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Betreiber sorgt sich um seine Existenz

Netto contra Dorflädele: Kann es in Ottersdorf nur einen geben?

Während die Verwaltung sich freut, einem Nahversorger in Ottersdorf einen weiteren Schritt näher gekommen zu sein, sind nicht alle über diese Entwicklung glücklich: Allen voran Manuel Reis, der das Dorflädele betreibt. Doch auch seine Kunden sagen: „Wir haben doch schon einen Nahversorger.“

Wocheneinkauf zu Fuß: Walter Enderle und Enkel Noah kommen regelmäßig ins Dorflädele, um einzukaufen. Kassiererin Anja Neumann kennt die beiden schon. Foto: Hans-Jürgen Collet

Nein, die Vorfreude auf den Netto am Ortseingang kann er eindeutig nicht teilen. Manuel Reis steht in seinem Laden mitten in Ottersdorf und lässt seinem Frust freien Lauf. „Wie kann ein Gutachten behaupten, dass wir hier gerade mal die Grundversorgung hinkriegen?“, fragt er und zeigt mit einer ausladenden Armbewegung auf sein Sortiment.

Klar, sein Laden sei klein. Aber seine Ware orientiere sich an den Kunden: „Wenn die Nachfrage da ist, dann habe ich auch zehn Waschmittel da. Oder eben nur ein oder zwei.“

Und dass die Kunden sein Angebot zu schätzen wissen, wird an diesem Vormittag deutlich. Es ist kurz nach elf Uhr und an der Kasse bildet sich schon eine Schlange. Und es sind nicht nur Senioren, die da ihren Einkauf erledigen, sondern auch Berufstätige, Familienväter oder Schüler.

Der Kunde steht für Reis im Mittelpunkt

Gerade kommt Beate Sprogis zur Tür herein. Sie hat eine Tasche in der Hand, darin ein angebrochenes Paket Kaffee. „Kannst du mir den auch noch besorgen? Dann muss ich gar nicht mehr zum Edeka“, fragt sie, als sie Manuel Reis sieht. Der nickt. Sie kaufe „so gut wie alles“ im Dorflädele. „Bis auf ein paar Kosmetika.“ Der Netto? „Für mich ein Albtraum. Wir brauchen doch Geschäfte im Zentrum.“

Wenn die jetzt noch hier zumachen, dann geht der Charakter vom Dorf verloren.
Walter Enderle, Kunde

Das sieht auch Walter Enderle so. Er belädt gerade mit Enkel Noah einen Handkarren. Darin: Getränkekisten und zwei Einkaufstaschen. „Ich erledige 60 Prozent der Einkäufe hier“, sagt Enderle. „Wenn die jetzt noch hier zumachen, dann geht der Charakter vom Dorf verloren.“ Schon jetzt radelt der Senior mal „eben rüber“ nach Iffezheim, um im Edeka dort die Dinge zu besorgen, die Reis nicht hat. Und wenn er einen Netto bräuchte, dann könnte er ja auch nach Wintersdorf. „Sind ja gerade mal drei Kilometer.“ Aber: „Wenn du über 80 bist, dann fährst du nicht mehr durch die Gegend. Dann brauchst du Läden wie diesen.“

Die Sorge, dass Reis durch die Konkurrenz von Netto nicht überleben kann, ist bei vielen Kunden groß. Und dann? „Wenn dann auch noch der Benz runterfährt, dann ist alles weg. Der Netto macht dicht und das Lädele gibt’s auch nicht mehr“, fürchtet nicht nur Enderle. Und weil der Netto auch ein Bäckerei-Café haben soll, könnte auch die Bäckerei am Ort in Existenznot kommen.

Ob das die optimale Lösung ist, bezweifle ich stark.
Margit Petermann, entschied sich auch wegen des Dorflädeles für einen Umzug nach Ottersdorf

Sie sei vor 13 Jahren aus Rastatt nach Ottersdorf gezogen, erzählt etwa Margit Petermann. „Dabei war das Dorflädele für mich ein wichtiger Punkt.“ Man müsse das „urbane Leben erhalten“ – von der Verkehrsproblematik und den Naturschutzaspekten einmal ganz abgesehen, die die Ansiedlung eines Nahversorgers am Ortsrand mit sich bringen könnten. „Ob das die optimale Lösung ist, bezweifle ich stark.“

Beratung vom Chef: Manuel Reis mit einem Kunden im kleinen Getränkemarkt, der sich an den Dorfladen anschließt. Foto: Hans-Jürgen Collet

Dorflädele-Besitzer ist frustriert

Damit spricht sie Manuel Reis aus dem Herzen. Die Ansiedlung eines Nahversorgers hängt schon seit Jahren wie eine dunkle Wolke über seiner Existenz: „Vor zwei, drei Jahren hätte ich gesagt, der Spatenstich draußen ist auch der Spatenstich für mein Grab.“ Inzwischen sehe er es nicht mehr ganz so düster, doch ob er dauerhaft überleben könne, sei schwer vorauszusagen. „Woanders werden Läden gegründet – und hier?“

Dass direkt mal jemand Kontakt aufgenommen hat? Nichts.
Manuel Reis, Ladeninhaber

Besonders ärgert es ihn, dass niemand von den Verantwortlichen mal auf ihn zugekommen sei. „Bei der Eröffnung, da war alles super, alle waren da. Da hätte ja mal jemand sagen können, wir haben da schon was in der Hinterhand. Aber keiner hat was gesagt.“

Auch jetzt, als es darum ging, dass Ortschaftsrat und später die Stadt die Netto-Ansiedlung weiter vorangetrieben haben, sei niemand auf ihn und seine Familie zugekommen. Reis frustriert: „Dass direkt mal jemand Kontakt aufgenommen hat? Nichts. Was ja auch schade ist.“

Inhaber übt Kritik an der Kommunalpolitik

Gedanken um ihre Zukunft macht sich auch Anja Neumann. Sie hat drei Kinder und keine Probleme, die fünfköpfige Familie über den Laden am Ort zu versorgen. Neumann hat lange bei Netto gearbeitet und ist im vergangenen Sommer ganz bewusst ins Dorflädele gewechselt. „Da liegen Welten zwischen“, sagt Neumann. Alles sei viel persönlicher und flexibler. „Da kann man einer Kundin auch mal was zum Auto tragen, das geht im Supermarkt nicht.“

Manuel Reis freut der Zuspruch – und trotzdem hat er Angst um seine Existenz. „Jetzt kann ich meine Familie ernähren und was fürs Alter zurücklegen.“ Eigentlich sei der Januar ein eher schlechter Monat. Doch in diesem Jahr läuft es gut. „Corona hat mir einen guten Kundenstrom beschert, der nicht abgerissen ist.“ Sein Wunsch? „Dass es so schön weitergeht und die Kunden zufrieden sind.“

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