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Stabilitätsprobleme?

Nach Bau-Stopp am Bahn-Tunnel Rastatt: Nächtliche Schotterarbeiten verunsichern Anwohner

Nachdem die Bahn den weiteren Vortrieb im Rastatter Tunnel gestoppt hat, herrscht bei Anwohnern in Niederbühl Verunsicherung. Sie haben nächtliche Arbeiten an den Gleisen beobachtet und vermuten, es könnte erneut zu Stabilitätsproblemen auf der Trasse gekommen sein.

Akkordarbeit: Nach der Havarie ließ die Bahn 2017 eine ein Meter dicke und 275 Meter lange Stahlbetonplatte bei Niederbühl gießen, auf der jetzt die Gleise der Rheintalbahn verlaufen. Foto: Hans-Jürgen Collet

Maik Ledwina ist ganz nah dran am Ort des Geschehens. Oder eher: Am Ort des Stillstands. Der Garten seines Hauses in Niederbühl grenzt direkt an die Trasse der Rheintalbahn. Nur einen Steinwurf entfernt schlummert seit drei Jahren „Sibylla Augusta“ unter der Erde in einem Wartungsschacht.

Der 90 Meter lange Tunnelbohrer hätte sich im November wieder in Bewegung setzen sollen. Doch die Deutsche Bahn (DB) hat den Vortrieb kurzfristig abgeblasen. Unter den Anwohnern kursieren Gerüchte, dass die Bahn erneut mit Absenkungen der Gleise zu kämpfen habe. Darauf würden nächtliche Arbeiten hindeuten. Der Konzern dementiert.

Auch Ledwina hatte am 26. November spät abends die flapsige Nachricht erhalten, dass es am Rastatter Tunnel „Herausforderungen wie Sand am Meer“ gebe. Mit dem Spruch umschrieb die Bahn in einem Newsletter an die Anwohner die schlechte Neuigkeit, dass der geplante Vortrieb in der Weströhre vorerst nicht weitergeht. „Es wundert sich niemand mehr“, beschreibt Ledwina die Stimmungslage unter den Anwohnern, die sich nahe der Resignation bewegt.

Vortrieb hätte schon im März weitergehen sollen

200 Meter fehlen noch, damit „Sibylla Augusta“ ihr Ziel erreicht und endlich Licht am Ende des Tunnels aufleuchtet. Ursprünglich war vorgesehen, dass sie das letzte Stück bereits im März in Angriff nimmt. Weil zu diesem Zeitpunkt die Strecke von Mannheim nach Stuttgart gesperrt war, die bei einem erneuten Zwischenfall als Umleitungstrasse dienen soll, verschob die Bahn den Weiterbau auf November. Doch auch dieser Plan ist jetzt hinfällig.

Auch mehr als eine Woche nach der überraschenden Nachricht gibt die DB keinen neuen Zeitplan bekannt. Ein Bahnsprecher antwortet auf eine entsprechende Anfrage unserer Redaktion: „Etwas Neues zum Tunnel kann ich Ihnen leider noch nicht vermelden.“

Im Dezember 2015 präsentierte die Deutsche Bahn eine der beiden Tunnelbohrmaschinen der Öffentlichkeit. Foto: Kraft

Umso aktiver zeigte sich der Konzern an zwei Wochenenden im November. Sowohl am 14. und 15. als auch am 28. und 29. November fanden nächtliche Arbeiten auf der Trasse statt. Zeitweise wurde die Strecke gesperrt, einzelne Züge fielen aus. Im Vorfeld hatte die Bahn von Oberleitungsarbeiten gesprochen.

Laut Ledwina widmeten sich die Bauarbeiter aber auch intensiv den Gleisen – und zwar genau in jenem Bereich, in dem eine ein Meter dicke und 275 Meter lange Stahlbetonplatte unter den Schienen liegt. Diese hatte die Bahn nach der Tunnelhavarie in der Oströhre im Jahr 2017 gießen lassen. Sie soll verhindern, dass die Gleise erneut absacken, wenn sich „Sibylla Augusta“ durch die Erde frisst. „Fertigstellung der Weströhre mit Auflast“, nennt das die Bahn.

Es wundert sich niemand mehr.
Maik Ledwina, Bahn-Anwohner

Nach der Ankündigung des Unternehmens, den Vortrieb zu stoppen und auf das Ergebnis weiterer Bodenuntersuchungen zu warten, herrscht in Niederbühl ohnehin Verunsicherung. Traut der Konzern seiner eigenen Lösung nicht mehr? Nächtliche Arbeiten am neuralgischen Gleisbett rufen dementsprechend großes Misstrauen hervor. Das gipfelt in dem Gerücht, es sei sogar schon zu neuerlichen Absenkungen gekommen. Als Indiz führen Augenzeugen an, dass Arbeiter Gleise aufgetrennt hätten und das Bett frisch geschottert worden sei.

Die Bahn spricht von „turnusmäßigen Wartungsarbeiten am Gleis“. Ein Sprecher bestätigt, dass dafür eine sogenannte Stopfmaschine im Einsatz gewesen sei. Dabei handelt es sich um eine Gleisbaumaschine zum Verdichten des Schotters im Oberbau unter den Schwellen. Zudem habe es Wartungsarbeiten an der Technik im Gleis für das seit 2016 installierte Monitoringsystem gegeben. Dabei seien einige der mehreren hundert Sensoren getauscht worden, die jede Veränderung an der Gleislage melden sollen.

Verantwortliche schweigen Thema bei Pressekonferenz tot

Ob die Sensoren in den vergangenen Tagen angeschlagen haben, bleibt ebenso unklar wie das weitere Vorgehen. Auf der Homepage des Tunnelbau-Projekts hat der Konzern mittlerweile alle Hinweise auf den weiteren zeitlichen Ablauf getilgt und belässt es auch dort bei der Pauschalaussage: „Die Inbetriebnahme des Tunnels wird voraussichtlich erst nach 2025 möglich sein.“

Totgeschwiegen wurde das Thema auch bei der Pressekonferenz zur Sanierung des Rastatter Bahnhofs in der vergangenen Woche. Nur Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch kam kurz auf die Tunnelhavarie vor drei Jahren zu sprechen. Die Vertreter der Bahn und auch der anwesende Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) blendeten das Desaster in direkter Nachbarschaft des Bahnhofs lieber aus.

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