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Begleitung im Prozess

Hilfe für Opfer vor Gericht: Betroffene können sich Unterstützung holen

Oft wird der Vorwurf erhoben, dass die Täterrechte in der deutschen Justiz besser verankert seien als die Opferrechte. Dabei gibt es inzwischen durchaus auch gesetzliche Möglichkeiten, sich Unterstützung zu holen. Sie sind oft nur nicht bekannt.

Nicht alleine: Prozessbegleiter können Opfer von Gewaltverbrechen auch während der Verhandlung unterstützen. (Symbolbild) Foto: Silas Stein picture alliance / Silas Stein/dpa

Soll ein Verbrechen verfolgt werden, ist eins klar: Es braucht eine Anzeige bei der Polizei und einen Anwalt. Je nach Verbrechen kommen auch Psychotherapeuten oder Psychiater mit ins Boot.

Was viele nicht wissen: Auch während eines Prozesses können sich Opfer die Unterstützung eines Zeugenbegleiters oder aber einer psychosozialen Prozessbegleitung holen.

Wo findet man Prozessbegleiter und was macht dieser dann im Detail? Viele Opfern sind sich über die Möglichkeiten von Zeugen- und psychosozialer Prozessbegleitung nicht bewusst.

Die Hintergründe und Abläufe bei Strafverfahren sind aber höchst komplex, erklärt Rechtsanwalt Kai Nissen im BNN-Interview.

Was hat es mit der Zeugenbegleitung und der psychosozialen Prozessbegleitung auf sich?

Opferbegleitung bei Prozessen gibt es schon lange. Mittlerweile ist sie aber institutionalisiert worden. Seit 2017 gibt es einen Rechtsanspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung. Allerdings muss dafür ein Antrag gestellt werden.

Ein Punkt, der häufig Kritik auslöst, wie Rechtsanwalt Kai Nissen einräumt: „Der Beschuldigte bekommt auf Staatskosten einen Anwalt nachgeschmissen, und das Opfer muss sich um alles selbst kümmern.“ Allerdings werde so auch niemandem etwas aufs Auge gedrückt, was er nicht wolle.

Wofür ist eine Prozessbegleitung gut?

Letztlich geht es darum, einem Zeugen/Opfer Sicherheit zu geben. Das fängt nicht erst mit dem Gerichtsprozess an sich an. Auch vorher schon können Prozessbegleiter helfen. Tina Neubauer von „Prävent Sozial“ aus Stuttgart begleitet seit 19 Jahren Zeugen und arbeitet seit 2017 auch als Prozessbegleiterin.

Sie betont: „Wir haben nichts mit dem Inhaltlichen zu tun und brauchen unsere neutrale Haltung.“ Ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit sei es, Abläufe zu erklären und so Ängste bei Opfern und Zeugen zu nehmen. Sie sieht ihre Rolle einerseits als Vermittlerin zwischen der Welt der Justiz und der Welt des Opfers.

Andererseits gehe es aber auch darum, im Nachgang über womöglich nicht erfüllte Erwartungen zu sprechen und diese aufzuarbeiten. Bei kindlichen Opfern gilt die Unterstützung nicht nur dem Kind, sondern auch den Eltern. Prozessbegleiter dürfen auch bei Befragungen dabei sein und einschreiten, wenn das Wohl des Zeugen gefährdet sein könnte.

Sollte ein Opfer nicht eigentlich von Polizei und Anwalt über die Abläufe informiert werden?

Theoretisch schon. Allerdings ist die Herangehensweise oft eine andere, so die Erfahrung von Neubauer. Die Sprache sei eher unverständlich, die Erklärungen kurz und knapp. Sie selbst verbringe mit manchen Zeugen bis zu zwei Stunden in einem leeren Gerichtssaal, um alle Abläufe zu erklären und sich in die Situation einzufinden.

„Dabei kann es auch darum gehen, wie ich den Saal betrete, ohne den Angeklagten sehen zu müssen“, erklärt sie. Für Anwalt Nissen hat die Prozessbegleitung eindeutig eine gesundheitliche Aufgabe: Sie soll dafür sorgen, dass es dem Zeugen gut geht.

„Wir Anwälte können auch menschliche Zuwendung geben, aber in einem psychischen Ausnahmezustand kann ich das nicht mehr. Dann bin ich auch froh, wenn ich eine kompetente Prozessbegleitung habe.“

Wo finde ich Prozessbegleiter?

Während sich das System der Prozessbegleitung im Württembergischen laut Tina Neubauer schon sehr gut durchgesetzt hat, ist es im Badischen noch nicht so etabliert. Teilweise sei Richtern und auch Anwälten diese Form der Hilfe nicht bekannt, sagt auch Ulrike Fritsch von Feuervogel. Einen Überblick über Anlaufstellen in ganz Baden-Württemberg gibt die Internetseite zeugeninfo.de.

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