Johann Josef Böker, emeritierter Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie, kritisiert die Brandwache in der Kathedrale Notre-Dame in Paris. | Foto: Ulrich Coenen

Brand von Notre-Dame

Gotik-Experte Böker: „Katastrophe hätte mit allergrößter Leichtigkeit verhindert werden können“

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Der Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame hat die Welt erschüttert. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen sprach mit Johann Josef Böker, emeritierter Professor für Baugeschichte an der Fakultät für Architektur des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und einer der wichtigsten Gotik-Experten weltweit, über die Ursachen der Katastrophe und die Bedeutung des ikonenhaften Sakralbaus für Fachleute und Laien.

Offensichtlich keine hinreichende Brandwache

Wie konnte es zu diesem verheerenden Brand kommen?

Böker: Ein Eichendachstuhl ist grundsätzlich nur schwer entflammbar. Bei Schweißarbeiten an einem Bleidach können sich aber Glutnester bilden. Es war deshalb mehr als fahrlässig, dass es während der Renovierungsarbeiten offensichtlich keine hinreichende Brandwache gegeben hat. Das ist eine geradezu sträfliche Nachlässigkeit. Die Katastrophe hätte mit allergrößter Leichtigkeit verhindert werden können, wenn man aufgepasst hätte. Das wird ein Fall für den Staatsanwalt. Auf dem Ulmer Münsterturm hält beispielsweise in jeder Silvesternacht die Feuerwehr Wache.

Viele Gewölbe blieben im Krieg erhalten

Der Dachstuhl ist vollkommen abgebrannt. Ist darüber hinaus mit weiteren großen Schäden an der Kirche zu rechnen?

Böker: Der Dachstuhl wurde im 19. Jahrhundert unter der Leitung des Architekten Eugène Viollet-le-Duc unter Verwendung mittelalterlicher Teile errichtet. Auch der abgebrannte Dachreiter war sein Werk. Viollet-le-Duc hat sich bewusst für einen Dachstuhl aus Holz entschieden, obwohl im 19. Jahrhundert Dachstühle aus Eisen über gotischen Kathedralen durchaus üblich waren. Beispiele sind Chartres und Köln. Ich gehe nicht davon aus, dass die Gewölbe durch den Dachstuhlbrand größere Schäden erlitten haben. Unsere Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg, beispielsweise am Stephansdom in Wien, bei St. Lamberti in Münster oder auch beim Wormser Dom, zeigen, dass Gewölbe durch brennende Dachstühle in der Regel nicht zum Einsturz gebracht werden.

Ruhm dank Victor Hugos Roman

Notre-Dame ist eine Touristenattraktion, gehört aber nicht zum Kanon der klassischen gotischen Kathedralen in Frankreich: Chartres, Reims und Amiens.

Böker: Es ist vor allem Victor Hugos Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ (Original Notre-Dame de Paris) von 1831, der den Ruhm der Kathedrale begründet hat. Nach den Zerstörungen in der französischen Revolution, in der die Figuren der Könige in der Königsgalerie der Westfassade (Eingangsfassade) enthauptet wurden, wurde die Kirche nun zu einem Nationaldenkmal und umfangreich restauriert. Viollet-le-Duc hat die Königsfiguren rekonstruiert und im Sinne des 19. Jahrhunderts interpretiert. Die verschwundenen originalen Köpfe wurden erst in den 1970er Jahren entdeckt.

Königsgalerie erstmals in voller Ausprägung

Der Ursprungsbau der Gotik, die ehemalige Abteikirche von Saint-Denis, steht nur wenige Kilometer von Notre-Dame entfernt. Die ab 1163 errichtete Pariser Kathedrale erscheint im Vergleich zur damals beginnenden Gotik konservativ.

Böker: Bei mittelgroßen Kirchen war man experimentierfreudig, bei Großprojekten meist zögerlicher. Bauherr von Notre-Dame war der französische König. Die Königsgalerie der Westfassade, die Vorläufer in England hat, aber in Paris erstmals zur vollen Ausprägung gelangt, steht für das Königsideal.

Bahnbrechender Fassaden nur an den Querhäusern

In der Baugeschichte werden die beiden Querhausfassaden von Notre-Dame als bahnbrechend gelobt. Sie heben sich mit ihren fast schon entmaterialisierten Wänden von der traditionellen Struktur des Sakralbaus deutlich ab.

Böker: Die ursprünglichen Querhausfassaden wurden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts abgebrochen und durch Neubauten ersetzt, wobei die südliche Querhausfassade die bedeutendere ist. Sie wurde von Jean de Chelles entworfen. An der Bauhütte der Südfassade wurde übrigens Erwin von Steinbach, der Architekt der Westfassade des Straßburger Münsters und des Freiburger Münsterturms ausgebildet. Beide Fassaden sind ein Kleinod hochgotischer Architektur und stehen gemeinsam mit der nicht weit entfernten Palastkapelle Sainte-Chapelle für die Hofkunst des französischen Königs Ludwig IX.