Bauhaus-Museum
Das von Walter Gropius entworfene Schulgebäude wurde 1925-26 in Dessau errichtet. Heute dient es als Bauhaus-Museum. | Foto: Yvonne Tenschert/Stiftung Bauhaus Dessau

Joaquín Medina Warmburg

„Das Bauhaus ist ein mächtiges Symbol des kulturellen Aufbruchs“

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Das Bauhaus, die einflussreichste Bildungsstätte für Architektur, Kunst und Design des 20. Jahrhunderts, wird 100 Jahre alt. Mit Joaquín Medina Warmburg hat ein Bauhaus-Experte die Leitung des Fachgebiets Bau- und Architekturgeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) übernommen (wir berichteten). Bevor er dem Ruf auf den renommierten Karlsruher Lehrstuhl folgte, war Medina, Sohn eines Spaniers und einer Deutschen, Inhaber der Walter-Gropius-Professur an der Universität Torcuato di Tella in Buenos Aires. Mit unserem Redaktionsmitglied Ulrich Coenen sprach der Wissenschaftler über Ursprünge und Auswirkungen des Bauhaus.

Sie haben an der RWTH Aachen über deutsche Architekten in Spanien promoviert. Spielt das Bauhaus in diesem Zusammenhang eine Rolle?

Joaquín Medina Warmburg ist Professor für Bau- und Architekturgeschichte am KIT. | Foto: Ulrich Coenen

Medina: Spanien spielte zu Beginn der Laufbahn von Gropius eine nicht unbedeutende Rolle. Nachdem er als Architekturstudent wegen seines zeichnerischen Unvermögens gescheitert war, unternahm er im Herbst 1907 eine Bildungsreise. In Madrid lernte Gropius seinen Mentor Karl Ernst Osthaus kennen, dem er wenige Wochen später in Sevilla erneut begegnete. Dort arbeitete Gropius in einer Keramikwerkstatt an einem Fries, den er selbst entworfen hatte. Osthaus empfahl Gropius an das Büro von Peter Behrens in Berlin, einem der Vorreiter der Moderne. Dort begann Gropius im Mai 1908. Nur zwei Jahre später plante Gropius das Fagus-Werk im niedersächsischen Leine. Diese Inkunabel der modernen Architektur ist seit 2011 Weltkulturerbe.

Walter Gropius
Walter Gropius gründete das Bauhaus vor 100 Jahren. | Foto: Joachim Barfknecht

1919 wurde Gropius Gründungsdirektor des Bauhauses in Weimar, das 1925 nach Dessau verlegt wurde. Dort entstanden nach seinen Entwürfen die berühmten Gebäude der Schule. Was war nach der der Katastrophe des Ersten Weltkriegs neu?

Medina: Das Bauhaus ist ein mächtiges Symbol des kulturellen Aufbruchs. Vor allem Gropius als erstem Direktor ist es gelungen, dass die Gestalter wieder Teilhabe an der industriellen Produktion erhalten haben. Ein Feindbild für Gropius waren Architekten, die nur Ornamentzeichner waren, an der Oberfläche blieben und keinen strukturellen Beitrag zur Gestaltung der Objekte leisteten.

Die am besten beschäftigten deutschen Architekten der Weimarer Zeit in Deutschland waren aber nicht die Bauhäusler, sondern Paul Bonatz und Wilhelm Kreis als Vertreter einer traditionellen Moderne. Das Verhältnis zwischen den beiden Fraktionen war von offener Feindschaft geprägt.

Nach Plänen von Ludwig Mies van der Rohe, des letzten Bauhaus-Direktors, entstanden ab 1928 in Krefeld zwei unmittelbar benachbarte Fabrikanten-Villen: Haus Lange  und Haus Esters. | Foto: Ulrich Coenen

Medina: Lange Zeit hat man diese beiden Richtungen der Moderne in der Forschung als Gegensätze gesehen. Heute haben wir ein differenzierteres, weniger eindeutiges Bild der modernen Architektur. Bei der Betrachtung der unter der Leitung des letzten Bauhausdirektors Ludwig Mies van der Rohe initiierten Weißenhofsiedlung und der von Paul Schmitthenner ebenfalls in Stuttgart als Antwort darauf geplanten Kochenhofsiedlung in traditionelleren Formen stelle ich fest, dass die Unterschiede im Hinblick auf die Wohnformen nicht so groß sind, wie die Protagonisten das damals propagiert haben. Es gibt erstaunliche Übereinstimmungen bis hin zu den Sonnenterrassen als einem Fetisch-Objekt des modernen Bauens. Jedenfalls haben beide Siedlungen ihre Wurzeln in der Lebensreformbewegung.

Was hat das Bauhaus bis zu seiner Auflösung unter dem Zwang des NS-Regimes 1933 überhaupt bewirkt?

Medina: Der direkte Einfluss war damals relativ gering, die Zahl der Studenten klein. Großen Einfluss erlangte das Bauhaus erst nach dem Zweiten Weltkrieg in der Welt der liberalen kapitalistischen Demokratien als Symbol für eine Gestaltungspädagogik, die weltweit imitiert wurde.

Im Vorfeld des Bauhaus-Jubiläums wächst in Teilen der Öffentlichkeit die Kritik an einer als kalt empfundenen Moderne. Das gipfelt in Rekonstruktionen von im Krieg untergegangenen historischen Gebäude wie dem Berliner Stadtschloss und der „Neuen Frankfurter Altstadt“, die in Fachkreisen höchst umstritten sind.

Katholische Pfarrkirche St. Anna in Düren, Architekt Rudolf Schwarz, vollendet 1956. | Foto: Ulrich Coenen

Medina: Eine Bauhaus-Kritik gab es bereits in den 1950er Jahren, etwa vom Architekten Rudolf Schwarz 1953 vorgetragen oder 1958 von Tomás Maldonado als Professor an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Es gibt also bereits seit mehr als sechs Jahrzehnten eine kritische, aber gut informierte Bauhausrezeption. Die Rekonstruktivisten machen es sich hingegen sehr einfach. Wenn sie so tun, als sei jede traditionalistische Rekonstruktion per se qualitätvoll, dann spricht das für reine Ideologie, die ihre eigentlichen politischen Zielsetzungen verschweigt. Ich vermisse, dass man mit offenen Karten spielt. Wenn es um eine geschichtspolitische Revision geht, soll man das offen sagen und darüber diskutieren. Gleichzeitig sollte man nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Viele Bauhäusler sind der Architektur des 19. Jahrhunderts mit Arroganz begegnet. Ein ähnlicher Umgang mit der Moderne wäre heute fatal.