Skip to main content

Mehr als 100 Teilnehmer

Wer kommt für bundesweite PFC-Schäden auf? Neue Ideen beim dritten Rastatter Expertenforum

PFC-Schäden gibt es in der ganzen Bundesrepublik, die gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen sind immer noch unklar, die Frage nach Sanierungsmöglichkeiten für belasteten Boden und Grundwasser ist offen und wer das alles zahlen soll, ist auch umstritten: Diese und weitere Diskussionspunkte standen am Mittwoch beim Expertentreffen in Rastatt auf der Tagesordnung.

Zahlreiche namhafte Experten waren zum dritten PFC-Forum nach Rastatt gekommen. Foto: Klatt

PFC-Schäden gibt es in der ganzen Bundesrepublik, die gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen sind immer noch unklar, die Frage nach Sanierungsmöglichkeiten für belasteten Boden und Grundwasser ist offen und wer das alles zahlen soll, ist auch umstritten: Diese und weitere Diskussionspunkte standen am Mittwoch beim PFC-Expertentreffen in Rastatt auf der Tagesordnung.

Von unserer Mitarbeiterin Patricia Klatt

Die PFC-Belastung der Region und die Konsequenzen daraus führten am Mittwoch nun schon zum dritten Mal PFC-Experten, Betroffene und Vertreter der Politik auf Einladung der Stadtwerke Rastatt in die Badener Halle. „Wir wissen heute mehr als damals und wir haben gelernt, mit dem Problem umzugehen und die Risiken, auch wenn wir sie noch nicht alle kennen, zu minimieren“, fasste Landrat Toni Huber die Situation treffend zusammen.

Zwischenstand in Rastatt vorgestellt

Der Geschäftsführer der Stadtwerke Rastatt, Olaf Kaspryk, sowie die Umweltingenieurin Lorena Rodriguez gaben einen Statusbericht über den hiesigen Schadensfall und betonten vor den mehr als 100 Teilnehmern, mit welchem Aufwand hier die Qualität des Trinkwassers gewährleistet werde .

Die Liste der vortragenden Referenten las sich dann wie ein „Who Is Who“ der PFC-Experten. Den Anfang machte der Umweltrechtler Wolfgang Köck, Professor an der Universität Leipzig, der über die auf EU-Ebene anstehenden Grenzwerte für PFC im Trinkwasser referierte, die im Zusammenhang mit der Wasserrahmenrichtlinie sowie dem Ausmaß der PFC-Belastung des Grundwassers möglicherweise neue rechtliche Wege für den Wasserversorger eröffnen würden.

Müssen Herstellerfirmen am Risiko der Chemikalien finanziell beteiligt werden?

40 Quadratkilometer PFC-belastetes Grundwasser hätten eine große wasserrechtliche Relevanz, so Köck. Er warf weiterhin die Frage auf, ob man nicht grundsätzlich auch die Produzenten von PFC-Stoffen an möglichen Sanierungskosten beteiligen müsse – eine Frage, die während des ganzen Tages diskutiert wurde und allgemeine Unterstützung fand.

Martin Cornelsen von „Cornelsen Umwelttechnologie“ stellte die heute bekannten und gängigen Reinigungs- und Immobilisierungsverfahren vor und betonte, das es nicht das eine Verfahren bei den PFC-Belastungen geben würde. Jürgen Hölzer von der Universität Bochum erläuterte die umweltmedizinische Bewertung : „Die Stoffe gehören nicht ins Blut und auch nicht ins Trinkwasser“, so Hölzer.

Thomas Straßburger vom Bundesministerium für Umwelt- und Naturschutz und Annegret Biegel-Engler vom Umweltbundesamt gingen auf die Aktivitäten auf Bundes- und EU-Ebene ein und es wurde einmal mehr thematisiert, wie kompliziert und auch wie kleinschrittig die ganze PFC-Problematik und -Regulierung überall sei.

Handlungsleitfaden der bundesweiten Arbeitsgruppe in Vorbereitung

Ein grundsätzlicher PFC-Handlungsleitfaden sei in Vorbereitung und im November werde ein Bericht über die Möglichkeiten einer punktuellen und auch flächenhaften Sanierung vorgestellt, so Straßburger. Man brauche mehr Gelder für die Forschung, viele Effekte seien noch gar nicht erfasst , geschweige denn reguliert und manches sei einfach eben auch mühsam, so Straßburger.

Annegret Biegel-Engler vom Umweltbundesamt erhält vom Rastatter Stadtwerke-Chef Olaf Kaspryk eine bundesweite PFC-Schadensfallübersicht. Foto: Klatt

Die PFC-Problematik sei auf Bundesebene „noch nicht so angekommen“ und das hiesige erarbeitete Wissen über Sanierung und Reinigung sei innovativ für Deutschland. Annegret Biegel-Engler betonte, dass PFC in Mittelbaden ein einzigartiger Fall sei und „man hat hier vor Ort das, was möglich war, gemanaged“.

