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Der erneute Lockdown und seine Folgen

Der Vorhang ist gefallen: Rastatter Zirkus kämpft ums Überleben

In diesem Jahr ist die Zirkusfamilie Bely in ihrem Winterquartier in Rastatt geblieben. Wegen Corona durften sie nicht reisen. Jetzt kämpfen sie um ihre Existenz und die ihrer Tiere.

Zirkusfamilie Bely: kämpft um ihre Existenz. Für das Tierfutter müssen sie sich hoch verschulden. Foto: Hans-Jürgen Collet

Wie es weitergehen soll? Zirkuschefin Marina Frank weiß es nicht, die Stimme bricht, Tränen glitzern in ihren Augen. Mindestens 220 Vorstellungen gibt der Rastatter Cirkus Bely jedes Jahr. Wegen der Corona-Pandemie waren es in dieser Saison gerade einmal acht. Von den 500 Plätzen mussten 400 frei bleiben. Schon im Sommer ging es dann zurück auf das ehemalige französische Militärgelände an der Kehler Straße.

34 Winter hat die Zirkusfamilie schon auf dem Merzeau-Gelände verbracht. Es ist ihr erster Sommer in Rastatt – der Stadt, in der Franks Kinder geboren und zur Schule gegangen sind, in der ihr Sohn seine Frau kennengelernt hat und ihr Vater beerdigt wurde.

Wir sind Überlebenskünstler.
Marina Frank / Chefin Circus Bely

Es ist ein Sommer mit wenigen Einnahmen. Der zweite Lockdown treibt die Schulden weiter in die Höhe. Die Idee, das Zirkuszelt für Weihnachtsfeiern an Firmen zu vermieten, hat sich mit den politischen Maßnahmen zerschlagen. Auch Ponyreiten für Kinder geht nicht, da der Abstand von eineinhalb Metern nicht eingehalten werden kann. Der Kampf um die Existenz hat längst begonnen.

Inzwischen dreht sich alles nur noch um die mehr als 80 Tiere: Pferde, Esel, Rentiere, Kamele, Guanakos, Lamas, Alpakas, schottische Hochlandrinder, Wasserbüffel, Watussirinder, Schafe, Ziegen, Hunde, Gänse. „Unsere Tiere sind wie unsere Kinder“, sagt Frank. Eine ihrer Töchter sei gerade mit dem Lkw auf dem Weg nach Frankreich, Futter holen. Bis zu sechs Stunden verbrächten sie auf der Straße, nur um Heu zu beschaffen.

Die Friesenhengste: warten sehnsüchtig auf den nächsten Auftritt. Foto: Stephan Friedrich

In diesem Jahr gibt es wenig Heu. „Die Preise sind explodiert“, sagt die Zirkuschefin. Eine große Heurolle koste bis zu 75 Euro. Vier davon brauchen sie pro Tag. Zu den 300 Euro kommen dann noch die Kosten für das Kraftfutter hinzu. Bei den Fahrzeugen steht der TÜV an. Und die laufenden Kosten wie Strom und Gas gibt es ja auch noch. Die Stadtwerke sponsern den Zirkus seit Jahrzehnten und unterstützen die Familie so finanziell.

Marina Frank ringt um Fassung. Mit bestimmtem Ton sagt sie dann: „Wir sind Überlebenskünstler.“ Krisen habe sie schon viele durchgestanden. Bei einem Hochwasser verloren sie Zelt, Viehwagen, Licht- und Musikanlage. „Gott hat uns noch nie im Stich gelassen. Er wird uns auch diesmal beistehen“, ist sich die Zirkusmama sicher.

Den Pferden fehlt der Applaus.
Marina Frank / Chefin Circus Bely

Die Lichterketten am Zelthimmel blinken. In der Manege warten sechs schwarz glänzende Friesenhengste auf Zuschauer. Doch die Stühle sind leer. „Ihnen fehlt der Applaus“, sagt Artist und Dompteur Nino Frank. Einer der Hengste steigt auf das Podest, das um die Manege herum verläuft. Die anderen machen es ihm nach. „Er denkt, irgendwann muss es doch mal losgehen“, erklärt Nino Franks Mutter Marina.

Leere Zuschauerränge: Einmal in der Woche gibt es eine Vorstellung - ohne Zuschauer. Foto: Gundi Woll

Selbst dem „kleinen Fussel“ ist das Lachen vergangen. Dabei ist Soleyna doch Clownin, die jüngste in Europa noch dazu, wie Papa Nino Frank stolz ergänzt. Eineinhalb Jahre alt ist das Mädchen mit der blonden Haarpalme auf dem Kopf und dem pinken Anorak.

Sie ist hineingeboren in eine Familie, die es gewohnt ist, immer nur im Winter mehrere Monate am Stück an einem Ort zu sein. Die Zelte abbrechen, sie woanders neu aufschlagen, Vorstellungen geben und die Zelte wieder abbrechen, um weiterzuziehen – dieses Leben kennt Soleyna nicht.

Ihre vierjährige Schwester Sumish und ihr fünfjähriger Cousin Maddox haben schon ein paar Spielzeiten miterlebt. Dass sie wegen des Coronavirus nicht mehr auftreten dürfen, können die Kinder nicht verstehen. „Ohne die Vorstellungen und die Zuschauer ist es schwierig, sie fürs Training zu motivieren“, sagt Großmutter und Zirkuschefin Marina Frank. Sie lernen ein bisschen Bodenakrobatik und verbringen ihre restliche Zeit bei den Tieren.

Kamelbaby: In diesem Jahr gab es sechs Kamelbabys. Vier warten noch auf eine Patenschaft. Foto: Stephan Friedrich

Für die Erwachsenen ist es besonders hart. Sie versuchen, die existenzbedrohende Krise von den Kindern fern zu halten, kümmern sich um die Tiere und absolvieren ihre Trainingseinheiten in der Luft, zu Pferd oder am Boden. Nur für wen? Ohne Vorstellungen, ohne das Publikum ist der Zirkus kein Zirkus mehr.

Im Kamelhaus sitzt Nino Frank auf einer Trainingsbank und stemmt seine Langhantel. Die Muskeln braucht er für den nächsten Auftritt. Irgendwann. Er hat die Hoffnung nicht verloren.

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