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Heiligabend zuhause

Wohnzimmer statt Karibik: Ehepaar aus Muggensturm kann wegen Corona nicht Abtauchen

Normalerweise tauchen Martina Adam-Karle und ihr Mann Ralph an Weihnachten ab. Vor den Philippinen, in Indonesien oder der Karibik. Doch in diesem Jahr zwingt Corona die Weltenbummler zum Fest im heimischen Muggensturm.

Schutzmaske statt Tauchmaske: Martina Adam-Karle und ihr Mann Ralph müssen Weihnachten im heimischen Wohnzimmer verbringen. Einen Baum gibt's nicht, dafür 30 Jahre alte Deko. Foto: Hans-Jürgen Collet

Martina Adam-Karle hat schon viele Situationen erlebt, bei denen sich die meisten Menschen in die Hose gemacht hätten. Die Taucherin hat Schiffswracks erkundet und ging vor Südafrika mit großen Bullenhaien ins Wasser.

Die Muggensturmerin hat im Meer fast alles gesehen, was mit Neoprenanzug und Pressluftflasche möglich ist. „Ich bin kein ängstlicher Typ“, sagt die 54-Jährige. Doch dem diesjährigen Weihnachtsfest blickt sie mit gemischten Gefühlen entgegen.

Wohnzimmer statt Karibik

Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass sie und ihr Mann Ralph die Feiertage in der Heimat verbringen. In den vergangenen 25 Jahren war das Ehepaar ab Mitte Dezember immer für mehrere Wochen in der Weltgeschichte unterwegs, stets auf der Suche nach den besten Tauchspots dieser Erde.

Während andere unterm Baum ihre Geschenke auspackten, tauchten sie auf den Philippinen, in Indonesien, den USA oder der Karibik unter. „Ich mag Weihnachten überhaupt nicht“, sagt Adam-Karle.

Doch diesmal zwingt sie Corona zum heimischen Weihnachtsfest. Im Keller hat sie 30 Jahre alte Deko ausgegraben und im Wohnzimmer drapiert. „Die lag nur in der Kiste. Wir waren ja immer weg“, sagt sie.

Vier Wochen am Stück dem Alltag entfliehen

Seitdem sie mit Mitte 20 mit dem Tauchsport begonnen hat, blieb der Weihnachtsschmuck eingemottet. Damals bezogen sie und ihr Mann das Eigenheim in Muggensturm. Das Haus bot endlich genug Platz für die Tauchausrüstung. Seitdem sind sie beim örtlichen Tauchclub Koralle aktiv.

Furchteinflößend: Martina Adam-Karle auf Tuchfühlung mit großen Haien. Foto: Ralph Karle

Kinder hat das Ehepaar nicht. Und so bietet das Jahresende für sie traditionell die Möglichkeit, für eine längere Zeit am Stück dem Alltag zu entfliehen. „Das ist für uns die Chance, vier Wochen lang zu verreisen“, sagt Adam-Karle. Meistens suchen sie sich zwei Ziele aus, die sie mit einem Zwischenflug verbinden. Große Haie, Wale, Mantarochen: „Ich hab schon alles gesehen“, sagt die Taucherin.

Ich mag Weihnachten überhaupt nicht.
Martina Adam-Karle, Taucherin

Dieses Jahr wären sie gern nach Komodo gereist. Die Insel gehört zu Indonesien und ist vor allem durch seine Warane bekannt, die größte Echsenart der Welt. Dass aus dem Trip nichts werden wird, ahnte Adam-Karle schon früh im Jahr.

Als Weltenbummlerin hatte sie nicht nur die Lage in Deutschland, sondern global im Blick. Viele Länder vor allem in Asien reagierten mit deutlich härteren Maßnahmen auf die Pandemie als Deutschland. „Ich hab schon lang nicht mehr gehofft, dass die Reise klappt“, sagt Adam-Karle.

Doch kampflos wollte sich das Ehepaar dem Schicksal der heimischen Weihnacht nicht ergeben. Die beiden buchten Flüge nach Madeira. Die portugiesische Insel hat strenge Einreiseauflagen, gilt mit vergleichsweise geringen Infektionswerten aber nach wie vor nicht als Risikogebiet. Aber zuerst strich die Mietwagenfirma den Muggensturmern ihr Auto wieder, dann gab es auch noch Änderungen beim Flug. Am Ende entschloss sich das Paar, die Reise bleiben zu lassen.

So sieht für sie das bessere Weihnachten aus: Das Ehepaar unterwegs auf Reisen auf einem Boot. Foto: Martina Adam-Karle

Jetzt also Weihnachten im Wohnzimmer anstatt in den Weltmeeren. „Schrecklich“ ist das einzige Adjektiv, das Adam-Karle dazu in den Sinn kommt. Sie würde dem Zwangsaufenthalt zuhause gern etwas Positives abgewinnen, doch viel fällt ihr da nicht ein. Damit den beiden an Heiligabend nicht die Decke auf den Kopf fällt, wollen sie raus. Vielleicht ein bisschen Mountainbiken. „Und ich hab mich mit Glühwein eingedeckt“, sagt Adam-Karle und lacht. Zum Essen gibt es Raclette.

Die nächste Herausforderung wartet schon

Ein Weihnachtsbaum kommt ihnen aber definitiv nicht ins Haus. Und auch Geschenke stehen nicht auf der Agenda. Adam-Karle hat viele Nichten und Neffen: „Sie wissen alle: Von mir bekommen sie Zeit geschenkt.“ Und für das Ehepaar selbst ist es ohnehin das größte Geschenk, einen Partner an der Seite zu wissen, der die gemeinsame Leidenschaft und die Lebenseinstellung teilt.

Exotische Begegnungen statt Bescherung: Martina Adam-Karle liebt die bunte Unterwasserwelt. Foto: Ralph Karle

Beim Stichwort Zeit fällt ihr dann doch noch etwas ein, auf das sie sich in den kommenden Tagen freut. Ihre Reisen dokumentieren sie mit Fotos und Videos. Daraus schneidet Adam-Karle Filme für den Bekanntenkreis und den Tauchclub. Die Arbeit ist aufwendig. Von mehreren Abenteuern schlummert noch das Material auf der Festplatte des Computers: „Jetzt komme ich endlich dazu, ein paar Filme fertig zu machen.“ Mithilfe der Bilder werden sie und ihr Mann zumindest in Gedanken auf Reisen gehen können.

Die nächste Herausforderung in der Heimat wartet schon in den nächsten Tagen auf sie. Silvester. Das haben sie auch schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Muggensturm gefeiert.

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