Karte mit bundesweiten Schadensfällen übergeben

In diesem Zusammenhang sei die Verteilungskarte der bundesweiten PFC-Belastungen, die im Auftrag der Stadtwerke Rastatt durch die Steinbeiss-Transferzentrum Mittelstand erstellt worden sei, ein wichtiger Schritt zu Transparenz und Aufklärung, so Biegel-Engler. Ein Blick auf diese Karte, die auf der Seite der Stadtwerke online gestellt ist, zeigt bislang als Momentaufnahme insgesamt 250 PFC-Schadensfälle.

„Eine bundesweite Datenbank der Schadensfälle ist nicht nur für die Wasserversorger wichtig“, betonte Kaspryk. Das Gesamtresümee der Veranstaltung war durchweg ein Positives, war zu erfahren.


Drei Fragen an Annegret Biegel-Engler vom Umweltbundesamt Frau Biegel-Engler, wie schätzen Sie die Folgen der nun überreichten Liste der PFC-Schadensfälle ein? Biegel-Engler: Diese Karte ist sehr gut dazu geeignet, um sich vor Augen zu führen, dass es in ganz Deutschland PFC-Schadensfälle gibt und es keine Einzelfälle sind. Das kann durchaus dazu führen, dass sich weitere Behörden in Zukunft mit der Stoffgruppe auseinandersetzen. Die Karte stellt die Schadenfälle dar, die im Internet recherchierbar waren. Nicht alle von Behörden erhobenen Daten können weitergegeben und veröffentlicht werden. Deshalb wird eine solche Karte nie alle Schadenfälle in Deutschland zeigen können. Für eine Behörde, die bislang noch nicht von der PFC-Problematik betroffen war, kann eine solche Übersicht hilfreich sein, unkompliziert Kontakte zu knüpfen und auf die Erfahrungen anderer Behörden zurückzugreifen. Wäre es angesichts der Dimension der Belastung nicht ohnehin sinnvoll, auch auf der Bundesebene eine PFC-Behörde mit entsprechenden Geldern und Entscheidungsbefugnissen einzurichten? Biegel-Engler: Das wäre nicht so einfach, denn der Umgang mit Schadstoffen ist die Kompetenz der Länder. Der Bund kann nur die entsprechenden Leitlinien erstellen oder gesetzliche Rahmen vorgeben. Aber grundsätzlich kann auch die jetzige Form der Bund-Länder-Zusammenarbeit ja sehr gut funktionieren, wie man im hiesigen Fall sieht. Es gab und gibt einen intensiven Austausch zum Beispiel mit Herrn Söhlmann von der zuständigen Geschäftsstelle im Landratsamt. Anfangs habe ich Herrn Söhlmann Informationen und Studien zu PFC weitergeleitet, mittlerweile schickt er mir neueste Studien. In der Region hat sich inzwischen ein Kompetenzzentrum mit hoher Fachexpertise für die PFC-Problematik entwickelt. Das ist eine Win-win-Situation, von der auch andere betroffene Regionen profitieren werden. Beim PFC-Forum wurde mehrfach die Einrichtung einer PFC-Abgabe beziehungsweise eines PFC-Fonds angesprochen, in den auch die Produzenten der Chemikalien einzahlen sollen, um sich so an Sanierungskosten zu beteiligen. Was sagen Sie dazu? Biegel-Engler: Ich glaube nicht, dass es möglich wäre, an die direkten Produzenten der Chemikalien heranzugehen. Nicht alle PFC, die hier verwendet werden, werden auch hier produziert, viel kommt mittlerweile beispielsweise aus China. Es wäre sehr schwierig, diese Wege zurückzuverfolgen, um den Hersteller zu belangen. Ich könnte mir eher vorstellen, dass alle, die die Stoffe verwenden, auch eine Art Solidarbeitrag zahlen müssten, wenn Emissionen in die Umwelt erfolgen. Laut Chemikalienrecht sind die Unternehmen für den sicheren Gebrauch der Stoffe verantwortlich. Wichtig ist, die Freisetzung der Stoffe in die Umwelt zu vermindern, zum Beispiel durch strengere Auflagen für die Anlagen. Es ist auch grundsätzlich sinnvoll, die Verwendung und Produktion der PFC soweit wie möglich einzuschränken und nur noch die Verwendungen zu erlauben, die essenziell notwendig sind.


PFC: Das Gift in uns

Die Geschichte des größten Umweltskandals Deutschlands – mit seinen Hintergründen, gesundheitlichen Risiken, juristischen Folgen und persönlichen Schicksalen – erzählt dieses multimediale BNN-Dossier . Alle Artikel gibt es auch einzeln auf bnn.de .

nach oben Zurück zum Seitenanfang