Das Projekt stellt Luisa Lehnen den Grünen-Politikern Danyal Bayaz und Sandra Detzer sowie dem Antisemitismusbeauftragten Michael Blume (von rechts) vor. | Foto: Heintzen

Zahlt Land für Kislau?

Antisemitismus-Bericht empfiehlt Lernort

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Der neue Antisemitismus-Beauftragte der Landesregierung, Michael Blume, will den geplanten „Lernort Zivilcourage & Widerstand“ beim früheren Konzentrationslager Kislau 2019 als empfehlenswertes Projekt in seinen ersten Jahresbericht aufnehmen. Dies versprach der Ansprechpartner für Bildungseinrichtungen im Staatsministerium nach einem Vor-Ort-Termin auf dem Gelände von Schloss Kislau, zu dem der Grünen-Bundestagsabgeordnete Danyal Bayaz eingeladen hatte.

Damit erhofft sich der 2012 gegründete Verein Lernort weitere finanzielle Unterstützung des Landes für einen Neubau auf dem knapp 1 900 Quadratmeter großen Grundstück „Kuhweide“ unmittelbar neben dem Hofladen Kislau. Auf rund 350 Quadratmetern sollen in dem Lern- und Dokumentationszentrum Schüler und junge Leute mit der Vorgeschichte der NS-Diktatur und dem Widerstand von Menschen gegen die Nationalsozialisten vertraut gemacht werden.

Comic über illegale Flugblatt-Aktion

Die stellvertretende Vereinsvorsitzende Angelika Messmer aus Bad Schönborn hob die neuen Vermittlungsmethoden wie gezeichnete „Motion Comics“ hervor und erinnerte dabei an den 16-jährigen Fahrradkurier Eugen Kern, der 1933/34 unter großer Gefahr illegale Schriften von Mannheim nach Karlsruhe transportierte. Ein Comic soll es auch zum 1934 im KZ Kislau ermordeten Reichs- und Landtagsabgeordneten der SPD, Ludwig Marum, geben.

Bau kostet drei Millionen Euro

Marum ist nach Einschätzung des Antisemitismusbeauftragten Blume eine ideale Identifikationsmöglichkeit für die Abgeordneten, um die nötigen Investitionsmittel von drei Millionen Euro für den Bau des Lernorts zu bewilligen. Über welches Ministerium oder welche Landesinstitution der Neubau finanziert werden soll, ist nämlich noch längst nicht klar. Mit der Unterstützung eines privaten Vorhabens will das Land keinen Präzedenzfall schaffen, vermutet Andreas Schulz, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Projekt Lernort. So ist etwa der virtuelle Geschichtsort „Hotel Silber“ in Stuttgart, in dem die Gestapo von 1933 bis 1945 Verfolgte verhörte und misshandelte, an das Haus der Geschichte angeschlossen. Ein ähnlicher – verkehrsgünstig gelegener – Ort, um Geschichte und Demokratieverständnis hautnah zu vermitteln, fehlt auf badischer Seite, waren sich der neu gewählte Vereinsvorsitzende Dieter Bürk und seine Stellvertreterin Messmer einig.

Klinken putzen bei privaten Sponsoren

Vonseiten des Vereins wurden dafür bereits einige Klinken geputzt: So haben nach Angaben von Angelika Messmer vermögende Stifter Interesse signalisiert, das Projekt zu unterstützen. Den meisten reiche es aber nicht, dass das Land das Grundstück zur Verfügung stellt, so Luisa Lehnen, wissenschaftliche Mitarbeiterin. Die Streiter für den historischen Lernort sehen hier das Land in der Pflicht – auf Übernahme von dreiviertel der Baukosten hofft Manfred Kern, grüner Sprecher der Landesregierung für Gedenkstätten, aus Schwetzingen. Der Rest könne von Stiftern finanziert werden. Auch bei der Übernahme der Unterhaltskosten könnten Sponsoren wie etwa Stadtwerke zur Übernahme der Stromkosten oder Handwerker für Reparaturkosten gewonnen werden. Wenn das Vorhaben es in den Doppelhaushalt 2019/20 schafft, rechnet man seitens der Projektmitarbeiter mit einer Bauzeit von zwei bis drei Jahren.

 Abschubfinanzierung

Im Moment wird das Projekt Lernort Kislau durch eine Anschubfinanzierung von 200 000 Euro jährlich finanziert. Daran beteiligt sich das Land mit 140 000 Euro sowie die Stadt und der Landkreis Karlsruhe sowie der Rhein-Neckar-Kreis mit zusammen 60 000 Euro. Seit 2015 werden damit zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und eine wissenschaftliche Hilfskraft bezahlt. Erarbeitet wurde zwischenzeitlich ein Ausstellungs- und Vermittlungskonzept. Ein Architekturwettbewerb wurde realisiert, eine Fachtagung ausgerichtet und eine Fundraising-Strategie erarbeitet. In Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Gymnasium Östringen wurde außerdem ein Info-Parcour mit elf Tafeln entwickelt, der über die wechselvolle Geschichte des Ortes informieren soll. Er ist mittlerweile fast fertig und soll dann aufgestellt werden. Online wurde das Geschichtsportal „Zivilcourage & Widerstand“ aufgebaut sowie Motion Comics produziert, die von Menschen „wie du und ich“ erzählen und zu denen Jugendliche eine emotionalere Bindung entwickeln können. Wie Vorsitzender Bürk erklärt, will der Verein außerdem noch einen Preis für gesellschaftliches Engagement ausloben.