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Gegenseitige Unterstützung

Für die Dauercamper im Rastatter Freizeitparadies gehört Rasenmähen zum Freundschaftsdienst

Für Touristen ist das Rastatter Freizeitparadies derzeit geschlossen. Dennoch leben hier aktuell 70 Dauercamper, denen ein Aufenthalt aufgrund ihrer persönlichen Situation gestattet ist. Eine eingespielte Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt.

Hans-Jürgen Blaszik und Ehefrau Dagmar wollen ihre Bleibe im Freizeitparadies aufgeben und auf Reisen gehen. Foto: Hans-Jürgen Collet

Der Anblick verleitet zu den schönsten Urlaubsträumen: Direkt am Ufer des Badesees türmen sich Berge von feinstem weißen Sand. „Wir haben hier viele Kieswerke in der Gegend“, sagt Karl-Heinz Krieg. Der Betreiber des Rastatter Freizeitparadieses in Plittersdorf mag sich nicht konkret äußern, wer diese sandige Fracht geliefert hat. Nun muss sie nur noch entsprechend verteilt werden.

Wenige Meter von den Sandbergen entfernt stehen noch diverse Teile einer Bühne auf dem Boden: „Sie wird gerade renoviert“, sagt Krieg und blickt zugleich auf die sorgsam vorbereiteten Blumenbeete nebenan, auf denen bald wieder bunte Blüten die Szenerie erstrahlen lassen sollen.

„Wir machen es so, als wäre alles normal“, sagt Krieg. Aber: Es ist natürlich nicht normal. Für Touristen ist das Rastatter Freizeitparadies genauso geschlossen wie so viele andere Einrichtungen.

Auf dem weitläufigen Gelände, das ansonsten an sonnigen Tagen von Menschen überflutet wird, herrscht absolute Ruhe. Das Areal ist gesperrt für Ausflügler und Erholungssuchende. Nur wer im Besitz einer entsprechenden Codekarte ist, kommt hinein. Klar, wenn jemand einen Handwerker für sein Häuschen braucht, kann er kommen. „Gefahrenabwehr“ heißt das Stichwort.

Der feine Sand, der sich am Ufer des Badesees auftürmt, muss noch verteilt werden. Wann sich hier wieder Touristen und Badegäste tummeln dürfen ist aber völlig unklar. Foto: Hans-Jürgen Collet

Aber auch sonst gibt es noch Leute, die im Freizeitparadies anzutreffen sind – weil sie dauerhaft hier leben, unter die Härtefallregel fallen und eben keine Möglichkeit besitzen, sich eine andere Bleibe zu suchen. Rund 70 solcher Fälle gibt es derzeit im Freizeitparadies. Und: „In der Regel kommen wir mit allen sehr gut aus“, sagt Krieg.

Im Freizeitparadies leben auch während der Corona-Pandemie viele Dauercamper

Einer dieser Dauercamper ist Hans-Jürgen Blaszik. Gemeinsam mit Ehefrau Dagmar und Hund Lissy bewohnt er sein kleines Häuschen – seit über 20 Jahren.

Wenn er es im Zuge der Corona-Verordnung hätte verlassen müssen, wäre einzig das Haus seiner Tochter als Bleibe in Frage gekommen: „Dort hätten dann vier Generationen zusammenleben müssen und das wäre nicht möglich gewesen“, nennt Blaszik den Grund, weshalb er aufgrund der Härtefallregelung weiterhin in seinem Domizil im Freizeitparadies bleiben darf, wobei er viel Lob für die Mitarbeiter des Ordnungsamtes parat hat, denen er seine Situation geschildert hatte.

Obwohl sich der gesundheitlich angeschlagene Blaszik, der aus Gelsenkirchen stammt, in Plittersdorf längst heimisch fühlt, steht er aber kurz vor seinem Abschied aus dem Freizeitparadies.

Mit einem neu erworbenen Wohnmobil will er künftig auf Reisen gehen, so lange wie es seine Gesundheit noch zulässt: „Im Winter nach Spanien, im Sommer in die nordischen Länder, das ist unser Plan“, sagt der 59-Jährige, der sich zusammen mit Frau und Hund in den kommenden Wochen auf den Weg machen will.

Dauercamper Kelsch verlässt sein Domizil nur zum Einkaufen

Wenige Meter neben Blaszik hat Manfred Kelsch seit 1992 sein kleines Domizil mit etwa 48 Quadratmetern Wohnfläche. „Die Ruhe und die tolle Umgebung hier“ schätzt er im Freizeitparadies besonders. Das Gelände verlässt der Rentner allenfalls einmal zum Einkaufen oder zum Kaffeetrinken in der Stadt, falls dies möglich ist.

Zu tun hat er an seinem Haus immer etwas – egal ob ein neuer Anstrich fällig wird oder etwa die Wärmedämmung noch verbessert werden muss. Gerade überlegt er gemeinsam mit seiner Frau, ob er die im Vorgarten stehende, ziemlich verwitterte Bank restaurieren soll. So ganz genau weiß er das aber noch nicht, denn „eigentlich wollen wir auch, dass sie so bleibt wie sie ist.“ Das Schönste für ihn: „Im Sommer noch vor dem Frühstück in den See zu gehen“, davon schwärmt der 71-Jährige besonders.

Besonders die Hilfsbereitschaft in der Rastatter Anlage schätzt Camperin Theobald

Ganz in der Nähe ihres ebenfalls auf dem Gelände wohnenden Sohnes hat sich Gudrun Theobald angesiedelt. Seit fast zwei Jahren ist sie hier und muss sich vor allem um ihren Ehemann kümmern. Er ist nach einem Schlaganfall pflegebedürftig und muss regelmäßig zur Therapie, was zu Coronazeiten nicht so einfach ist. Während Theobald im kleinen Garten werkelt, schätzt sie vor allem auch die nachbarschaftliche Unterstützung unter den Dauercampern: „Jeder hilft dem anderen.“

Als Paradebeispiel dafür kann Wolfgang Stumpf gelten. Er ist gerade beim Rasenmähen – nicht im eigenen Garten, sondern bei einem Nachbarn, der gerade nicht da ist. 1986 kam Stumpf aus der damaligen DDR nach Mannheim: „Wir haben die Ausreiseerlaubnis erhalten, weil wir die schwerkranken Schwiegereltern pflegen mussten“, erinnert er sich. Durch seinen in Ottersdorf wohnenden Sohn kamen er und seine Frau Renate („Wir gehen seit 60 Jahren gemeinsam durchs Leben“) in das Freizeitparadies.

Klar ist: Der 79-Jährige steckt noch voller Tatendrang. „Wer rastet, der rostet“, ist sein Motto und deshalb hilft er auf dem Gelände überall, wo er gebraucht wird: „Das sind Freundschaftsdienste und es macht einfach Spaß“, sagt er, dreht sich um und wendet sich wieder seinem Rasenmäher zu.

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