werden.

Für Patrick Arena ist der Lockdown ein Schock. Erst vor zwei Monaten eröffnete er das „Pinocchio“ am Rastatter Marktplatz, jetzt muss er schon wieder dichtmachen. Um sich über Wasser halten zu können, wird Arena Speisen zum Mitnehmen anbieten. Er hofft, dass auch er Hilfszahlungen bekommt.

Der Bund hat zugesagt, Gastronomen bis zu 75 Prozent des Umsatzes aus dem November 2019 zu erstatten. Da es das „Pinocchio“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab, hilft Arena das aber nicht weiter. „Ich hoffe sehr, dass sich der Staat durchringt, auch neue Betriebe zu unterstützen, die den Mut hatten, in dieser Zeit zu eröffnen und auch Arbeitsplätze zu schaffen.“

Kurzarbeit allein reicht vielen nicht zum Überleben

In Gaggenau zeigt Michaela Scheffold, Inhaberin des „Ratsstübel“, dagegen Verständnis für die Maßnahmen. Das „Ratsstübel“ zählt 22 Mitarbeiter, darunter acht feste Kräfte. Die meisten werden in Kurzarbeit geschickt, die Aushilfen auf 450-Euro-Basis werden im November keine Arbeit und kein Entgelt haben. Scheffold setzt darauf, mit der angekündigten staatlichen Unterstützung und mit einem Lieferservice ab 16 Uhr den Monat überbrücken zu können.

„Viele Gastronomen werden diesmal auf der Strecke bleiben“, zeigt sich Mimmo Agostino von „Toni’s Pizza“ in der Gaggenauer Fußgängerzone wenig optimistisch und verweist auf die Nachwirkungen der Schließung im Frühjahr. Die staatliche Hilfe reiche da bei Weitem nicht, so Agostino, der auf die hohen Fixkosten wie Miete und Strom verweist. Mit dem Abhol- und Lieferservice verbleibt im November wenigstens ein wirtschaftliches Standbein der Pizzeria.

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