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Gegen stockende Corona-Hilfen

#ihrmachtunsnackt: Rastatter Tätowierer schließen sich Online-Protest an

Das Rastatter Tattoo-Studio „Heaven of Art“ macht mit beim bundesweiten Protest #ihrmachtunsnackt gegen stockende Auszahlungen der Corona-Hilfen für Tätowierer.

Mit Fotos wie diesen machen Tätowierer im ganzen Land auf ihre Situation aufmerksam. Das Rastatter Studio „Heaven of Art“ hat sich angeschlossen. Foto: Sascha Zimny

Als Melanie und Sascha Zimny im Sommer vergangenen Jahres das Studio „Heaven of Art Tattoo & Piercing Rastatt“ übernommen haben, ging für die beiden ein Traum in Erfüllung. Ein Traum, der sich langsam zum Albtraum entwickelt. Denn aufgrund gesetzlicher Vorgaben zur Corona-Pandemie ist das Studio seit Ende Oktober 2020 geschlossen. Die Kosten wie Miete, Nebenkosten aber auch fällige Steuern laufen weiter.

Für das Ehepaar besonders schlimm: „Wir wissen nicht, wie lange es noch so weiter geht. Wir können nicht planen und sehen jeden Monat, dass es schlimmer wird“, sagt Sascha Zimny.

Wann er gemeinsam mit seiner Frau das nächste Mal Kunde begrüßen kann, ist völlig offen – erst recht nach dem Auftreten neuer Corona-Mutanten.

Keine Einnahmen - aber die Kosten bleiben

Mittlerweile haben sich die Zimnys von Freunden und Verwandten Geld geliehen, um die laufenden Kosten des Studios zu decken. Staatliche Hilfen bekommen sie nicht, denn beiden haben einen Job und betreiben das Studio nebenberuflich. Sascha Zimny ist in einem Industriebetrieb tätig, seine Frau arbeitet in der Altenpflege.

Deshalb sagt sie klar: „Corona ist gefährlich. Ich habe deshalb schon mehrere Senioren sterben sehen.“ Zur Schließung des Studios gibt es für sie deshalb auch keine Alternative. Nur: „Ewig kann das so nicht weitergehen“, macht Melanie Zimny deutlich.

„We are closed“: Ab wann Melanie und Sascha Zimny ihr Tattoo- und Piercingstudio wieder eröffnen dürfen und völlig unklar. Foto: Stephan Friedrich

Ihren Mann ärgert besonders, dass er aktuell Steuervorauszahlungen für Einnahmen leisten muss, die er gar nicht hatte. „Wir haben seit Ende Oktober keine Einnahmen mehr. Das interessiert das Finanzamt aber nicht und wir müssen weiter Vorauszahlungen leisten“, klagt er.

Auch die Stadtwerke Rastatt sind nicht zu einer Minderung der Forderungen bereit. So werden die insgesamt vier Räume des Studios in der Rastatter Bahnhofstraße nur minimal beheizt. „Wir schauen alle paar Tage vorbei, gießen die Blumen und gehen dann wieder“, erzählt Sascha Zimny. Dabei hatte er gemeinsam mit seiner Frau zu Beginn des Lockdowns das Piercing-Zimmer vollständig renoviert. Einen Kunden hat es bisher aber noch nicht gesehen.

Bis zum Lockdown ist das Studio nach Angaben der Familie Zimny gut gelaufen. „Wir bereuen den Schritt zu keiner Zeit, auch wenn es von Tag zu Tag schwieriger für uns wird“, so Melanie Zimny, der vor allem die große Unsicherheit zu schaffen macht, wie lange der Lockdown noch andauern wird. Dabei berichtet sie auch von Kunden, die sie online oder per Telefonat kontaktieren und erschüttert sind. Denn bereits vor Corona waren die Hygienevorschriften bei Tätowierern streng.

Kein Neid auf Friseure

Melanie und Sascha Zimny haben sich mit ihrem Studio, in dem sie auch einen soloselbständigen Tätowierer beschäftigen, einem Protest angeschlossen, der online unter #ihrmachtunsnackt auf die stockenden Auszahlungen der Corona-Hilfe für Tätowierer aufmerksam macht. Initiiert wurde er vom Bayreuther Tätowierer Dawid Hilgers-Lehner.

„Wir bekommen keinerlei Hilfen. Ihr macht uns nackt: genauso fühlen wir uns und auch viele andere aus anderer Branche“, verdeutlicht Sascha Zimny und hofft, bald wieder Kunden in seinem Studio begrüßen zu können.

Er macht klar, dass eine Rückverfolgbarkeit der Besucher bereits für die Jahre vor Corona zur Verfügung steht und dass er auch bereit wäre, vor jedem Termin einen Coronatest anzubieten. Seine Frau sagt derweil: „Wir freuen uns für alle Friseure, die in der kommenden Woche wieder öffnen dürfen. Da gibt es keinen Neid“.

Mit ihrem Protest wollen die Tätowierer im ganzen Land vielmehr erreichen, dass auch sie ihrer Tätigkeit wieder nachgehen können, an der viele Existenzen hängen und die Menschen gerade in schweren Zeiten helfen kann, wie Sascha Zimny aus seinen Erfahrungen berichtet: „Gerade jetzt ist ein Tattoo für viele Menschen ein sichtbares Zeichen, an dem sie sich aufrichten können.“ Ein Zeichen, dass er uns seine Kollegen derzeit allerdings nicht setzen dürfen.

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