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Kritik an neuer Sportanlage

Zweierlei Maß in Rastatt? Fitnessstudio-Betreiberin ärgert sich über Outdoor-Sport auf städtischem Grund

Fitnessstudios gehören zu den großen Corona-Verlierern. Während die Betriebe ums Überleben kämpfen, hat die Stadt Rastatt eine Fitnessanlage unter freiem Himmel eröffnet. Dort dürfen Sportler trotz Corona trainieren. Bei der Geschäftsführung des Fitnessstudios Gymnasion kommt das gar nicht gut an.

Kostenlos und für jeden nutzbar: Vertreter der Stadt und der Jugenddelegation haben am Donnerstag die neue Fitnessanlage am Murgdamm freigegeben. Foto: Heike Vetter

Sergej dreht das Springseil mit einer so hohen Frequenz, dass es in der Luft kaum mehr zu erkennen ist. Der Takt ist schneller als ein Techno-Beat. Klack, klack, klack. Wenn er ausatmet, bilden sich kleine Wolken in der Luft. Raureif liegt über der Wiese am benachbarten Murgdamm. Der 27-Jährige und sein Kumpel Alex lassen sich von Temperaturen nahe des Gefrierpunkts nicht abschrecken und ziehen ihr Workout an der neuen Fitnessanlage am Festplatz durch. Die Stadt hat sie am vergangenen Donnerstag freigegeben. „Das ist super. Das hat hier gefehlt“, sagt Sergej. Doch es gibt auch massive Kritik am Zeitpunkt der Eröffnung.

Mehrere Klimmzugstangen, Fitnessbänke, Klettergeräte und ein Barren: Das reicht für ein Ganzkörpertraining mit dem eigenen Gewicht unter freiem Himmel. Sergej und Alex haben die Anlage am Wochenende beim Vorbeifahren zufällig entdeckt. Jetzt trainieren sie zum zweiten Mal hier. „Die Fitnessstudios haben zu. So kann man wenigstens ein bisschen was machen“, sagt Sergej.

Stellvertretende Geschäftsführerin macht ihrem Ärger auf Facebook Luft

Er ist auch Mitglied im Gymnasion. Das Rastatter Fitnessstudio befindet sich seit Anfang November zum zweiten Mal im Zwangs-Lockdown. Maren Grothe, stellvertretende Geschäftsführerin des Gymnasions, ärgert sich massiv, dass die Stadt die Anlage am Festplatz trotz der Corona-Kontaktbeschränkungen eröffnet hat. Auf Facebook hat sie eine Mitteilung der Stadt über das Angebot mit den Worten kommentiert: „Ich bin im falschen Film.“

Das macht mich fassungslos.
Maren Grothe, stellvertretende Gymnasion-Leiterin

In ihrem Beitrag stellt sie die Infektionsschutzmaßnahmen der öffentlichen Anlage und des Gymnasions gegenüber. Am Festplatz gebe es im Gegensatz zum Studio weder Desinfektionsmöglichkeiten noch Aufsichtspersonal, geregelte Trainingszeiten oder eine Erfassung der persönlichen Daten. Trotzdem erlaube die Stadt, dass dort fünf Personen gleichzeitig Sport treiben, während in Fitnessstudios auch Outdoor-Bereiche geschlossen bleiben müssten. „Das macht mich fassungslos“, schreibt Grothe.

Brigitta Lenhard, Geschäftsführerin des Gymnasions, stimmt ihrer Stellvertreterin und Tochter zu. „Ich halte den Zeitpunkt für komplett falsch“, sagt sie über die Eröffnung der Anlage. Sie sieht die Inbetriebnahme mit der Botschaft verknüpft, dass sich die Menschen dort zum Sporttreiben treffen sollen. Dabei sei es wichtig, Kontakte soweit es geht zu vermeiden. Nur dadurch könnten die Infektionszahlen sinken, was am Ende zu einer Öffnungsperspektive für die zwangsweise geschlossenen Betriebe führe.

Bis zu fünf Sportler können gleichzeitig trainieren

Auf Unverständnis stößt bei Lenhard und Grothe auch die Mitteilung der Stadt, dass derzeit maximal fünf Personen gleichzeitig am Festplatz trainieren dürfen. Die Fitnessstudio-Chefin hat sich in den vergangenen Monaten unfreiwillig zur Expertin für die Corona-Landesverordnungen entwickelt und sagt: „Nach den aktuellen Regeln sind maximal zwei Personen zugelassen.“

Das bestätigt die städtische Pressesprecherin Heike Dießelberg. Die bis Ende November geltende Landesverordnung erlaube Training allein oder zu zweit. Mehr Sportler dürften es nur sein, wenn es sich um Angehörige aus dem eigenen Haushalt handle. Allerdings treten an diesem Dienstag eine neue Verordnung und damit neue Regeln in Kraft. Ab dann gilt eine Beschränkung auf fünf Personen aus maximal zwei Haushalten.

Stadtverwaltung kündigt Kontrollen an

„Wir haben großes Verständnis dafür, dass Fitnessstudios angesichts der geltenden Regeln nicht glücklich sind“, sagt Dießelberg. Die Stadt bewege sich mit dem Angebot aber im erlaubten Rahmen. Um die Sportler über die Richtlinien zu informieren, werde die Verwaltung noch ein Schild aufstellen lassen. Auch Kontrollen des Ordnungsdiensts seien geplant.

Sergej und Alex dürfen ihr Training in jedem Fall weiter durchziehen. Aber auch sie freuen sich auf die Wiederöffnung der Fitnessstudios. „Es ist schon kalt“, sagt Sergej. Lenhard hofft, dass die Landesregierung den Lockdown nicht noch einmal verlängert. Das erste Quartal sei extrem wichtig für das Neukundengeschäft. Motiviert durch gute Vorsätze zum Jahresanfang, stürmen die Menschen normalerweise in die Studios. Rund 40 Prozent aller Neuverträge schließe das Gymnasion in dieser Zeit ab. Staatliche Hilfen könnten das nicht kompensieren, sagt Lenhard. Wobei sie als Unternehmerin ohnehin nicht am Tropf der öffentlichen Hand hängen wolle: „Ich will nicht von Hilfen leben.“

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