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Unsicherer Aufenthaltsstatus

Wird ein Chemielaborant aus Ötigheim trotz Bestnoten abgeschoben?

Für die Firma Menzerna ist Reza Rashidnia ein Glücksfall. Doch darf der aus dem Iran Geflüchtete in Deutschland bleiben?

Reza Rashidnia in seinem Labor bei der Firma Menzerna
Reza Rashidnia in seinem Labor bei der Firma Menzerna. Foto: Xenia Schlögl

Chemie ist die Kunst, mit den Bausteinen der Natur neue Stoffe zu erschaffen, Moleküle zusammenzuführen oder zu trennen. Das geht nicht ohne ausgefeilte Labortechnik und chemisches Wissen. Der 25-jährige Iraner Reza Rashidnia ist seinem Wunsch, in einem naturwissenschaftlichen Beruf Fuß zu fassen, einen großen Schritt näher gekommen. Er schloss mit Bestnoten seine Abschlussprüfung zum Chemielaboranten ab und wurde bei einer Feierstunde der IHK Karlsruhe Mitte November ausgezeichnet.

Ötigheimer Firma mit Reza Rashidnia sehr zufrieden

Für seinen Ausbildungsbetrieb, die Firma Menzerna aus Ötigheim, ist Rashidnia ein Glücksfall. Marketingmanager Steven Wemyss sieht in Rashidnias Ausbildungserfolg einen soliden Grundstein für dessen persönliche Weiterentwicklung: „Seine Leistungen waren von Anfang an überdurchschnittlich. Mit seiner dreijährigen Ausbildung und den erlangten Laborkenntnissen kann er in Zukunft eine wichtige Rolle in unserem Forschungs- und Entwicklungsteam einnehmen.“

Menzerna ist ein mittelständisches Unternehmen, das seit 1888, zuerst in Pforzheim, dann in Karlsruhe und seit 1997 in Ötigheim, Polierpasten für Industrie und Handwerk herstellt. In der Branche ist Menzerna ein anerkannter Spezialist und führend in der Entwicklung und Produktion. „Wir orientieren uns an den Bedürfnissen der Kunden“, sagt Wemyss, „die Verknüpfung von Rezepturentwicklung und Anwendungs-Know-how ist eine der großen Alleinstellungsmerkmale von Menzerna.“ Vor Ort beschäftigt die Firma circa 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unterhält eine Vertriebsgesellschaft in den USA.

Rashidnia floh 2015 aus dem Iran nach Deutschland

Um auf dem Weltmarkt auch in Zukunft bestehen zu können, ist Menzerna auf kluge Köpfe angewiesen. Einer dieser klugen Köpfe ist ihr Mitarbeiter Reza Rashidnia. Sein Werdegang ist alles andere als geradlinig und einfach gewesen. Er ist Kurde und floh 2015 als 17-Jähriger vor politischer Verfolgung aus seiner Heimat Iran nach Deutschland. Er lernte schnell Deutsch und machte erfolgreich Abitur an der Handelslehranstalt in Rastatt.

Trotz Studiums: Verwaltungsgericht stellt Rashidnias Aufenthaltsstatus infrage

Im Herbst 2020 begann er sein Studium der Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen an der KIT in Karlsruhe. „Ich war schon in jungen Jahren stark an Naturwissenschaften interessiert, insbesondere der Chemie“, erzählt Rashidnia. „Ich habe oft Nachhilfe gegeben und mir war frühzeitig klar, dass meine berufliche Zukunft in Richtung eines Studiums führen würde.“ Der Fachkräftemangel auf der einen Seite und ein junger Mensch mit Aussicht auf einen Hochschulabschluss in einer Zukunftsbranche auf der anderen Seite waren für das Verwaltungsgericht in Karlsruhe kein Grund für einen gesicherten Aufenthaltsstatus.

Rashidnia musste das Studium wegen drohender Abschiebung abbrechen

Im Dezember 2020 erhielt Rashidnia stattdessen die Abschiebung und musste sein Studium aufgeben. Allerdings, auch das gehört zum schwierig nachvollziehbaren deutschen Aufenthaltsrecht: Wer einen Ausbildungsplatz vorweist, kann ein zeitlich befristetes Bleiberecht erhalten. An diese Vorgabe klammerte sich Rashidnia und mit Unterstützung aus seinem privaten Umfeld entstand der Kontakt zu Menzerna.

Plan B: Ausbildung als Chemielaborant

Auch wenn die Ausbildung als Chemielaborant sein Plan B wurde, war Rashidnia schnell begeistert über das Aufgabenspektrum: „Die Vielfältigkeit ist anspruchsvoll“, beschreibt er seine Arbeit. „Forschung, Rezepturentwicklung, Qualitätsmanagement, Wareneingang- und Ausgangskontrolle bieten oft Abwechslung und die Möglichkeit kontinuierlich dazuzulernen.“ Er besuchte die Carl-Engler-Schule in Karlsruhe und konnte aufgrund guter Leistungen die Regelausbildungszeit von 3,5 Jahren um ein Jahr und zwei Monate verkürzen. Menzerna lobt die gute Zusammenarbeit mit der IHK Karlsruhe.

Rashidnias zeitlich begrenztes Bleiberecht läuft Ende 2024 aus

Rashidnias zeitlich begrenztes Bleiberecht läuft Ende kommenden Jahres aus. Sein Aufenthaltsstatus bleibt ungewiss. Kritisch merkt Marketingmanager Wemyss an: „Herr Rashidnia spricht fließend Deutsch und musste die meiste Zeit seiner Ausbildung mit einem Duldungsstatus leben, immer mit dem Damoklesschwert der Abschiebung über ihm.“ Trotz Referenzschreiben seitens des Unternehmens verlief die Bearbeitung seines Bleiberechtsantrags zäh und frustrierend.

„Wir sehen ganz grundlegenden Änderungsbedarf in unserem Einwanderungsrecht“, so Wemyss. „Mit einem immer größer werdenden Ingenieursmangel müssen wir es schaffen, attraktiver für talentierte Menschen aus der ganzen Welt zu werden, die hier einen Beitrag leisten wollen.“

Wir sehen ganz grundlegenden Änderungsbedarf in unserem Einwanderungsrecht.
Steven Wemyss
Marketingmanager Firma Menzerna 

Menzerna bietet permanent drei bis fünf Studien- und Ausbildungsplätze in technischen und kaufmännischen Berufen an, die allerdings nicht jedes Jahr besetzt werden können. Das Bewerberaufkommen sei schwankend, berichtet Wemyss: „Es kommt auch vor, dass wir trotz einer ausreichenden Anzahl von Bewerbungen keinen Auszubildenden finden, der zu uns passt.“

Reza Rashidnia ist dankbar für seine berufliche Chance: „Ich habe von Beginn an viel Unterstützung seitens des Unternehmens und all meiner Kollegen erfahren.“ Mittelfristig sei für ihn eine Weiterbildung zum Chemietechniker möglich, aber sein Traum bleibe das naturwissenschaftliche Studium.

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