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Neuer Trendsport

Ötigheims Parkour-Sportler überwinden (fast) jedes Hindernis

Beim Parkour geht es darum, möglichst schnell von A nach B zu kommen – und das nur mit den Fähigkeiten des eigenen Körpers. Bei der TG Ötigheim gehen rund 100 Traceure diesem Trendsport nach.

  Parkour-Training bei der TGOE
Ein Geflecht von Stangen in verschiedenen Höhen sowie diversen Betonhindernissen: Seit 2016 haben die Ötigheimer Traceure ihren einen Parkour-Park.             Foto: Frank Vetter

Tobias ist zwölf und ein ziemlich gutes Beispiel. Vier Jahre lang hatte er sich als Nachwuchsturner bei der TG Ötigheim versucht. Zuletzt war ihm freilich immer mehr der Spaß daran abhandengekommen. „Richtig langweilig“ fand er die Turnerei am Ende, gleich mehrfach wollte er damit aufhören.

Dann, vor etwa zwei Jahren, sah Tobias eher zufällig bei einem Training seiner Altersgenossen vom Parkour zu und wusste gleich: „Das will ich auch.“ Kurz darauf schon hat er das Fach gewechselt – vom Turnen zum Parkour. „Das ist cool. Da kann ich mich so richtig austoben“, sagt Tobias über seine neue Sportart. „Jeden Montag gibt es was Neues und Anderes.“

Ötigheim: Ein Parcours gehört beim Parkour dazu

Jeden Montag findet in der Ötigheimer Brüchelweg-Halle das Training der Jüngsten der Parkour-Abteilung der TG Ötigheim statt, zumindest über die Wintermonate. Im letzten Hallendrittel in zwei Reihen verteilt sind dann mehrere Turngeräte wie Kästen, Reck und Schwebebalken, hinzu kommen zwei gut mannshohe Holzquader sowie ein aufblasbarer Turnboden samt einer luftgefüllten Sprungmatte.

Hindernis nach Hindernis überwinden die neun Jungs, die an diesem Montag ins Training gekommen sind. Immer wieder hieven sie sich auf ein Hindernis oder springen von oben runter, mal abschnittsweise, mal hintereinander weg, jeder ein bisschen auf seine Art. Auch ein Sprung ans Geländer der Zuschauertribüne wird später eingebaut, gleich nach diesem hangeln sich die Jungs an der glatten Wand entlang.

Frei zugänglicher Parkour-Park seit 2016

Es ist ein richtig kleiner Parcours. Ein solcher gehört – freilich in verschiedensten Größen – zur Sportart Parkour dazu, auch wenn aus dem „c“ in der Wortmitte ein „k“ wird und am Ende das „s“ fehlt. Im Kern geht es beim Parkour darum, von Punkt A nach Punkt B zu kommen – über Hindernisse jedweder Art und ganz ohne Hilfsmittel, also nur mit den Fähigkeiten des eigenen Körpers. Im Winter gilt es dabei zum Teil „missbrauchte“ Turngeräte zu überwinden, outdoor im Sommer stehen im Extremfall Treppen, Geländer, Mauern und/oder ganze Häuser im Weg, zumindest bei den Profis.

In Ötigheim wiederum verfügen die Parkour-Sportler seit Frühjahr 2016 über einen frei zugänglichen Parkour-Park mit einem Geflecht von Stangen in verschiedenen Höhen sowie diversen Betonhindernissen, dessen höchstes 2,96 Meter misst. Hinzu kommen variabel aufbaubare Holz-Hindernisse, die es erlauben, den Parcours immer wieder neu zu gestalten. „Das garantiert, dass es immer wieder neue Herausforderungen gibt“, sagt Werner Dreger.

  Parkour-Training bei der TGOE
Durch mobile Hindernisse wie dieses kann der Parcours immer wieder umgebaut werden.  Foto: Frank Vetter

Dreger ist der Mann, der Parkour nicht nur nach Ötigheim gebracht, sondern es dort auch hoffähig gemacht hat. Davor war er jahrelang Turntrainer – und musste immer wieder miterleben, wie seine Schützlinge spätestens im Alter zwischen 13 und 14 immer mehr „keinen Bock mehr auf die Disziplin, die im klassischen Turnen abverlangt wird“, hatten und schließlich aufgehört haben.

