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Diskussion über das künftige Großkrankenhaus

Es bröckelt in den Krankenhäusern in Rastatt, Baden-Baden und Bühl

Vertreter des Klinikum Mittelbaden führen durch die Standorte in Rastatt, Baden-Baden und Bühl. Viele Gebäude sind mehr als 50 Jahre alt.

Intensivbetten statt Geburtshilfe: Die Entbindungsstation in Rastatt ist derzeit geschlossen. Foto: Ralf Joachim Kraft

Für die bestehenden Standorte des Klinikums Mittelbaden (KMB) sieht es düster aus – das wurde einmal mehr klar. Im Zusammenhang mit der Debatte über die Neustrukturierung und künftige Entwicklung des KMB hatte die Presse am Mittwoch einen Tag lang Gelegenheit, sich ein Bild vom inneren und äußeren Zustand der drei Kliniken in Baden-Baden/Balg, Bühl und Rastatt zu machen.

Es ist nämlich gut möglich, dass alle drei Gebäude bis zum Ende des Jahrzehnts dichtgemacht werden, sofern sich die Gesellschafter des Klinikums, also der Landkreis Rastatt und die Stadt Baden-Baden, Ende dieses Jahres für den Neubau eines voraussichtlich rund 331 Millionen Euro teuren Großklinikums Mittelbaden entscheiden. Für diese Lösung sprachen sich am Mittwoch die Vertreter des KMB eindeutig aus.

Wie die BNN berichteten, war ein vom Aufsichtsrat des Klinikums in Auftrag gegebenes, im Sommer präsentiertes Strukturgutachten zu dem Ergebnis gelangt, dass nur ein Zentralklinikum einen rentablen Betrieb bei fast gleicher Versorgungssicherheit und verbesserter Versorgungsqualität gewährleisten könne. Von einer Drei-Standorte-Lösung mit Baden-Baden/Balg, Bühl und Rastatt sowie einer Zwei-Standorte-Variante mit Rastatt und Baden-Baden/Balg hatten die Gutachter wegen der zu erwartenden hohen Verluste und des steigenden Liquiditätsbedarfs abgeraten.

Trister Anblick: Die graue Asbestfassade des Bühler Klinikums. Foto: Ralf Joachim Kraft

Die Besichtigungstour begann in Baden-Baden-Balg, wo 2019 die Hälfte der knapp 40.000 Akutfälle behandelt wurden, und sie endete mit einem abschließenden Gespräch in Rastatt. Der neue kaufmännische KMB-Geschäftsführer Daniel Herke, der mit der Neuausrichtung der mittelbadischen Kliniklandschaft betraut ist, kam dabei in Übereinstimmung mit dem medizinischen KMB-Geschäftsführer Thomas Iber zu dem Ergebnis, dass alle drei Bestandsgebäude stark sanierungsbedürftig seien. Sie stammen in der Mehrzahl aus den 1960er und 1970er Jahren. Einige Gebäudeteile oder Erweiterungsbauten, die zwischen 1903 und 2003 entstanden, seien zum Teil kern- oder teilsaniert.

Die Sanierungskosten für eine langfristige Weiternutzung der drei Standorte bezifferte Herke nach Gutachten der HWP-Architekten auf knapp 340 Millionen Euro. Unabhängig von der letztlich gewählten Variante würden, um den Betrieb bis 2030 aufrechterhalten zu können, 56 Millionen Euro benötigt. Aber selbst nach einer Sanierung der Bestandsgebäude gäbe es noch Flächendefizite. „Um diese zu beheben, müsste die Bruttogeschossfläche um 31.500 Quadratmeter vergrößert werden, was weitere 133 Millionen Euro kosten würde“, rechneten die Geschäftsführer vor.

Sanierungen, die nur im laufenden Betrieb möglich sind, bergen ihrer Aussage zufolge mehrere Nachteile gegenüber einem Neubau. Dies seien höhere Investitions- und Betriebskosten, eine drei bis fünf Jahre längere Bauzeit, eine schlechtere Energieeffizienz, die mehrfache Umstellung von Betriebsabläufen, dauerhafter Baulärm, Störungen durch Staub und Emissionen, ein erhöhtes Hygiene-Risiko. Die Folgen könnten ein Patientenrückgang und eine erhöhte Mitarbeiterfluktuation sein.

Die Rundgänge in Baden-Baden und Bühl leitete die Leiterin der beiden Häuser, Heike Ullrich-Bunge. Die bauliche Situation vor Ort erläuterte die Leiterin der KMB-Abteilung Bau und Planung, Michaela Schorpp. In Baden-Baden fehlen demnach aufgrund der Steigerung der Patientenzahlen vor allem Räume jeglicher Art und auch Lagerflächen. Die Patientenzimmer entsprechen von ihrer Größe her nicht mehr den heutigen Standards und können aufgrund der Rasterbauweise auch nicht vergrößert werden.

Grundausstattung: Heike Ullrich Bunge und Thomas Iber zeigen ein Standardzimmer des Standorts Baden-Baden. Foto: Ralf Joachim Kraft

Etliche Nasszellen sind nicht barrierefrei. Die vier Fahrstühle aus dem Jahr 1977 fallen ständig aus. Viel zu klein und nicht erweiterbar sind die Endoskopie, die Zentrale Notaufnahme und vor allem der Anlieferbereich für die Zentralküche. An der Fassade kleben wie in Bühl Asbestplatten. Statt Rollos an den uralten Fenstern gibt es nur schmutzige Sonnensegel. Und an einigen Stellen fallen Betonschäden und rostige Armierungen ins Auge.

An der Kapazitätsgrenze angelangt sei man insbesondere hinsichtlich der Parksituation, sagt Iber. Die einzige mögliche Erweiterungsfläche sei der Hubschrauber-Nothalt. Nicht sehr viel anders die Situation in Bühl, obwohl auch hier immer wieder renoviert und erweitert wurde. Die Zimmer lassen sich, der vielen tragenden Wände wegen, nicht erweitern. In der „Inneren“ und der „Geriatrie“ herrsche Platznot. In Bühl gebe es überhaupt keine Entwicklungsflächen, so die KMB-Vertreter.

In Rastatt präsentierte Pflegedirektor Siegfried Schröder beim Rundgang einen Gebäudekomplex, dessen Ursprünge im Jahr 1860 liegen und der im Lauf der Jahrzehnte ebenfalls immer wieder saniert, umgebaut und erweitert wurde. „Daher müssen Besucher und Personal weite Wege durch dieses Stückwerk zurücklegen“. Die baulichen Zwänge seien dieselben wie in den anderen Häusern. Die einzige mögliche Ausweichfläche zur Auslagerung sei der Patientenpark, berichtet Schröder. Das Parkhaus, das auf dem benachbarten Parkplatz geplant ist, sei „noch in der Entscheidungsfindung“. Aktuell kein Thema sei ein Hubschrauberlandeplatz.

Wo ein eventuelles Großklinikum entstehen könnte, steht noch mehr oder weniger in den Sternen. Die Ellipse im Gutachten zeigt ein Gelände zwischen Rastatt und Baden. Rastatt ist bereits vorgeprescht und hat zwei mögliche Standorte genannt. Aus Baden-Baden kam noch kein Vorschlag. Aktuell wird, wie Daniel Herke, mitteilte, ein Kriterienkatalog zur Standortfrage erarbeitet.

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