Skip to main content

Umstrittene Würdigung

Rastatts Oberbürgermeister kündigt Entscheidung zu Stern für Xavier Naidoo an

Seit 1999 würdigt ein Stern im Pflaster vor der Badner Halle in Rastatt den umstrittenen Sänger Xavier Naidoo. Die SPD fordert, ihn jetzt zu entfernen. Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch hat am Donnerstag eine Entscheidung angekündigt. Doch wie diese ausfallen wird, ist offen.

Ein Stern als Stein des Anstoßes: Seit 1999 ist Xavier Naidoo im Pflaster vor dem Eingang der Badner Halle verewigt. Foto: Holger Siebnich

Seit 1999 würdigt ein Stern im Pflaster vor der Badner Halle in Rastatt den umstrittenen Sänger Xavier Naidoo. Die SPD fordert, den Stern jetzt zu entfernen. Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch hat am Donnerstag eine Entscheidung angekündigt. Doch wie diese ausfallen wird, ist offen.

Xavier Naidoo liegt in durchaus prominenter Nachbarschaft neben Legenden wie Joe Cocker, Udo Jürgens oder ZZ Top. Der Name des Sängers ist Teil des Walk of Fame vor dem Eingang der Badner Halle. Die Sterne im Pflaster ehren Größen, die in Rastatt aufgetreten sind. Seit den 90er Jahren bis heute hat die Stadt dort 28 Künstler verewigt. Naidoo kam bereits 1999 dazu.

Geht es nach dem SPD-Landtagsabgeordneten Jonas Weber, soll der Stern verschwinden. Am Mittwoch schrieb Weber an Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch: „Nach den bekannten Ereignissen und Äußerungen des Musikers halte ich eine Würdigung für absolut nicht angebracht. Es ist einer Stadt, die für die Freiheitsbewegung in der deutschen Geschichte steht, nicht würdig und widerspricht ihrem Selbstverständnis als Symbolstadt für Freiheit und Demokratie.“

Oberbürgermeister Pütsch kündigt Entscheidung an

Pütsch äußerte sich am Donnerstag zu dem Thema. Er will die Problematik nicht aussitzen und kündigte an: „Es wird zu einer Entscheidung kommen.“ Er machte kein Geheimnis daraus, einst selbst ein Fan Naidoos gewesen zu sein. Sowohl die Texte als auch das Auftreten des Sängers hätten ihm gefallen. Doch Naidoo habe sich „über die Jahrzehnte gewandelt“. Mittlerweile verwende er Begrifflichkeiten, die klar der rechten Ecke zuzuordnen seien.

Der OB will das Thema aber nicht im Alleingang entscheiden, sondern „das zuständige Gremium“ ins Boot holen. Ob es sich dabei um den Gemeinderat oder um den Ausschuss für Jugend, Soziales und Kultur handle, müsse noch geklärt werden. Anders als bei der Absage des Kollegah-Konzerts im November vergangenen Jahres bestehe kein zeitlicher Druck.

Er ist ein großartiger Künstler,
aber vielleicht ein fehlgeleiteter Mensch.Brigitta Lenhard, CDU-Fraktionsvorsitzende

Wie die Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat sein könnten, ist völlig offen. Die Fraktionssprecher sind unterschiedlicher Meinung, manche tun sich mit der Angelegenheit sichtlich schwer. So meint Brigitta Lenhard (CDU), dass man den Stern „ertragen könnte“, auch wenn das schmerzhaft sei. Sie würde sich aber auch nicht für seinen Erhalt verkämpfen. Mit ihrer Fraktion habe sie sich bislang noch nicht ausgetauscht, sodass es dort auch andere Meinungen geben könne. Es sei unerträglich, was Naidoo absondere. Er sei ein großartiger Künstler, „aber vielleicht ein fehlgeleiteter Mensch“.

Xavier Naidoo hat sich durch umstrittene Äußerungen selbst ins gesellschaftliche Abseits gestellt. Foto: dpa

Herbert Köllner (FW) sieht das Thema ebenso ambivalent. Einerseits sei Naidoo kein Vertreter einer Künstlergruppe, die es verdiene, in Rastatt gewürdigt zu werden. Andererseits sei „das Ding nun einmal im Boden“ – und das schon seit mehr als 20 Jahren. Es gebe wichtigere Themen, als dass der Stern nun umgehend mit dem Presslufthammer rausgeklopft werden müsse. Ähnlich lautet die Einschätzung von Michael Weber (FDP): „Ich hänge nicht an dem Stein. Aber ich sehe auch nicht die dringende Notwendigkeit, ihn zu entfernen.“

AfD und Grüne bilden ungewönliche Allianz

Eine ungewöhnliche Allianz pro Stern bilden Roland Walter (Grüne) und Roland Oberst (AfD). Walter sagt: „Ich bin der Meinung, dass eine künstlerische Ehrung, und dabei handelt es sich bei dem Stern, nicht mit politischen Ansichten einer Person vermischt werden sollten.“ Naidoo habe das Recht auf seine Meinung, wenn es sich dabei nicht um strafrechtlich relevante Tatbestände handle.

Aus Sicht von Oberst ist klar: „Der Stern muss bleiben.“ Der AfD-Sprecher ist selbst Musiker „und öfters anderer Meinung als die Medienlandschaft und unsere Politiker in Berlin“. Naidoo habe das Recht zur freien Meinungsäußerung wie alle anderen.

Mehr zum Thema:

Klar für die Entfernung positioniert sich neben der SPD in Person von Jonas Weber auch die Wählervereinigung FuR. In einer Stellungnahme schreibt die Fraktion: „Wer nicht erst seit gestern völlig wirre Verschwörungstheorien in die Welt setzt, die Corona-Pandemie nach ihrer Realität hinterfragt, wer sich auch musikalisch in das Umfeld der so genannten Reichsbürger begibt, hat in Rastatt zweifellos keinen Ehrenstern verdient.“ Naidoo selbst habe einen passenden Song für seinen Aggregatzustand: „Nicht von dieser Welt“.

Während sich die offiziellen Facebook- und Instagram-Seiten von Xavier Naidoo inhaltlich auf seine Tätigkeit als Sänger konzentrieren, nutzt der Mannheimer mittlerweile den Dienst Telegram als Sprachrohr für seine kruden Ansichten. „Hat Willy Brandt ein mächtiges Pädophilennetzwerk in Berlin aufgebaut?“, „Adrenochrom 3 – Ritueller Missbrauch in Deutschland“ oder „Merkel ist vom Teufel besessen!“ Das ist nur eine kleine Auswahl der Titel von YouTube-Videos, die Naidoo auf seinem Telegram-Kanal in den vergangenen Tagen geteilt hat. Bei Adrenochrom soll es sich um eine Art Superdroge handeln, ein Anti-Aging-Produkt, das aus dem Blut entführter und gefolterter Kinder gewonnen wird. Auch sonst lässt der Sänger wenig Unsinn aus. In der Vergangenheit bezweifelte er etwa die Existenz des Weltalls oder verbreitete, der Staat wolle mit dem Coronavirus ältere Menschen töten – wobei er sogar den eigenen inhaltlichen Widerspruch aushielt, dass die Corona-Pandemie seiner Meinung nach in Wirklichkeit gar nicht existiere. Xavier Naidoo sprach auch schon vor sogenannten Reichsbürgern, die die Existenz der Bundesrepublik bestreiten. Einen mehrfach verurteilten Reichsbürger bezeichnete er öffentlich als „wahren Helden“.

nach oben Zurück zum Seitenanfang