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Sehnsucht nach Syrien

Die Jahre in Baden haben Amira aus Rastatt stark gemacht

Amira S. serviert in ihrer Küche Chai-Latte. Sie verteilt die Baklava auf Tellern. Das Konfekt sieht aus wie die beliebten türkischen Leckereien, ist aber nicht so süß. Sein Geschmack lässt in Amira Erinnerungen aufsteigen. Die junge Frau aus dem Landkreis Rastatt denkt an den vergangenen Sommer zurück, als sie ihre Heimat Syrien endlich wiedersah.

Gedanken an die ferne Heimat: Amira S. lebt in Baden und ist nach ihrer Flucht vor dem Bürgerkrieg gut integriert – doch es zieht sie zurück. Foto: Naminova

Amira S. serviert in ihrer Küche Chai-Latte. Sie holt Gefrierbeutel mit Knabbersachen, verteilt die Baklava auf Tellern. Das Konfekt sieht aus wie die beliebten türkischen Leckereien, ist aber nicht so süß. Sein Geschmack lässt in Amira Erinnerungen aufsteigen. Die junge Frau aus dem Landkreis Rastatt denkt an den vergangenen Sommer zurück, als sie ihre Heimat Syrien endlich wiedersah.

Von unserer Mitarbeiterin Ljuba Naminova

Als 2015 Tausende Syrer nach Deutschland kamen, ließen viele von ihnen Familie und Freunde zurück. Vier Jahre später trauen sich nun einige der Geflohenen, wieder in das Bürgerkriegsland zu reisen. Die „Bild“-Zeitung hat im Sommer über „dreiste Flüchtlinge“ berichtet, die in Syrien Urlaub machen würden. Daraufhin brach eine hitzige Debatte aus. Bundesinnenminister Horst Seehofer drohte gar den betroffenen Migranten, ihren rechtlichen Status zu entziehen.

Amira S. hält das Wort „Urlaub“ in diesem Kontext für irreführend. Heimatbesuch träfe es besser. „Bei Urlaub denkt man an Palmen und Strand. Das ist sicher nicht die Erfahrung, die ich dort gemacht habe.“

Dramatische Flucht aus Syrien

Amira heißt eigentlich anders. Aus Sicherheitsgründen möchte die 31-Jährige nicht mit ihrem echten Namen genannt werden. Sie stammt aus der Nähe von Damaskus. Die Mutter eines kleinen Jungen war 2013 schwanger mit ihrem zweiten Kind, als die Bomben auf ihre Heimatstadt fielen. Die Flucht war dramatisch: Amira konnte sich nicht einmal von ihrem Vater verabschieden, bevor sie das Land überstürzt verließ.

Wir alle sind Menschen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Geschichten
Amira S.

Sie hasst das Wort „Flüchtling“. Aus Angst, mit anderen Geflüchteten in einen Topf geworfen zu werden, und weil sie glaubt, dass „Flüchtling“ bei den Deutschen negativ besetzt ist. „Bei dem Wort denken alle an das Mittelmeer. Aber wer ist dieser Flüchtling?“, fragt Amira. „Wir alle sind Menschen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Geschichten.“ Ihre ist die Geschichte eines erfolgreichen Neubeginns.

Amiras Familie lebt in einer Vierzimmerwohnung mit Balkon, die Syrerin lässt im Garten Gurken wachsen. In Deutschland brachte sie ihr zweites Kind zur Welt, lernte intensiv die Sprache, schrieb ihren syrischen Führerschein in einen deutschen um und absolvierte eine Zusatzausbildung, die sie dazu berechtigt, als Arztassistentin zu arbeiten. Seit zwei Jahren hat Amira eine feste Arbeitsstelle. Ihr Ehemann hat die Ausbildung zum Handwerker abgeschlossen.

Beim Erzählen verfällt Amira ins Badische

Während die dunkelhaarige Frau das erzählt, verfällt sie manchmal ins Badische. Mehr Integration geht kaum. Und dennoch, ihre Heimat bleibt Syrien. Sechs Jahre lang hatte Amira S. nur über das Internet Kontakt zu ihren Eltern und den vier jüngeren Geschwistern. Bis sie sich dazu entschlossen hat, sie zu besuchen.

Die Reise nach Syrien beginnt am Frankfurter Flughafen mit einem Schock. „Haben Sie ein Visum für Beirut?“, fragt eine Mitarbeiterin bei der Gepäckabgabe. Amira reist mit ihren beiden Kindern, aber ohne ihren Mann, der arbeiten muss. Da es keine Direktflüge nach Syrien gibt, wartet Amiras Bruder am Flughafen der libanesischen Hauptstadt, um sie über die syrische Grenze zu bringen.

