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Treffen im Gemeindehaus

Näherinnen aus Rastatt gründen eigenes Label

In Rastatt treffen sich im Gemeindehaus Sankt Alexander jeden Montag Frauen zum Nähen. Die Schürzen, Mäntel und Taschen sind sehr beliebt. Einige wurden auch schon verkauft. Nun haben sie das Label Weltfaden angemeldet. Die Homepage befindet sich im Aufbau.

Konzentriert bei der Arbeit: Frishta Amiri näht Rüschen, während Zohra Hassan (links) den gerissenen Faden wieder in die Nähmaschine einfädelt. Foto: Collet

In Rastatt treffen sich im Gemeindehaus Sankt Alexander jeden Montag Frauen zum Nähen. Die Schürzen, Mäntel und Taschen sind sehr beliebt. Einige wurden auch schon verkauft. Nun haben sie das Label "Weltfaden" angemeldet. Die Homepage befindet sich im Aufbau.

Frishta Amiri weiß, was sie tut. Zumindest sieht es im Rastatter Gemeindehaus Sankt Alexander ganz danach aus. Mit konzentriertem Blick und großen Armbewegungen legt sie die langen mit Bollenhüten bedruckten, schwarzen Stoffbahnen übereinander. Ihre Lippen sind fest aufeinander gepresst. Dann setzt die 36-Jährige die Schere an: Mit flinken Handbewegungen schneidet die Afghanin die Form einer Schürze aus – freihändig, nach Augenmaß.

Frauen treffen sich jeden Montag zum Nähen

„Unsereins bräuchte dafür ein Schnittmuster“, sagt Ute Kretschmer-Risché und lacht. Ihren Blick hat sie dabei fest auf die Hände von Amiri gerichtet. Seit Oktober treffen sich in dem Gemeindehaus jeden Montag Frauen zum Nähen. Frauen aus Deutschland, Afghanistan, Kamerun und Syrien. „Mittlerweile haben wir unser eigenes Label angemeldet“, erzählt sie. Es heißt Weltfaden . Ende März soll die Homepage fertig sein.

Kretschmer-Risché hat nach eigenen Angaben selbst wenig mit Nähen am Hut. Sie ist der Kopf hinter dem Treff, die Organisatorin, wenn es mal irgendwo klemmt. Andrea und Maike Flackus sowie Luisa Dorff engagieren sich in diesem Projekt ebenfalls. „Das Geld für die Nähmaschinen und der Stoff kommt vom Verein ,Junge Flüchtlinge Rastatt' und mir selbst“, sagt Kretschmer-Risché.

Spenden sind immer willkommen

Spenden seien natürlich immer willkommen. Die Produkte sollen bei Kleinmärkten oder über die Homepage verkauft werden. „Wir haben schon einige Interessenten und auch das ein oder andere Stück verkauft“, berichtet Kretschmer-Risché.

Migrantinnen bauen Selbstbewusstsein auf

Währenddessen kommt Zohra Hassan in den Raum und bittet Amiri um Hilfe – auf deutsch. „Gesprochen wird hier nur deutsch“, betont Kretschmer-Risché und lacht dann, als die Frauen doch in ihre Muttersprache zurückfallen. Sinn und Zweck des Treffens sei, die Frauen aus der Isolation der Familie zu holen.

Das Nähen soll die Möglichkeit schaffen, die Frauen dort herauszulösen. Die Migrantinnen „können so ihr Selbstbewusstsein aufbauen und auch die deutsche Sprache richtig lernen“, erklärt Kretschmer-Risché.

Eine ruhige Hand hat Frishta Amiri, die ohne Hilfsmittel Stoff für Schürzen ausschneidet. Als Maß dient ein bereits fertiges Kleidungsstück. Foto: Collet

Das Ziel des Projektes sind nicht nur genähte Schürzen, Mäntel und Taschen. Die Frauen sollen dazu gebracht werden, sich auf eine Arbeitstelle zu bewerben „und sich schließlich auf dem Arbeitsmarkt integrieren.“

Unterschiedliche Bildungsabschlüsse

Bei den Nähtreffen sind Frauen mit den unterschiedlichsten Bildungsabschlüssen dabei. Dazu gehören Medizinerinnen und Juristinnen. „Die haben in Deutschland natürlich keine Chance mit ihren Abschlüssen“, erklärt Kretschmer-Risché.

Frishta Amiri flüchtete mit vier Kindern aus Afghanistan

Ein lautes Geräusch unterbricht sie. Amiri hat begonnen, knapp vier Meter lange Stoffbahnen in dünne Streifen zu reißen – wieder freihändig. Die 36-Jährige kommt aus Mazar-i-Sharif. Mit ihrem Mann und vier Kindern ist sie die Flucht nach Deutschland angetreten – zu Fuß und im Auto.

Ihre Route führte sie durch Afghanistan, Iran, Türkei über Griechenland nach Österreich und Deutschland. Als Fluchtgrund gibt Amiri an, dass ihr Mann Probleme mit der afghanischen Regierung gehabt hätte.

Zohra Hassan sucht eine Ausbildungsstelle als Verkäuferin

Auch Zohra Hassan ist über diese Route nach Deutschland gekommen. Sie kommt aus Ghazni, eine Stadt 150 Kilometer südlich von der afghanischen Hauptstadt Kabul. Die 23-Jährige ist seit 2016 in Deutschland und hat zwei Jahre lang die Berufsschule besucht. Nun möchte sie eine Lehre als Verkäuferin beginnen. Nächste Woche hat sie ein Vorstellungsgespräch in Baden-Baden. „Ich suche aktuell auch noch eine Wohnung“, erzählt Hassan, während die Frauen den Raum wechseln. Sie wohnt in einer Flüchtlingsunterkunft in Rastatt.

Von nun an gibt das Tackern der Nähmaschinen den Arbeitstakt an. Frishta Amiri schaut konzentriert. Sie zieht den roten Stoffstreifen durch die Nähmaschine. Das werden die Rüschen an der Schürze sein. „In Afghanistan habe ich als Friseurin gearbeitet“, erzählt sie. Genäht habe sie dort aber auch. „Ich hatte zwei Nähmaschinen.", sagt sie. Bei ihrer Sitznachbarin Hassan ist Fingerspitzengefühl angesagt. Der Faden ist gerissen.

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