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Betriebsrat will kämpfen

Daimler setzt 607 Leiharbeiter am Werk in Rastatt kurzfristig vor die Tür

Daimler will in Rastatt kurzfristig 607 Leiharbeiter loswerden. Schon nächste Woche soll für die Betroffenen Schluss sein. Der Betriebsrat zeigt sich entsetzt – und gibt sich kämpferisch.

Vertreter des Betriebsrats und der IG Metall informieren vor dem Werkstor über die Situation der Leiharbeiter im Daimler-Werk Rastatt. Foto: Hans-Jürgen Collet

Schichtwechsel: Um 14.30 Uhr strömen viele Mitarbeiter aus Tor 5 des Daimler-Werks Rastatt. Namentlich will sich niemand zu den aktuellen Ereignissen an dem Standort äußern, aber der Tenor ist einhellig: „Das ist eine Sauerei“, sagt ein Beschäftigter im Vorbeigehen.

Schon in wenigen Tagen wird er viele Kollegen verlieren. Der Konzern setzt kurzfristig Ende September 607 Leiharbeiter vor die Tür. Die Mitglieder des Betriebsrats sind entsetzt. Die BNN hatten bereits berichtet, dass es bei Daimler gewaltig rumort.

Vertreter des Gremiums haben sich am Nachmittag vor dem Tor versammelt, um die Öffentlichkeit über ihre Sicht der Dinge zu informieren. Betriebsratsvorsitzender Murat Sür sagt: „Der Konzern hat eine soziale Verantwortung. Dem wird er nicht gerecht.“ Er habe das Gefühl, dass die Aktion „von langer Hand geplant war“.

Betroffene Leiharbeiter bei Daimler haben kurzfristig von Abbestellung erfahren

Erfahren haben die Betroffenen von dem Schritt allerdings ausgesprochen kurzfristig. Am Mittwochnachmittag erhielten viele von ihnen eine E-Mail der Leiharbeitsfirma Dekra, bei der sie beschäftigt sind. Erster Satz: „Leider müssen wir Ihnen heute mitteilen, dass Ihr Einsatz im Werk Rastatt der Mercedes-Benz AG zum 30.09.2021 von der Mercedes-Benz AG beendet wurde.“

Ein Daimler-Sprecher begründet die Entscheidung damit, dass „mit Blick auf die Programmplanung der nächsten Monate nicht alle Zeitarbeitskräfte im Werk Rastatt weiterbeschäftigt werden können“. Ihre Verträge liefen wie vereinbart Ende September aus.

Daimler setzt Leiharbeiter vor die Tür: Mangel an Halbleitern als Grund genannt

Die Dekra führt in ihrer E-Mail an die Betroffenen den Mangel an Halbleitern als Grund an. Wegen der fehlenden Bauteile aus Fernost stand die Produktion im Rastatter Werk in diesem Jahr schon mehrmals still. Die Belegschaft wurde in Kurzarbeit geschickt. Die Halbleitersituation habe leider dazu geführt, dass Daimler geplante dritte Schichten in der Produktion in diesem Jahr nicht mehr aufbauen könne. Dabei sei die Kundennachfrage nach den Produkten nach wie vor sehr hoch.

Die Auftragslage im Werk ist bombig.
Anna Große-Schulte, Betriebsrätin

Es ist vor allem der letzte Punkt, der Betriebsrätin Anna Große-Schule auf die Palme bringt. „Die Auftragslage im Werk ist bombig“, sagt sie. Wenn die Bänder still stünden, liege das einzig daran, dass Chips nicht am richtigen Ort seien.

Daimler hätte im kommenden Jahr 398 Leiharbeiter übernehmen müssen

Einer, der die Dekra-E-Mail bekommen hat, ist Alex W.. Er steht seit 2017 als Leiharbeiter bei Daimler am Band. Aus seiner Sicht ist die Begründung des Konzerns vorgeschoben. In Wirklichkeit gehe es um etwas anderes. Der Konzern müsste einen Großteil der Leiharbeiter im Spätjahr 2022 beziehungsweise Frühjahr 2023 übernehmen. Dies schreibt der Gesetzgeber nach 36 Monaten Leiharbeit vor. „Das wollen sie verhindern“, sagt Alex W..

Auch für den Betriebsrat liegt das auf der Hand. Sür spricht vom „Drehtüreffekt“. Wenn der Konzern die Leiharbeiter abbestellt und sie später wieder ins Werk holt, beginnt die 36-Monats-Frist von vorn. Das war schon einmal 2019 der Fall. 398 der 607 Leiharbeiter stünden konkret im kommenden Jahr zur Übernahme an.

Laut dem stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden Torsten Höink hat die Werkleitung die Abmeldung ohne ausreichende Rücksprache mit dem Betriebsrat durchgeführt. Die Rechte der Dekra-Kollegen würden mit Füßen getreten. Der Schritt sei für viele Familien ein Schicksalsschlag.

Das ist einfach nur schäbig.
Bodo Seiler, IG Metall

Bodo Seiler, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Gaggenau, stößt ins gleiche Horn: „Wie hier seitens der Werkleitung mit Menschen umgegangen wird, die seit Jahren ihr Bestes geben und ebenso zum Unternehmenserfolg beitragen, ist einfach nur schäbig.“ Die Gewerkschaft lasse die Angelegenheit juristisch prüfen.

Sprecher des Autobauers verweist auf 400 Leiharbeiter-Übernahmen seit 2017

Als weiteres Indiz, dass es dem Autobauer lediglich darum gehe, Übernahmen zu vermeiden, wertet der Betriebsrat eine Passage in der Dekra-E-Mail. Darin heißt es: „In diesem Zusammenhang sichert die Mercedes-Benz AG bereits heute zu, dass im ersten Quartal 2022 am Standort Rastatt wieder 300 Zeitarbeitskräfte eingesetzt werden.“

Auch diesmal können die Betroffenen also auf eine Rückkehr ins Werk hoffen. Allerdings wäre ihr Zeitkonto erneut auf null zurückgesetzt. Alex W. ist sich sicher, dass der Standort nicht lange auf die Leiharbeiter verzichten können wird: „Wir machen dort die Arbeiten, die sonst keiner machen will.“

Der Daimler-Sprecher verweist darauf, dass die Zeitarbeit „bei Daimler schon seit Jahren eine Brücke in die Festanstellung“ sei. Seit 2017 habe das Mercedes-Benz-Werk Rastatt mehr als 400 gewerbliche Zeitarbeitnehmer als feste Mitarbeiter übernommen.

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