„Ich bin Syrerin, wir brauchen kein Visum für den Libanon“, sagt sie. Anscheinend haben sich jedoch die Einreisebestimmungen geändert. Dann wird ihr doch noch erlaubt, das Flugzeug zu besteigen, unter der Bedingung, dass sie sich in Beirut ein Transitvisum holt. Amira atmet auf.

Beim Wiedersehen mit der Familie weint Amira vor Glück

Die weitere Reise verläuft glatt. Ihr Bruder holt sie ab, nachts überqueren sie ungefährdet die libanesisch-syrische Grenze. Nach fünf Stunden Fahrt erreichen sie ihre Heimatstadt. Es ist dunkel, die Kinder schlafen auf der Rückbank. Vor dem Haus der Eltern haben sich die Verwandten versammelt. Drinnen trifft sie dann ihre Mutter. „Du bist es!“ Die beiden fallen sich in die Arme. Sie weint vor Glück.

In dieser Nacht kann Amira nicht schlafen. Bis zum Morgengrauen redet sie mit den Geschwistern. Die nächsten Wochen verbringt sie mit Besuchen. Amira hat daheim viel verpasst. Ihre jüngste Schwester ist mit 16 Jahren nun kein Kind mehr. Ihre Eltern sind vergesslich geworden und haben chronische Schmerzen.

In Damaskus fühlt sie sich auf einmal als Deutsche

Wie deutsch Amira geworden ist, merkt sie erst in Syrien. Als eine Fahrerin sie beim Ausparken übersieht, schlägt Amira wütend mit der flachen Hand auf den Kofferraum des Fahrzeugs. „Hast du uns nicht gesehen?“, platzt es aus ihr heraus. Die Frau am Steuer erschrickt, auch ihre Schwester ist überrascht: „Amira, wieso bist du so direkt?“ Streit in der Öffentlichkeit gilt in Syrien als unhöflich.

Ein anderes Mal ist sie vom Verkäufer in einem Geschäft genervt, der nicht von ihrer Seite weicht. Sie bittet ihn, sie alleine zu lassen. „Wieso reagierst du so komisch?“ wird sie gefragt. Erst dann erinnert Amira sich daran, wie verloren sie sich am Anfang in Deutschland fühlte, wenn sie in den Geschäften nicht sofort bedient wurde. Jetzt ist es anders. Auch die Vorbereitungen vor einem Besuch kommen ihr übertrieben vor. „Reicht es nicht, den Gästen nur ein Glas Saft hinzustellen?“, fragt Amira und erntet von ihren Familienmitgliedern empörte Blicke.

Nur ein Euro pro Tag zum Leben

In Amiras Heimatstadt fallen keine Bomben mehr. Doch viele Menschen haben umgerechnet nur einen Euro pro Tag zum Leben. Frauen, deren Männer vermisst werden, verkaufen Obst aus ihren Gärten, um über die Runden zu kommen. Mal gibt es Strom, mal nicht. Gäbe es nicht die Speicher auf den Dächern der Häuser, wäre die Wasserversorgung für die Menschen ein großes Problem.

Amiras Söhne nehmen Syrien ganz unterschiedlich wahr. Ihr Ältester, der siebenjährige Hassan, genießt die Zeit und möchte am liebsten dort bleiben. Der fünfjährige Said, dagegen bezeichnet sich stolz als Deutschen und fragt immer wieder, wann es denn zurückgehe „in mein Land.“

Sehnsucht nach Syrien

Amira sehnt sich danach, nach Syrien zurückzukehren. Aber nicht jetzt: „Sonst wäre der ganze Aufwand in Deutschland umsonst gewesen.“ Das Leben in Deutschland hat sie stark gemacht. „Hier bin ich viel mehr auf mich gestellt. In Syrien hat man immer Familie, Freunde und Nachbarn um einen herum, die helfen.“ Negative Erfahrungen hat sie bisher keine gemacht. Nur während ihrer Ausbildungszeit, da wollte bis auf einen Migranten aus Afrika keiner der anderen Azubis mit ihr sprechen.

Der Abschied war traurig und fröhlich zugleich

Beim Tee mit den syrischen Süßigkeiten denkt sie an den Abschied von ihren Eltern zurück. Er war traurig und fröhlich zugleich. „Immerhin wissen sie jetzt, dass ich wiederkommen kann“, sagt Amira. „Vor sechs Jahren war das nicht klar.“ Wenn alles gut geht, will sie im nächsten Sommer wieder in die Heimat fahren.

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