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Erinnerung und Mahnung am Bahnhof in Rastatt

Gurs-Wegweiser am Rastatter Bahnhof erinnert an Deportation der Juden

Mehr als 6.500 Juden aus dem Südwesten wurden vor 80 Jahren in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Seit Donnerstag erinnert ein Wegweiser vor dem Bahnhofsgebäude an die aus Rastatt deportierten Juden.

Erinnerung: Wladimir Baschmet, Sybille Kirchner und OB Hans Jürgen Pütsch (von links) weihten am Bahnhof einen Wegweiser zum Gedenken an die Deportation der Juden ein. Foto: Hans-Jürgen Collet

Der Westeingang des Bahnhofs wirkt nahezu verlassen. Vereinzelt stehen Menschen mit Maske an den Haltestellen und warten auf ihren Bus. Von der B36 weht ein beständiges Rauschen der Automotoren hinüber zum Bahnhofsparkplatz. Dort gibt es ein kleines Beet. Seit Donnerstag steht hier ein pfeilförmiger Wegweiser: 1.127 Kilometer nach Gurs steht darauf.

Es ist der lange Weg, den die Rastatter Juden am 22. Oktober 1940 antreten mussten. Mit dem Wegweiser erinnern die Stadt, der Verein Stolpersteine und die Israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden/Rastatt an die Deportation der Juden ins Internierungslager Gurs in Südfrankreich. Wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen versammelten sich nur zwei Dutzend Menschen, um der Einweihung des Denkmals beizuwohnen.

Wer Gurs überlebte, musste in die Vernichtungslager Majdanek und Auschwitz

Der 22. Oktober 1940 war der letzte Tag des traditionellen jüdischen Laubhüttenfestes Sukkot. 30 Juden lebten damals in Rastatt. Es war ein Dienstag, an dem Soldaten des nationalsozialistischen Regimes 6.538 Juden aus Baden und der Saarpfalz zwangen, ihre Heimat zu verlassen. Das jüngste Kind war gerade einmal vier Jahre alt.

60 Minuten hatten die Rastatter Juden Zeit, um ihr Hab und Gut zusammenzupacken, sagt Marcel Müller, Vorsitzender des Vereins Stolpersteine. Einige seien bereits auf der dreitägigen Fahrt ins Lager gestorben. Über 1.000 von ihnen ließen in Gurs ihr Leben, darunter 17 Juden aus Rastatt und 143 aus Karlsruhe. Die meisten aber wurden anschließend in den Vernichtungslagern Majdanek und Auschwitz ermordet.

Vor dem Wegweiser steht ein Gedenkstein, an dessen Fuß ein grüner Kranz lehnt, in der Mitte bildet ein blaues Band den Davidstern, rechts ein Kranz der Stadt mit roten und gelben Blumen.

Platzierung des Wegweisers nicht optimal?

Der Wegweiser direkt am Wendepunkt des Bahnhofsparkplatzes sei „nicht optimal platziert“, räumt Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch ein. Bei der Planung zur Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes werde man einen würdigeren Platz für das Erinnerungsdenkmal finden. Die Leute sollen dann die Möglichkeit haben, ungestört vom Verkehr vor dem Wegweiser zu verweilen.

Für die kommende Generation ist es wichtig, die Geschichte aufzuarbeiten und zu reflektieren.
Eva Siebert, Passantin

Eine junge Frau schiebt ihr Kleinkind im Buggy, geht vor dem Wegweiser in die Knie und zündet ein Teelicht an. Was damals passiert sei, dürfe nicht in Vergessenheit geraten, sagt Eva Siebert. „Für die kommende Generation ist es wichtig, die Geschichte aufzuarbeiten und zu reflektieren“, sagt sie.

Tenor der Veranstaltung: Die Erinnerung wachhalten, das ist eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft, denn antisemitische Einstellungen und Gewalttaten greifen um sich und Zeitzeugen wird es bald keine mehr geben.

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