Die Zentralmoschee in Köln wurde jetzt mit mehrjähriger Verzögerung fertig gestellt. Sie ist einer der wichtigsten Beiträge zum zeitgenössischen Sakralbau des Islam in Westeuropa. | Foto: Ulrich Coenen

Zentralmoschee Köln vollendet

Transparente Architektur als Symbol für Offenheit

Anzeige

„Wenn der Kölner Dom fertig ist, geht die Welt unter“, sagt man in der Millionenstadt am Rhein. Glücklicherweise dauerte der Bau der neuen Kölner Zentralmoschee nicht annähernd so lange wie der der gotischen Kathedrale, doch galt es nach dem bereits 2005 vom umstrittenen türkischen Religionsverband Ditib ausgelobten Realisierungswettbewerb viele Hindernisse zu überwinden. Eine Jury unter dem Vorsitz von Max Bächer wählte 2006 den Entwurf von Gottfried und Paul Böhm, der den Typus der osmanischen Kuppelmoschee in eine zeitgenössische Architektursprache übersetzt.

Es ist nicht zuletzt der Autorität des Pritzker-Preisträgers Gottfried Böhm, des großen deutschen Sakralbaumeisters der Zeit nach 1945, zu verdanken, dass rechtsradikale Kräfte, die die Moschee verhindern wollten, erfolglos blieben. Der überflüssige Streit um die beiden filigranen, 55 Meter hohen Minarette erscheint angesichts der hervorragenden Einordnung in ein städtebaulich schwieriges Umfeld und auch im Hinblick auf den benachbarten 266 Meter hohen Fernsehturm Colonius bizarr.

Dass nach der Grundsteinlegung 2009 acht Jahre bis zum ersten Freitagsgebet in der Zentralmoschee vergingen, liegt aber auch am Bauherrn, der die Zusammenarbeit mit Paul Böhm nach der Fertigstellung des Rohbaus 2011 kündigte. Es ging dabei offiziell um Baumängel, wohl eher aber um die Innenarchitektur der Moschee, für die der erzkonservative Religionsverband keine moderne Formensprache wünschte.

Das Warten hat sich nach all diesen unerfreulichen Auseinandersetzungen gelohnt. Die Kölner Zentralmoschee ist einer der wichtigsten Beiträge zum zeitgenössischen Sakralbau des Islam in Westeuropa. Während in den vergangenen drei Jahrzehnten in vielen deutschen Städten meist banale Moschee-Neubauten entstanden sind, die uninspiriert historische Formen wiederholen, hat Paul Böhm gemeinsam mit seinem Vater Gottfried in Köln einen wirklichen Akzent gesetzt.

Der Sohn hat den gemeinsamen Siegerentwurf nach 2006 alleine weiterentwickelt und die charakteristische, 36,5 Meter hohe aufgebrochene Kuppel, die im ursprünglichen Konzept noch aus einem kubischen Unterbau erwuchs, frei gestellt. Die mehrfach aufgefalteten Betonschalen nehmen nun fast die gesamte Ostseite der dreiflügeligen Anlage ein. Der Sakralbau rahmt gemeinsam mit den Verwaltungsgebäuden an der Westseite und der kubischen Bibliothek an der nördlichen Schmalseite einen lang gestreckten und höher gelegenen Innenhof. Dieser große und doch intime Platz wird über eine repräsentative Freitreppe von der Venloer Straße aus erschlossen und ist dem Verkehrslärm und der Hektik der Großstadt entrückt.

Alle Gebäude wurden in eingefärbtem und gestocktem Sichtbeton ausgeführt. Die die Moschee flankierenden Minarette steigen wie Nadeln empor und werden jeweils von zwei Kupferringen ummantelt. In dieser eleganten Form sind sie eine völlig neue Interpretation der traditionellen Bauaufgabe.

Der Zentralbau der Moschee folgt im Hinblick auf Form und Materialwahl Gottfried Böhms Wallfahrtskirche in Neviges, die zwischen großen Glasflächen mehrfach aufgefalteten Betonschalen stehen aber für Transparenz und Offenheit und damit  im Kontrast zum beeindruckenden Betongebirge der Wallfahrtskirche. Leider hat der Innenraum der Moschee keine adäquate Ausgestaltung erfahren. Nach dem Streit mit Paul Böhm beauftragte Ditib den Istanbuler Künstler Semih İrteş, der die Kuppel mit mehr als 1800 Stuckplatten mit ornamentalen Reliefs und kaligrafischen Elementen verkleidete. Diese konservative Interpretation des Innenraums folgt den Wünschen der Bauherrschaft. Zwar entstellt sie den Raum nicht, ist aber doch eine vertane Chance. Das 2007 fertiggestellte Südquerhaus-Fenster des Kölner Doms von Gerhard Richter hat gezeigt, welch nachhaltige Symbiose Tradition und Moderne eingehen können.

Der eindrucksvolle Verwaltungstrakt an der Westseite des Innenhofes hat wegen der Diskussion um die Moschee in der Öffentlichkeit nicht die verdiente Aufmerksamkeit erfahren. Seine Außenfront wird durch schlanke Betonpfeiler in Kolossalordnung rhythmisiert, vor die Innenhof-Fassade tritt eine filigrane dreigeschossige Galerie aus Eichenholz. Im Sockelgeschoss unter dem Platz befinden sich unmittelbar unterhalb der Moschee ein kreisrunder Konferenzraum und eine Passage mit noch nicht eröffneten Geschäften, die mehr inhaltlich als formal an einen Basar anknüpfen.

Mit dem gesamten Ensemble, vor allem aber mit der „gesprengten“ Kuppel der Moschee, in die das Sonnenlicht strömt, hat die türkische Gemeinde ein Ausrufezeichen gesetzt, das über die Domstadt hinaus strahlt. Die transparente Architektur lädt nach dem Willen des Bauherrn ausdrücklich Gäste ein. Sie ist unbedingt einen Besuch wert.

Gottfried Böhm im Interview

Im BNN-Interview hat sich Gottfried Böhm bereits 2016 unter anderem zum Bau der Zentralmoschee in Köln und zur islamischen Sakralarchitektur allgemein geäußert. Hier geht es zum Interview.

Ein Besuch des Platzes vor der Zentralmoschee und des Gebetsraums ist für Angehörige aller Religionen ausdrücklich jederzeit möglich. Ditib bietet nach Voranmeldung zusätzlich kostenlose Führungen an. Nähere Informationen und Anmeldung unter diesem Link auf der Homepage der Zentralmoschee.