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Landratsamt nimmt Druck vom Kessel

Aufnahmestopp in Rastatter Vogelstation reduziert Bestand: Beleidigungen im Internet

Ein befristeter Aufnahmestopp für Tiere in der Vogelauffangstation Fingermann soll den Bestand reduzieren. Im Internet kochen die Emotionen hoch. Dezernent Stefan Biehl verurteilt die verbalen Entgleisungen im Internet.

Im Einsatz: Kevin Fingermann hält einen geretteten Mäusebussard in seinem Arm. Mit seinem Großvater Pierre Fingermann betreibt er die Wildvogelauffangstation. Foto: Hans Jürgen Collet

In den sozialen Medien kochen die Emotionen hoch. Viele Menschen reagieren mit Unverständnis auf das Vorgehen der Landratsamtes gegen die Wildvogelauffangstation Fingermann.

Das Veterinäramt des Landkreises Rastatt hat dort gravierende Verstöße gegen das Tierschutzgesetz festgestellt. Deshalb zieht das Landratsamt einen befristeten Aufnahmestopp für Tiere in Betracht.

„Das Veterinäramt kontrollierte aufgrund zweier unabhängiger Anzeigen 2019 die Vogelauffangstation“, sagte Veterinäramtsleiter Peter Reith bei der Pressekonferenz an diesem Donnerstag im Landratsamt.

Dabei seien Verstöße gegen die Haltung und Fütterung festgestellt worden, wodurch die Wildtiere leiden oder geschädigt werden könnten. Unter anderem wurden ein toter, halb verwester Vogel oder Tiere in schlechtem Allgemeinzustand gefunden. Die Familie Fingermann würde zudem mit manchen Tieren nicht beim Tierarzt vorstellig.

Große Anzahl an Vögel sorgt für Überforderung

„Wir haben auch eine gewisse Überforderung durch die große Anzahl der Vögel bemerkt“, erklärte Reith. Jeder Vogel habe verschiedene Anforderungen und Bedürfnisse, die sehr zeitintensiv seien.

Im Verlauf der weiteren Kontrollen durch das Veterinäramt wurden die festgestellten Mängel laut Reith nur teilweise oder gar nicht behoben. Angebote fachlicher Unterstützung seien abgelehnt oder als persönliche Kritik verstanden worden.

„Mit dem befristeten Aufnahmestopp wollen wir Druck vom Kessel nehmen“, erläuterte der Veterinäramtsleiter. Mit der Möglichkeit, so den Bestand zu reduzieren, möchte das Landratsamt der Familie Fingermann nochmal die Möglichkeit geben, die bemängelten Punkte zu beheben.

Wir haben es uns nicht leicht gemacht.
Stefan Biehl, Dezernent

Das Veterinäramt und die Naturschutzbehörde hätten viele Jahre die Wildvogelstation auf vielfältige Art und Weise unterstützt.

„Wir haben es uns nicht leicht gemacht“, sagte Dezernent Stefan Biehl bei der Pressekonferenz im Landratsamt. Es spielt laut Biehl keine Rolle, ob es bisher über 20 Jahre lang gut gegangen ist. „Die Vorwürfe sind da und denen müssen nachgegangen werden“, sagte er.

Keine persönliche Fehde

Biehl betonte, dass es keine persönliche Fehde von Veterinäramtsmitarbeitern gegen die Familie Fingermann sei. Er verurteilte die teils wüsten Beleidigungen und Verunglimpfungen unter einem Facebook-Post.

„Wo es möglich ist, werden wir stafrechtliche Schritte einleiten“, so Biehl. Das Vorgehen sei eng mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe (RPK) abgestimmt. Außerdem ist nach Angaben von Biehl neben dem Veterinäramt auch die Naturschutzbehörde involviert.

„Das Landratsamt Rastatt hat sich in den vergangenen beiden Jahren außerordentlich viel Mühe gemacht, um den weiteren Betrieb der Wildvogelstation im Einklang mit den tierschutzfachlichen und -rechtlichen Anforderungen zu ermöglichen“, sagte RPK-Pressesprecherin Irene Feilhauer. An der letzten Kontrolle vor Ort habe das RPK teilgenommen.

„Das nun sachlich erforderliche Vorgehen des Landratsamtes ist auch aus unserer Sicht geboten und mit uns abgestimmt“, so die Pressesprecherin.

Viele Beratungsangebote an Familie Fingermann

„Es ist ein gemeinsam abgestimmtes Vorgehen“, sagte Sébastien Oser, Leiter der Naturschutzbehörde. Die Zustände vor Ort seien in vielerlei Hinsicht nicht in Ordnung. „Es werden Tiere aufgenommen, von denen die Behörden gar nichts wissen“, so Oser. Zudem habe es viele Beratungsangebote von Seiten der Behörden gegeben, um die Situation zu verbessern.

„Seit Beginn der Corona-Pandemie warte ich noch auf den mir versprochenen runden Tisch“, sagte Pierre Fingermann. Auch Enkel Kevin ist verwundert: „Uns wurde bisher immer nur gesagt, was alles falsch läuft.“

Niemand habe konkret gesagt, wie man was verbessern könne. Beide versichern, dass ihnen die Vogelstation nicht über den Kopf wachse. „Wenn wir zu viele Tiere haben, dann nehmen wir auch keine mehr auf“, betont Kevin Fingermann.

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