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Hilfe per Fahrrad

Wie ein ehemaliger Obdachloser aus Plittersdorf jetzt Bedürftigen hilft

Der ehemalige Obdachlose Maik Sattelberg ist in Plittersdorf sesshaft geworden und sammelt Kleidung für Bedürftige. Mit seinem Fahrrad und einem Anhänger verteilt er die Utensilien selbst an diejenigen, die kein Dach über dem Kopf haben.

Reichhaltiges Gepäck: Maik Sattelberg bringt mit seinem E-Bike nicht nur warme Winterkleidung zu Obdachlosen. Foto: Hans-Jürgen Collet

Auf die Rückseite seines Fahrradanhängers hat er – mit leichtem Augenzwinkern – seine Botschaft geschrieben. „Wir nehmen alles, Geld, EC-Karten (mit Pin), was man zum Leben braucht“, ist da zu lesen und ganz am Ende steht das Wort „Danke“.

Der Anhänger, den er nach eigenem Bekunden vor Jahren günstig erworben hat, ist ein elementares Hilfsmittel für Maik Sattelberg. Der in Plittersdorf, direkt an der Rheinfähre sesshaft gewordene ehemalige Obdachlose hilft selbst Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und meist in der freien Natur leben.

An eigener Erfahrung fehlt es Sattelberg nicht. „Ich hatte ein schlechtes Elternhaus und war in einem Heim für schwer erziehbare Kinder“, sagt er ganz freimütig. Der aus Frankfurt an der Oder stammende Mann absolvierte in der ehemaligen DDR eine Lehre als Schreiner, arbeitete in einem Sägewerk und flüchtete kurz vor der Wende über Tschechien nach Deutschland. „Ich habe dann jahrelang auf der Straße gelebt“, sagt er.

Etwas Geld verdiente er sich mit kleineren Jobs, eine feste Bleibe fand er zunächst nicht. „Einmal bin ich mit dem Fahrrad nach Italien gefahren, habe bei der Weinernte geholfen und auf einem Bauernhof gearbeitet“, erzählt der 50-Jährige.

Verkäufer der Obdachlosenzeitung in Hamburg

Auch im Norden Deutschlands war er unterwegs: „Ich bin getrampt und habe in Hamburg die Obdachlosenzeitung ‘Hinz und Kunz’ verkauft, die es heute noch gibt“, berichtet er – und in seiner Stimme klingt durchaus ein wenig Stolz mit, wenn er er sich erinnert, dass „ich dort der 250. Verkäufer dieser Zeitung gewesen bin“.

Einige Filme über den Schwarzwald und die hiesige Region hätten ihn dazu bewogen, in den Süden zu ziehen: „Elf Jahre lang war ich dann in Rastatt auf der Straße“, sagt er – unter freiem Himmel, nahe des Rastatter Tunnels: „Ich hatte meine Sachen immer bei mir und wollte nicht in eine Obdachlosenunterkunft“, betont Sattelberg. Und: Er achtete stets darauf, außerhalb der Stadtzentren „Platte zu machen“, um nicht beraubt zu werden.

Irgendwann aber wollte er weg von der Straße. Über die Diakonie, für die er gelegentlich tätig war, wurde ihm eine kleine Wohnung in Plittersdorf vermittelt, die jetzt seit zehn Jahren sein Zuhause ist. Und dort ist Sattelberg zu einem zentralen Anlaufpunkt geworden für die Verteilung vor allem von Schlafsäcken, Isomatten, Jacken, warmen Socken, Unterwäsche und vielerlei anderen Kleidungsstücken, die gerade in den Wintermonaten von Menschen heiß begehrt sind, die keine feste Bleibe haben.

Sogar Zelte landen bei ihm, „aber die will keiner haben, weil sie als Gepäck zu schwer sind, um sie mitzunehmen“, lässt Sattelberg wissen.

Viele Bekannte bringen mir die Sachen an die Haustür.
Maik Sattelberg/ gelernter Schreiner

„Ich habe viele Bekannte, die mir die Sachen an die Haustür bringen. Oft sind es immer wieder dieselben“, erklärt er. Vor seiner Wohnung werden die Kleidungsstücke entweder von Bedürftigen abgeholt, oder er bringt sie mit seinem E-Bike und dem Fahrradanhänger selbst zu Obdachlosen, die er kennt und die nicht zu ihm kommen können: „Für mich war es schon immer wichtig, anderen zu helfen, wenn sie etwas gebraucht haben, auch als ich selbst auf der Straße unterwegs war“.

Sattelberg lebt von Hartz IV

Wegen Corona seien derzeit allerdings nicht so viele Obdachlose zu sehen wie in normalen Zeiten, „wobei ich auch Masken und Desinfektionsmittel bekommen habe“, wie er sagt. Jene Utensilien, die keine Abnehmer finden, bringt Sattelberg zur Caritas, wo er zu den Verantwortlichen ebenfalls enge Kontakte pflegt.

Seinen Einsatz für die Bedürftigen bewältigt er auf ehrenamtlicher Basis, die befristete Arbeitsstelle bei der Diakonie hat er derzeit nicht mehr: „Im Moment lebe ich von Hartz IV“.

Weitere Spenden für Menschen, die in der winterlichen Kälte ihre Zeit weitgehend draußen verbringen, nimmt Sattelberg, so versichert er, gerne entgegen. Und während er dies sagt, steht bereits wieder jemand vor seiner Tür, der um Hilfe bittet – und die Kleidersäcke auf Sattelbergs Fahrradanhänger sieht.

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