Als er auf einem Trainerlehrgang in einem Schnupperkurs ersten Kontakt mit dem Parkour-Sport bekam, habe es, so erzählt der 65-Jährige, sofort „Klick“ beim ihm gemacht. „Ich habe gleich gedacht, dass ich die Jungs so bei der Stange halten kann“, erinnert sich Dreger. Er selbst hatte ja auch auf Anhieb Feuer gefangen.

„Mit 52 bin ich dann Traceur geworden“, also ein Parkour-Hindernisläufer, erzählt er grinsend von den Anfängen. Zwar habe sich der ein oder andere im Verein zunächst darüber gewundert und gefragt, was das soll. Allerdings wurde auch schnell registriert, dass man die Jugend auf diese neue Weise im Verein halten kann. Tobias ist dafür das beste Beispiel. „Das ist dann ziemlich schnell explodiert“, sagt Dreger, der mittlerweile zwar nicht mehr selbst aktiv, aber immerhin als Trainer weiterhin tätig ist.

Turnerische Vorkenntnisse sind kein Nachteil

Rund 100 männliche und weibliche Traceure im Alter zwischen zehn und Anfang 30 beheimatet die Ötigheimer Parkour-Abteilung aktuell. In den Wintermonaten wird in sechs Gruppen jeweils montags und donnerstags trainiert. Die Anlage draußen ist ab dem Frühjahr frei zugänglich, was heißt, dass jeder dann so viel und oft trainieren kann, wie er möchte. Offizielle Trainingstage sind freilich auch hier Montag und Donnerstag.

Dass turnerische Vorkenntnisse kein Nachteil sind, liegt auf der Hand, auch wenn Parkour sich als eigenständige Sportart sieht. Zumindest bei der TG Ötigheim machen 20 Prozent der Traceure beides, also Parkour und Turnen. Der 13-jährige Max ist einer von ihnen. „Beim Turnen kommt es mehr auf die Körperspannung an, beim Parkour eher auf die Lockerheit“, referiert er. Zudem sei Parkour einfach cool. Ergibt zusammen, zumindest bei Max: „Mir macht beides sehr viel Spaß.“

Und das, obwohl die Anforderungen beim Parkour nicht ohne sind. Oder gerade deswegen? Körperlich braucht es Kraft, Kondition, Balance und eine gute Koordination. Was die Psyche anbelangt, sind eine hohe Konzentrationsfähigkeit und eine gute Selbsteinschätzung gefragt. „Man lernt, seine Grenzen einzuschätzen“, sagt Dreger. Dazu passt, dass als eines der ersten Elemente eine sichere Landung eingeübt wird.

Man lernt, seine Grenzen einzuschätzen.
Werner Dreger
Ötigheimer Parkour-Trainer

Wachsen an den Herausforderungen

Das ist bei all den Sprüngen, die später auch noch mit Schrauben und Salti verziert werden, auch notwendig. Alles andere wäre Harakiri, was ausdrücklich nicht erwünscht ist. Vielmehr geht es darum, an den Aufgaben und Herausforderungen zu wachsen. „Keiner muss etwas tun, was er nicht tun will“, sagt Dreger. „Wenn der Kopf sagt: Das geht nicht. Dann ist das so“, fügt er an.

Dass es Wettkämpfe zwar gibt, der Parkour-Sport aber nicht zwingend oder prinzipiell darauf ausgerichtet ist, macht das zumindest einfacher. „Wenn die Mauer zu hoch ist, dann laufen wir drumherum“, stellt Dreger fest. Oder trainieren so lange weiter, bis die Mauer im Kopf klein genug geworden ist, um sie doch überwinden zu können.

Zur Serie

Unter der Rubrik „Uns gibt’s auch noch“ stellt die Sportredaktion in loser Folge eher ungewöhnliche Sportarten vor, die sonst weniger bis gar nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Bisher vorgestellt: Die Caster der Anglergemeinschaft Iffezheim (4.11.), die Minigolf-Wölfe Rheinstetten (11.11.), die Ultimate Frisbee beim MTV Karlsruhe (18.11.) sowie die Rhönradturnerinnen des TV Lichtenau (25.11).

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