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Zweiter Platz beim Deutschen Schulpreis

Der Lohn für Lehrer mit 70-Stunden-Wochen

Für den Hauptpreis von 100.000 Euro hat es nicht ganz gereicht. Doch die Hardtschule Durmersheim feiert ihren zweiten Platz beim Deutschen Schulpreis und die 25.000-Euro-Prämie jubelnd – und blickt auf harte Aufbaujahre zurück.

Und dann die Hände zum Himmel: Die Schüler der Hardtschule freuen sich über den zweiten Platz beim Schulpreis. Foto: Christiane Krause-Dimmock

Was macht herausragende Bildung aus? Darauf hat Volker Arntz viele Antworten parat. Eine zentrale lautet: „Zu guter Bildung gehört nicht nur Fachwissen – da gehört auch Herzensbildung dazu.“ Dass seinem Durmersheimer Lehrer-Kollegium genau dies bei den Mädchen und Jungen an der Hardtschule glückt, hat der Schulleiter jetzt quasi schriftlich.

Arntz und seine Konrektorin Heike Kordas halten am Mittwoch die Urkunde für den zweiten Platz beim Wettbewerb um den Deutschen Schulpreis in Händen. Glücklich, aber auch etwas müde von der Anspannung der vergangenen Tage. Ringsherum liegt knallbunter Staub. Die Schulkinder haben beim Jubel über den Gewinn von 25.000 Euro Preisprämie eifrig Farbbeutel in die Luft geworfen. Herumhüpfen durften sie nur in abgesteckten Feldern ihrer Klassengruppen.

Schulfeier in Corona-Zeiten eben. Aber die Bedeutung der Wettbewerbsauszeichnung war zu groß, um auf ein Fest zu verzichten. „Wir investieren unglaublich viel Lebenszeit in diese Schule, wir haben eine Arbeitswoche von 60 bis 70 Stunden“, sagt Kordas. „Dieser Preis ist eine Rückmeldung, dass es sich lohnt.“

Pädagogen sind zugleich „Coachs“

Gelohnt haben sich demnach ungezählte Überstunden – für die Verwandlung einer klassischen Grund-, Haupt- und Werkrealschule in eine Gemeinschaftsschule. Vor rund sieben Jahren hat das Team um Arntz mit diesem Reformprozess begonnen. „Viel Blut, Schweiß und Tränen“, habe ihn diese Zeit gekostet, sagt der Rektor.

Musik spielt eine große Rolle an der Hardtschule. Die Streichergruppe gehört zum vielfältigen Angebot an der Ganztagsschule. Foto: Hardtschule Durmersheim

Denn einen fertigen Plan gab es vom Land Baden-Württemberg nicht, als es den neuen Schultyp schuf, der von Hauptschul- bis Gymnasial-Niveau allen Kindern gleichzeitig gerecht werden soll. Unterrichtsmaterialien mussten die Lehrer selbst erfinden.

Arntz hat sich bei befreundeten Unternehmensberatern schlau gemacht. Er hat eine straffe, digital unterstützte Organisation mit einer Pädagogik der Ermutigung kombiniert. Lehrer heißen an der Gemeinschaftsschule nicht nur „Lernbegleiter“, sie sind auch „Coachs“, Trainer und Berater. Was an seiner Schule grundsätzlich anders läuft? „Wir fragen uns selten, was ein Lehrer gerne hätte. Wir fragen: Was brauchen die Kinder jetzt?“, erklärt Arntz. „Bei uns geht Lernen vor Lehren.“

Bei uns gelten nicht bei jedem Lehrer andere Anforderungen und Noten.
Volker Arntz, Rektor der Hardtschule Durmersheim

In den elektronischen Stundenplänen bucht er Pädagogen und Schülern regelmäßige Termine ein: Persönliche Gespräche zwischen Lernbegleitern und Kindern, aber auch wöchentliche Treffen von Fachlehrern und Jahrgangsstufen. „Bei uns gelten nicht bei jedem Lehrer andere Anforderungen und Noten“, sagt der Schulleiter – stattdessen gebe es klare Standards.

