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Exponate der Öffentlichkeit präsentiert

Neue Erbstücke für zwei Rastatter Museen: Nach 100 Jahren im Privatbesitz

Eine Schenkung macht es möglich, dass ein Paulskirchen-Abgeordneter und ein Generalleutnant künftig spannende Einblicke in die Geschichte des 19. Jahrhunderts geben. Das Wehrgeschichtliche Museum und die Erinnerungsstätte freuen sich über die neuen Exponate.

Freude über neue Exponate: Elisabeth Thalhofer, Alexander Jordan und Andrej Bartuschka (von rechts) präsentierten das Porträt von Christian Widenmann – in dessen rechter Geheimratsecke sind die „Schusswunde“ erahnen lässt. Foto: Hans-Jürgen Collet

Er müsse die elterliche Wohnung auflösen, die einem Museum gleiche. Mit diesen Worten trat Jörg Bügener im Sommer an das Wehrgeschichtliche Museum (WGM) heran. Und es stellte sich heraus, dass der Vergleich mit einem Museum zutreffend war, wie sich WGM-Leiter Alexander Jordan erinnert: „Ich habe die Objekte selbst abgeholt. Alles war dicht gedrängt und düster, viele Gemälde hingen an der Wand.“

Akribisch bemüht, gute Orte zu finden.
Alexander Jordan, Wehrgeschichtlichen Museums

Die Familientradition wurde in der Familie groß geschrieben. Und so war es nach dem Tod seiner Eltern für Jörg Bügener klar, dass er die zahlreichen Erbstücke aus mehr als 100 Jahren in gute Hände geben will. „Er war sehr gut und akribisch darum bemüht, gute Orte zu finden“, so Jordan. Diese Orte sind neben dem Wehrgeschichtlichen Museum auch noch die Erinnerungsstätte im Residenzschloss.

Ein Ort an dem die Exponate sprechen können

Wie wichtig der Erhalt der Objekte Bügener gewesen sind, zeige sich auch darin, dass er sie nicht verkauft, sondern geschenkt habe, so Elisabeth Thalhofer, Leiterin der Erinnerungsstätte. „Ihm ging es darum, einen Ort zu finden, an dem sie etwas zu sagen haben.“

Das sind sehr hübsche Beschreibungen aus dem Soldatenleben.
Alexander Jordan, Wehrgeschichtlichen Museums

Wie etwa das Porträt von Christian Widenmann: Der heutzutage wenig bekannte Mann war nicht nur der Urururgroßvater von Jörg Bügener, sondern auch Abgeordneter der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848. Er besaß außerdem eine Ausgabe des Parlamentsbuchs, in das jeder Abgeordnete seine Gedanken zum Parlament eintragen konnte. Die Erinnerungsstätte besaß bereits ein Faksimile, über die zeitgenössische Ausgabe freut sich Thalhofer dennoch sehr. Widenmann verewigte sich darin mit den Worten: „Schaffen wir nicht bald den einigen starken Bundesstaat, so kriecht der Schmetterling des neuaufgelegten Staatenbundes aus der Puppe, – und mit der edeln Seide ist’s vorbei.“

Sein Porträt ziert übrigens ein Loch an der Stirn, für das Stifter Bügener verantwortlich ist. „Dieses museale Haus war als Kind wohl so bedrückend für ihn, dass er irgendwann einen Schuss mit Pfeil und Bogen auf den Urururgroßvater abgegeben hat“, berichtet Thalhofer schmunzelnd.

Für Widenmann war Hecker ein „Verbrecher und Hochverräter“

Die Befürchtung der Museumsleiterin, es könnte sich bei Widenmann um einen unbedeutenden Hinterbänkler handeln, bewahrheitete sich nicht. Als Parlamentarier bezog der aus dem Rheinland stammende anfangs Linksliberale, später Nationalliberale auch klare Stellung zu Friedrich Hecker. Wie Andrej Bartuschka bei seinen Recherchen zu Widenmann herausfand, lehnte er eine Amnestie für die Mitglieder des Heckerzuges grundweg ab. „Er war der Meinung, die Liebe zum Vaterland müsse über das Mitleid mit den Gefangenen gehen“, so Bartuschka. In seinen Reden bezeichnete Widenmann Hecker dann auch als „Verbrecher und Hochverräter“.

Zur Zeit Widenmanns lebte auch der preußische Generalleutnant Albert von Memerty. Beiden kannten sich wohl nicht, wurden aber durch Bögeners Großmutter, eine geborene von Memerty, Teil derselben Familie. Porträts und eine Kladde mit dem Titel „Bruchstücke der Familie von Memerty“ liefern die Militär- und Familiengeschichte des gesamten 19. Jahrhundert, wie WGM-Leiter Jordan schwärmt.

Wir hatten befürchtet, er könnte ein Hinterbänkler sein.
Elisabeth Thalhofer, Erinnerungsstätte im Schloss

Der ostpreußische Adelige hat in seiner Militärzeit die sogenannten Deutschen Einigungskriege – 1864 gegen Dänemark, 1866 die Schlacht von Königgrätz, 1870/71 gegen Frankreich – miterlebt. „Bei der Einschließung von Metz und der Schlacht von Noiseville hat er sich einen Namen gemacht“, so Jordan. Die Kladde mit den Aufzeichnungen, die „wie ein Familienschatz gehütet wurde“, enthält viele detaillierte Schilderungen, wie etwa über eine Krankheit, die von Memerty 1870 auf dem Schlachtfeld überstehen musste. „Das sind sehr hübsche Beschreibungen aus dem praktischen Soldatenleben.“

Auch Erbstücke von Alberts Sohn Hubertus von Memerty sind an das WGM übergeben worden. Neben einem Porträt sind darunter zwei Pferdeskulpturen, die Hubertus als Preise von Reitrennen im Jahr 1892 gewann. Jordan freut sich über diese „spannenden Zeugnisse aus dem Leben einer klassischen Offiziersfamilie, die auch adelig war“.

Beide Museen wollen die neue Exponate bald auch der Öffentlichkeit präsentieren. So plant Jordan für das WGM eine Ausstellung über Stiftungen und Neuzugänge der vergangenen zehn Jahre, in der auch die Familiengeschichte der von Memertys gezeigt werden soll. Der Paulskirchenabgeordnete Widenmann wird sogar einen Platz in der Dauerausstellung der Erinnerungsstätte erhalten – als Beispiel für die parlamentarische Arbeit in der Nationalversammlung.

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