Joaquín Medina Warmburg ist neuer Professor für Bau- und Architekturgeschichte am KIT. | Foto: Ulrich Coenen

Joaquín Medina Warmburg

Was macht die Architektur mit der Umwelt?

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Die Umweltgeschichte der Architektur soll Schwerpunkt des Fachgebiets Bau- und Architekturgeschichte an der Fakultät für Architektur des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) werden. Joaquín Medina Warmburg hat die Leitung des renommierten Lehrstuhls als Nachfolger von Johann Josef Böker übernommen. Böker, der zu den weltweit bedeutendsten Gotikexperten zählt, wurde Ende September emeritiert (wir berichteten). Medina Warmburg will nun auf dem von Arnold Tschira begründeten Lehrstuhl nach seiner Umbenennung in Forschung und Lehre neue Akzente setzen.

Ökologische Probleme

Der Karlsruher Architekturhistoriker betont, dass der Umweltaspekt in der beruflichen Praxis der Architekten und auch an den Entwurfslehrstühlen der Hochschulen angesichts von ökologischen Problemen und technischen Möglichkeiten längst ein Thema ist. „Nur in den historischen und theoretischen Fächern war es lange nicht der Fall“, konstatiert er. „Dabei hat es bereits lange vor der Ölkrise von 1973 Ansätze gegeben, die die Isoliertheit der Objekte in Frage gestellt haben. Mit der Postmoderne verschwanden diese wieder.“

Kurarchitektur stellt eine Symbiose von Architektur und Landschaft dar. Das Foto zeigt die tschechische Kurstadt Karlsbad. | Foto: Ulrich Coenen

Mensch verändert Umwelt

Medina Warmburg ist sicher: „In den nächsten Jahrzehnten wird die Umweltgeschichte der Architektur immer wichtiger werden.“ Der Wissenschaftler versteht Architektur primär als Mittel zur Anthropisierung der Umwelt, also ihre Veränderung durch den Menschen, um sie für diesen bewohnbar zu machen. Dabei sei sie ein Träger kultureller Bedeutung und Werte. „Bei der Umweltgeschichte der Architektur geht es nicht nur um deren Anpassung an die Umgebung“, meint der Architekturhistoriker. Die Frage sei vielmehr, wie Architektur in die Umwelt eingreife. „Passt sie sich an, widersetzt sie sich oder gestaltet sie?“, fragt er. „Das ist jeweils nicht an die Voraussetzung geknüpft, dass der Architekt dies bewusst getan hat.“

Die spätromanische Beneditkinerabteikirche im Rheinmünsteraner Ortsteil Schwarzach wurde in der zweiten Hälfte der 1960-er Jahre  von Arnold Tschira, einem Vorgänger Medina Warmburgs restauriert. | Foto: Ulrich Coenen

Mönche machten Land urbar

Medina Warmburg nennt ein Beispiel. Die Mönche in den mittelalterlichen Klöstern hätten unwirtliche Landschaften urbar gemacht. „Sie griffen radikal in die Umwelt ein, wobei geistliche und weltliche Interessen Hand in Hand gingen“, sagt er.

Schwerpunkte im 19. und 20. Jahrhundert

Der Schwerpunkt der Forschung liegt bei Medina Warmburg im 19. und 20. Jahrhundert. Seine Veröffentlichungen weisen ihn als Kenner des 20. Jahrhunderts aus. An der Karlsruher Architekturfakultät wird er das Fach traditionsgemäß in seiner ganzen Breite vertreten. Die Lehre will er neu strukturieren. Zwei Überblicksvorlesungen sollen in Zukunft in lediglich zwei Semestern die Bau- und Architekturgeschichte beziehungsweise die Stadtbaugeschichte von der Antike bis zur Gegenwart behandeln. „Mut zur Lücke“, nennt Medina Warmburg das. „Dabei werde ich gezwungen sein, darüber nachzudenken, was für werdende Architekten heute maßgeblich ist. Wir leben in einer globalisierten Welt in der Umweltprobleme zentral sind.“

Natur und Architektur: der Kurort Brückenau | Foto: Ulrich Coenen

Lebenslauf von Joaquín Medina Warmburg

Joaquín Medina Warmburg wurde 1970 als Sohn eines Spaniers und einer Deutschen in Cádiz geboren. Er wuchs in Las Palmas auf und besuchte dort die Deutsche Schule. „Ich bin zwischen zwei Welten groß geworden“, sagt er.

1989 begann er mit dem Studium der Architektur an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen, wechselte zwischendurch für ein Jahr nach Sevilla, bevor er 1996 die Diplomprüfung in Aachen ablegte. Anschließend wurde er wissenschaftlicher Assistent von Manfred Speidel, der damals an der RWTH die Professur für Architekturtheorie innehatte.

Bei Speidel entstand auch Medina Warmburgs Dissertation über deutsche Architekten und Stadtplaner in Spanien in den Jahren 1918 bis 1936. „Mich hat der interkulturelle Diskurs interessiert“, erklärt der heutige Karlsruher Professor. Mit Speidel, der selbst in Japan promoviert hat, fand er einen einfühlsamen Lehrer für dieses Projekt. „Es gab funktionierende Dialoge, aber auch Missverständnisse und polemische Auseinandersetzungen zwischen deutschen und spanischen Architekten“, berichtet Medina Warmburg.

2003 promovierte er und wurde im folgenden Jahr auf eine Juniorprofessur für Baugeschichte an die Technische Universität Kaiserslautern berufen, wo er die Überblicksvorlesung zur Baugeschichte übernahm und neu konzipierte.

Auf die Frage, wie er die Habilitation im Vergleich zur seinerzeit gerade eingeführten Juniorprofessur als Weg zur Professur beurteilt, meint er: „Damals schien das die Zukunft.“ Tatsächlich war es für den jungen Wissenschaftler ein Sprung ins kalte Wasser, der mit einem erheblichen Aufwand in der Lehre verbunden war.

2011 wechselte Medina Warmburg auf den Walter-Gropius-Lehrstuhl des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an die Universität Torcuato di Tella in Buenos Aires. Vor seinem Ruf nach Karlsruhe war er zuletzt als Gastwissenschaftler an der Universität Princeton tätig, wo er sich mit dem Werk des argentinischen Design-Theoretikers Tomás Maldonado beschäftigte, der am 26. November 2018 im Alter von 96 Jahren verstorben ist. „Er hat mich sehr beeindruckt“, sagt Medina Warmbug.

Maldonado prägte und leitete in der Nachfolge des Gründungsrektors Max Bill bis 1967 die legendäre Hochschule für Gestaltung in Ulm. Dort entwickelte er das Ulmer Modell, das bis heute für die Hochschulausbildung von Industriedesignern üblich ist. Er konzipierte bereits damals das Fach als „environmental design“, also als umfassende Umweltgestaltung. Später lehrte er dieses Fach als Professor unter anderem in Princeton und Bologna, wo er mit dem Semiotik-Professor Umberto Ecco befreundet war.

Vor dem Hintergrund seiner Biografie ist es nachvollziehbar, dass sich Medina Warmburg für den kulturellen Internationalisierungsprozess und seine Protagonisten sowie für die zunehmende Globalisierung der von den Menschen gestalteten Umwelt interessiert.