Eine Lernsoftware spielt den Schülern die Lernmaterialien ein. Lehrer überprüfen die Standards laut Arntz regelmäßig. Sie besprechen, ob Aufgaben interessant genug sind, um den Ehrgeiz der Kinder zu wecken und einen Lernerfolg zu erzielen. „Unsere Ideen sind strukturell verankert, sie sterben nicht beim Weggang eines Lehrers“, sagt Arntz. Von der Aufbauarbeit könnten alle neuen Pädagogen zeitsparend profitieren.

Nicht an allen jungen Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg ist das so klar geregelt. „Ich würde mir wünschen, dass das Kultusministerium einen Qualitätsrahmen festlegt und mehr Unterstützung gibt, damit wir uns vernetzen können“, sagt Konrektorin Kordas.

Die Persönlichkeit des Kindes wird gestärkt.
Pia Zoschke, langjährige Elternbeirätin

Das Wort „Erfolgsgeheimnis“ möchte Arntz trotz des Schulpreis-Erfolgs nicht gerne benutzen. Im Kern geht es aus seiner Sicht um Vertrauen und die Zugewandtheit zum Kind. „Der Hauptschlüssel ist Beziehung“, sagt er. Die Schüler der preisgekrönten Hardtschule drücken es etwas anders aus. „Die sind nett und helfen einem“, so beschreibt eine Fünftklässlerin ihre „Lernbegleiter“. Ihren Freundinnen gefällt außerdem, „dass man in seinem eigenen Tempo arbeiten kann – und dass wir keine Noten kriegen“.

Und wie sehen das die Mütter, die zur Schulfeier gekommen sind? „Hier geht es nicht nur um pures Pauken“, sagt Pia Zoschke. „Die Persönlichkeit des Kindes wird gestärkt. Wenn Kinder hier aus der Schule kommen, können sie ihren Mann oder ihre Frau stehen.“ Zoschke war ebenso im Elternbeirat aktiv wie Ilona Rotzinger, die einst für die Einführung der Gemeinschaftsschule demonstrierte. „Unheimlich stolz“ sei sie auf das, was die Schule erreicht hat, sagt sie. „Die Schüler werden hier absolut aufs Leben vorbereitet – nicht nur aufs Berufsleben.“

Streit um Gemeinschaftsschule „ideologisch festgefahren“

Wie umstritten die neue Schulart anfangs war, gerät angesichts des Schulpreis-Jubels leicht in Vergessenheit. Doch Partygast Rolf Enderle erinnert sich noch sehr gut daran. „Ideologisch festgefahren“ sei die Diskussion damals gewesen, sagt der Gemeinderat von Bürgerliste und Grünen (BuG). „Manche dachten, die Schüler würden dann aus der Schule kommen und könnten eins und eins nicht zusammenzählen“, erzählt er lächelnd.

Motor des pädagogischen Neubeginns: Rektor Volker Arntz „brennt“ für das Gemeinschaftsschul-Konzept und scharte ein „starkes Team“ um sich, wie Bürgermeister Andreas Augustin es ausdrückt. Foto: Elvira Weisenburger

Er habe für die entscheidende Abstimmung über die Gemeinschaftsschule sogar seinen Urlaub unterbrochen. „Man spürt, wie gerne die Schüler hier in die Schule kommen“, meint er. „Es ist schön, wenn man als Gemeinderat im Nachhinein merkt, man hat richtig entschieden.“

Dieser Stolz auf die Hardtschule führt auch Bürgermeister Andreas Augustin (CDU) vor allem auf den „Vollblutpädagogen“ Arntz und sein Lehrerteam zurück. „Der eigentliche Wert ist nicht das Geld, sondern die Auszeichnung“, sagt er über den 25.000-Euro-Gewinn. Was die Hardtschule damit macht? Darüber sollen die Schüler mitentscheiden. Arntz hat zwei Vorschläge gemacht: ein Waldklassenzimmer oder einen „Foodtruck“ für die „Catering-AG“, die Partygäste bekocht.

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