Langläufer: Von 1968 an 37 Jahre lang baute Peugeot den 504. | Foto: Geiger / tmn

Avantgarde für die Massen

50 Jahre Peugeot 504

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Ein deutsches Alltagsauto kommt Thomas Lagally nicht auf den Hof. Zwar ist der Saarländer mittlerweile ins Rhein-Main-Gebiet gezogen, und seine Ferien verbringt er mit der Familie in einem zum Wohnmobil umgebauten Mercedes 508. Doch seinen Faible für Frankreich hat er sich bewahrt – und mit ihm die Liebe zu französischen Autos. Die dürfen gerne etwas älter sein. Ganz oben auf der Liste seiner Lieblinge steht der Peugeot 504, erst recht in diesem Jahr. Schließlich feiert die Limousine ihren 50. Geburtstag, und selbst wenn Lagallys grüner Schatz aus dem Jahr 1969 stammt, ist es laut Kraftfahrt-Bundesamt der älteste seiner Art in Deutschland und deshalb ein würdiger Kandidat für eine Ausfahrt zum großen Jubiläum.

Aussicht auf Fahrgenuss: Bequeme Sessel, Lenkradgestaltung und Schalthebelposition gewöhnungsbedürftig.   Foto: tmn

Natürlich ist der Lack an manchen Stellen ein bisschen stumpf, und am 1,8-Liter-Motor hat der Zahn der Zeit genagt. Doch das halbe Jahrhundert sieht man der Limousine nicht an. „Der Wagen war damals einfach seiner Zeit voraus“, sagt Lagally. Er schwärmt vom filigranen Design, während er sich in die avantgardistisch geformten Sessel mit der Einarm-Kopfstütze lümmelt. Diese sind zwar bequemer als manche Wohnzimmer-Möbel, bieten aber null Seitenhalt.

Ausreichend kräftig und regelmäßig im Dienst: Der 84 PS starke Motor im Fotoauto darf selbiges immer noch mindestens einmal pro Woche in Bewegung setzten.    Foto: tmn

Gewöhnungsbedürftige Schaltung

„Und er hält noch heute problemlos im Verkehr mit“, rühmt er den Klassiker, der mindestens einmal pro Woche bewegt wird und so im Jahr lässig auf 5000 Kilometer kommt. Auf der Autobahn mag er dabei lahm und laut sein, denn mehr als 140 Sachen will man weder dem Motor mit seinen 84 PS, noch den eigenen Ohren zumuten. Aber wenn man sich erst einmal an die Schaltung hinter dem spacigen Lenkrad und den so zerbrechlich wirkenden Blinkerhebel gewöhnt hat, fährt man damit ganz locker selbst durch den dicksten Stadtverkehr.

Langer Radstand: Fürs Mitschwimmen im Verkehr taugt dieser Peugeot 504 von 1969 seinem Besitzer immer noch.  Foto: tmn

Und selten war eine Landpartie so entspannend wie mit der Löwen-Limousine. Mit ihrem langen Radstand, dem komfortablen Fahrwerk und der lässigen Zahnstangen-Lenkung flaniert sie beschwingt über die Nebenstraßen wie ein Sonntagsspaziergänger nach einem schweren Bordeaux zu einem guten Mittagessen.

Peugeot 504 begeisterte schon beim Debüt

Der vom italienischen Stardesigner Pininfarina gezeichnete 504 ist aber nicht erst als Oldtimer zu einem Schmuckstück gereift, sondern hat Experten schon bei seinem Debüt 1968 begeistert. Die Zeitschrift „Auto, Motor und Sport“ lobte die Limousine als „französchen Mercedes“ und meinte damit weniger den seinerzeit stolzen Preis von 11 650 Mark als vielmehr den hohen Fahrkomfort in der selbsttragenden Karosserie mit Einzelradaufhängung, die Sicherheit der Scheibenbremsen an allen vier Rädern und das für die 4,49 Meter Länge fast schon luxuriöse Platzangebot, das dem verschwenderischen Radstand von 2,74 Metern zu verdanken ist. Bei der Wahl zum „Auto des Jahres“ gab ihm die Jury den Vorzug vor Modellen wie dem Audi 100, erzählt Lagally.

Für Peugeot markiert das Auto aus dem Jahr der Studentenrevolte den Aufbruch in eine neue Ära: „Der Peugeot 504 repräsentierte ein neues Fahrzeugformat, das technische Innovationen sowie Komfort und Extravaganz der Oberklasse in die anspruchsvolle Mittelklasse transferierte“, sagt Pressesprecher Stephan Lützenkirchen. Und dieses Format hatte offenbar Bestand.

Fast vier Millionen Exemplare

Denn zeitlos gezeichnet, robust und zuverlässig konstruiert, machte der 504 eine lange Karriere. Die dauerte 37 Jahre und hat am Ende fast vier Millionen Fahrzeuge gebracht – darunter auch viele familienfreundliche Kombis, praktische Pick-ups sowie unvergänglich schöne Coupés und Cabriolets. Dabei hat es der Avantgardist im Zeichen des Löwen auch geografisch weit gebracht: Er lief in Südamerika genauso vom Band wie in China, und das letzte Auto wurde 2005 im afrikanischen Nigeria produziert.

Für Sammler ist die große Stückzahl Fluch und Segen zugleich. Denn selbst wenn die Afrikaner mittlerweile fast alles aufgekauft haben, was die Abwrackprämien in Europa noch übrig gelassen haben, ist der Bestand an Fahrzeugen vergleichsweise groß, und die Preise sind entsprechend klein. Während man für die Seltenheiten von Mercedes oder Porsche aus jenen Jahren heute ein Vermögen zahlen muss, ist das Massenauto auch als Oldtimer ein bürgerliches Vergnügen und zu Preisen um 10 000 Euro zu haben, sagt Lagally. „Nur Kombis und Coupés sind etwas teurer, und Cabrios können auch mal das Doppelte kosten.“

Ersatzteilversorgung gesichert

Während also die Wertentwicklung eher verhalten ist, garantiert die immense Produktionsziffer eine solide Ersatzteilversorgung: Wo man bei Youngtimern wie dem Peugeot 605 von 1991, den Lagally gerade zum 18. Geburtstag für den Sohn herrichtet, oft schon suchen müsse, sei für den 504 noch alles zu haben – egal ob vom Werk oder von zahlreichen Spezialisten, die die gängigsten Ersatzteile sogar neu aufgelegt haben, sagt der Experte.

Trotzdem warnt er Neueinsteiger. Denn der 504 teilt ein Problem, das alle Autos jener Zeit haben: Den vergleichsweise gravierenden Rostbefall. Doch der Frankreich-Fan hat einen todsicheren Tipp, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Von jahrelang zur Seite gestellten Scheunenautos würde er die Finger lassen. „Aber was heute noch fährt, das ist offenbar so gut gepflegt worden, dass man es bedenkenlos kaufen kann. Das hält bestimmt noch einmal 50 Jahre.“   Thomas Geiger