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Provisorien gehören bald Vergangenheit an

Rastatter Stadtarchiv zieht in das ehemalige SWI-Gebäude

125 Jahre ist es alt, aber eine feste Heimat hat es in all dieser Zeit nicht gehabt: Das Stadtarchiv Rastatt rettet sich von einem Provisorium ins nächste und ist über mehrere Standorte verteilt. Mit dieser Zerstückelung soll jetzt Schluss sein.

Vollgestopft: Das Stadtarchiv platzt aus allen Nähten. Überall stapeln sich Kisten, Kartons uns Aktenberge. Ein „unhaltbarer Zustand“ für Stadtarchivar Oliver Fieg. Foto: Hans-Jürgen Collet

Das Archiv der Stadt Rastatt bekommt ein neues Zuhause: Voraussichtlich in zwei Jahren soll das derzeit auf mehrere Orte verteilte Stadtarchiv in das ehemalige SWI-Gebäude in der Karlstraße umziehen. Dies hat der Gemeinderat bei zwei Gegenstimmen mehrheitlich beschlossen. Auch zur Freude von Stadtarchivar Oliver Fieg.

„Die Geschichte des Stadtarchivs ist geprägt durch Umzüge“, sagt Fieg im BNN-Gespräch. Der erste stand schon wenige Jahre nach der Gründung vor 125 Jahren an und bis heute gab es keine dauerhafte Lösung.

„Als wir ins Verwaltungsgebäude eingezogen sind, war das als Übergang gedacht, doch wie heißt es so schön: Provisorien halten am längsten?“ Mehr als zehn Jahre ist das jetzt her, und inzwischen sei der Zustand kaum noch haltbar. „Wir haben einfach zu wenig Platz.“

Rossihaus wurde verworfen

Das ist auch der Stadt schon lange bekannt. Da ein Archiv aber besondere Anforderungen an die Statik eines Gebäudes stellt, hat es gedauert, bis ein geeigneter Kandidat gefunden war. „Wir hatten zu diesem Zweck schon einmal das Rossihaus angekauft und dann festgestellt, dass es sich nicht eignet“, erklärte Bürgermeister Arne Pfirrmann zur schwierigen Gebäudesuche.

Die FDP hatte nachgefragt, weshalb das Archiv nicht im Postgebäude untergebracht werden könnte, um so auch die Finanzen der Stadt zu schonen. „Wir haben die Alternativen geprüft und dort nicht ausreichend Flächen zur Verfügung“, lautete die klare Antwort von Pfirrmann. Zudem müsse man das Thema nun dringend angehen.

Wir haben einfach zu wenig Platz.
Oliver Fieg, Stadtarchivar

Das unterstreicht auch Stadtarchivar Fieg: „Wir haben die Akten zum Großteil nicht im Haus. Das ist weder effektiv noch effizient.“ Wenn eine Anfrage von einem Nutzer kommt, bedeutet das für Fieg und das Team des Stadtarchivs, dass die Akten erst einmal aus dem entsprechenden Archiv geholt werden müssen.

Also muss jemand ins Ludwig-Wilhelm-Gymnasium, wo vier Räume als Magazin dienen, oder bis vor kurzem noch in den ehemaligen Luftschutzkeller des früheren Landratsamts in der Herrenstraße 15. Der wurde inzwischen wegen Schimmelgefahr aufgegeben und bereits ins ehemalige SWI-Gebäude verlagert. „Bei ein oder zwei Akten geht das zu Fuß und auch bei schlechtem Wetter, bei mehr wird das schon schwierig“, so Fieg, der sich dann auch mal ins Auto schwingt.

Hat die passende Statik: Als Produktionsgebäude für Aktenordner bringt das ehemalige SWI-Gebäude die statischen Voraussetzungen mit, die es braucht, um die 1.600 laufenden Aktenmeter des Archivs dort unterzubringen. Foto: Hans-Jürgen Collet

Insgesamt beherbergt das Stadtarchiv derzeit 1.600 laufende Meter Akten. Und die sind laut Fieg bereits durchgeschaut worden, ob sich darunter nicht Material verbirgt, dass doch nicht aufgehoben werden müsste.

Denn das Stadtarchiv ist keine freiwillige Leistung der Stadt, sondern eine Pflichtaufgabe: „Gemäß Paragraph 7 des Landesarchivgesetzes verwahren, erhalten und erschließen Gemeinden Unterlagen von bleibendem Wert (...). Darüber hinaus sollen die Gemeinden das Archivgut nutzbar machen“, erklärt die Verwaltung.

Er könne noch etwa ein bis eineinhalb Jahr „kleinere Anlieferungen“ annehmen, so Fieg. Dann sei endgültig Schluss. Und auch die Nutzbarmachung gestaltet sich in den vorhandenen Räumen immer schwieriger.

Projekt kostet 4,4 Millionen Euro

Das soll sich im ehemaligen SWI-Gebäude ändern. Als Produktionsgebäude für die Firma Leitz ist es statisch auf hohe Deckenlasten ausgelegt, so dass das Stadtarchiv aus dem Kellerdasein ausbrechen kann. Vorgesehen ist in einem ersten Schritt, dass zweite Obergeschoss für das Archiv herzurichten.

Dort stehen etwa 940 Quadratmeter zur Verfügung, davon rund 800 für die Akten. Zudem gibt es im ersten Geschoss weitere 400 Quadratmeter als Reservefläche für das Archiv, aber auch für die Galerie Fruchthalle oder das Stadtmuseum. 4,4 Millionen Euro steckt die Stadt in das Projekt.

Wir haben die Alternativen geprüft.
Arne Pfirrmann, Bürgermeister

Das Geld fließt allerdings nicht ausschließlich ins Archiv, da eine Sanierung des Gebäudes sowieso mittelfristig notwendig wäre. Sie macht auch eine zukünftige Nutzung freier Flächen als Kindergarten möglich. In einem ersten Bauabschnitt sollen die Wärmeversorgung erneuert und der Einzug des Stadtarchivs vorbereitet werden.

Dies soll bis Ende 2022 erledigt sein, so dass das Stadtarchiv Anfang 2023 einziehen könnte. Der zweite Bauabschnitt dauert dann bis Ende 2023 und sieht die energetische Sanierung vor.

Wie Jasmin Weinert vom Hochbauamt auf Nachfragen der Fraktionen erläuterte, werden durch den Einzug des Archivs die Flächen des Jiu-Jitsu-Vereins und von Art Canrobert nicht angegriffen. Dies könne sich durch eine weitere Nutzung als Kita mittelfristig allerdings ändern, räumte Oberbürgermeister Hans-Jürgen Pütsch ein.

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