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St. Alexander

So brachte ein Ministrant beim Stromausfall in Rastatt die Orgel zum Klingen

Beim Stromausfall in Rastatt verstummten nicht nur Radios, sondern auch die Orgeln in den Kirchen. Mit einer Ausnahme. Warum das so war.

Die Stieffell-Orgel kann im Notfall auf Strom pfeifen: Jonas Volkmer (rechts) und Christian Früh ziehen an Seilen, um die Blasebälge zur Luftversorgung zu bewegen.
Die Stieffell-Orgel kann im Notfall auf Strom pfeifen: Jonas Volkmer (rechts) und Christian Früh ziehen an Seilen, um die Blasebälge zur Luftversorgung zu bewegen. Foto: Christine Volkmer

Als sich Jonas Volkmer am Sonntagmorgen in der Sakristei von St. Alexander gerade in sein Ministrantengewand werfen wollte, staunte er nicht schlecht. Denn plötzlich stand Bezirkskantor Jürgen Ochs in der Tür. Ob er auf der Empore helfen könne, die durch den Stromausfall lahmgelegte Orgel in Gang zu halten, fragte Ochs.

Der 14-Jährige, ohnehin ein Schüler des Kantors, ließ sich nicht zweimal bitten. Und so war die katholische Stadtkirche beim Blackout das einzige Gotteshaus in Rastatt, in dem die Orgel erklingen konnte. Wie das?

Es ist ein Alleinstellungsmerkmal der historischen Stieffell-Orgel, das dazu verhalf, die Pfeifen auch ohne Strom zum Klingen zu bringen, sagt Ochs. Der Bezirkskantor sah sich durch den Stromausfall Sonntagfrüh schlagartig in die Zeit zurückversetzt, als es noch gar keinen Strom gab.

Einst waren in Rastatt Kalkanten, Orgelbuben oder Orgelzieher am Werk

1828 ist die Stieffell-Orgel in Betrieb gegangen. Und schon damals muss es auf der St.-Alexander-Empore so ähnlich zugegangen sein wie am Sonntag. Die benötigte Luft wurde per Muskelkraft erzeugt. Und für diesen Job gab es sogar eine Bezeichnung, weiß Ochs: Kalkanten. Diese Helfer mussten durch das Bedienen sogenannter Blasebälge die Luftversorgung der Orgel sicherstellen.

Die von Ochs spontan engagierten Orgelbuben oder Orgelzieher, wie Kalkanten auch genannt wurden, waren eben Jonas Volkmer und Chorsänger Christian Früh. Ihr Job war es, auf der Rückseite des Instrumentengehäuses immer nacheinander an sechs Seilen zu ziehen. Diese sind mit Bälgen im Innern verbunden, die sich – anstatt des mit Strom angetriebenen Motors – dank der menschlichen Muskelkraft öffnen und schließen.

Dadurch kann über ein Ventil Luft angesaugt werden. Je nachdem, wie schnell der Organist spielt oder wie viele Register er zieht, sind die Kalkanten entsprechend gefordert, für Luftnachschub zu sorgen. Am Klang ändert sich übrigens trotz der Notlösung nichts, wie Jürgen Ochs betont.

Aber ein bisschen geschwitzt habe ich schon.
Jonas Volkmer, Kalkant

Für die Luftbeschaffer selbst war der Sonntagsdienst übrigens offenbar kein großes Ding. Organist Ochs habe sie vor Beginn des Gottesdiensts kurz eingewiesen, erzählt Jonas Volkmer. Außer Atem sei er nicht gewesen, berichtet der Kalkant. „Aber ein bisschen geschwitzt habe ich schon.“ Dass der Dienst gar als eine Art Krafttraining daherkam, so weit will der Teenager nicht gehen. Angefühlt habe es sich, als ob er fünf Kilo ziehen müsse.

Der 14-Jährige, der seit Ende 2021 Orgelunterricht bei Jürgen Ochs nimmt, hat die Stieffell-Orgel am Sonntag von einer neuen Seite kennengelernt. Wohler fühlt er sich verständlicherweise auf der anderen Seite des Gehäuses – auf der Orgelbank. Und da hat er ein ganz klares Ziel: „Es ist mein großer Traum, dass ich die Orgel mal bei einem Gottesdienst spielen darf.“

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