Sorgen für Abkühlung, tragen aber auch zur Klimaerwärmung dabei: Moderne Klimaanlagen sind umstritten.
Sorgen für Abkühlung, tragen aber auch zur Klimaerwärmung dabei: Moderne Klimaanlagen sind umstritten. | Foto: Imago/xSimonxAdomatx

Teufelskreis beim Klimawandel

Warum sich trotz Hitzewelle niemand eine Klimaanlage kaufen sollte

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Klimaanlagen im eigenen Zuhause sind in Deutschland noch nicht allzu verbreitet. Doch die Geräte werden beliebter, weil es im Sommer immer wärmer wird. Dabei tragen die Betreiber von Klimaanlagen selbst wesentlich zur Klimaerwärmung bei. Eine Bestandsaufnahme.

Ein bis zwei Prozent der Wohnfläche in Deutschland sind laut Umweltbundesamt klimatisiert – im Gegensatz zu Bürogebäuden, von denen rund die Hälfte über Klimaanlagen verfügen. Bei Büros ist der Bedarf größer als bei Wohnungen, weil sich oft viele Leute während der heißesten Stunden des Tages in kaum verdunkelbaren Räumen aufhalten.

Zuhause empfinden die meisten Deutschen noch keinen Bedarf für eine eigene Klimaanlage, doch das könnte sich in den kommenden Jahren ändern.

Doppelt so viele Emissionen durch Klimaanlagen in Wohnungen

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In Privatwohnungen könnte die Verbreitung von Klimaanlagen steigen.

„Künftig ist mit einer deutlichen Zunahme der durch Gebäudekühlung erzeugten Kohlendioxid-Emissionen zu rechnen“, steht in einer Studie, die das Umweltbundesamt bereits 2011 herausgegeben hat. Demnach sollen sich die Emissionen durch Klimaanlagen in Privatwohnungen bis 2030 verdoppeln. Für alle anderen Gebäude wird ein Anstieg um 25 Prozent angegeben.

Der Grund: Ein gestiegener Lebensstandard – und steigende Temperaturen. Der Juni 2019 war bereits der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881. Aus den Daten der Wetterstation des Deutschen Wetterdienstes in Rheinstetten lässt sich ein deutlicher Anstieg der Temperaturen auch für die Region Karlsruhe herauslesen.

 

 

Die Geräte, mit denen es im Sommer angenehm kühl wird, haben einen gravierenden Nachteil: Sie tragen auf Dauer zur Klimaerwärmung bei, bewirken also einen Teufelskreis. Je heißer es wird, desto mehr wird gekühlt – und desto mehr schädliche Treibhausgase entweichen.

Klimaschädliche Kältemittel entweichen in die Atmosphäre

Das liegt an den Kältemitteln, die in den Anlagen zirkulieren. Herkömmliche Kühl- und Klimageräte verwenden sogenannte teilfluorierte Kohlenwasserstoffe (F-Gase). Da die komplizierten Anlagen mit ihren langen Leitungen und vielen Ventilen selten ganz dicht sind, tritt oft eine bestimmte Menge davon aus. Auch Schäden am Gerät oder die unsachgemäße Entsorgung können zum Entweichen der Treibhausgase führen.

 

Mehr zum Thema: Eine defekte Klimaanlage und austretende Kühlmittel sorgten am Bruchsaler Krankenhaus für einen Großeinsatz

 

Das Umweltbundesamt schreibt von einer durchschnittlichen Leckage-Rate von sieben Prozent und „signifikanten Mengen“ an F-Gasen, die dadurch in die Atmosphäre entweichen. Seit Anfang der 90er-Jahre sind die F-Gas-Emissionen durch Klimaanlagen (gelber Bereich) in Deutschland stark angestiegen, wie diese Grafik zeigt:

Die Grafik zeigt die Entwicklung der F-Gas-Emissionen in Deutschland. Der gelbe Bereich wird durch Klimaanlagen verursacht.
Die Grafik zeigt die Entwicklung der F-Gas-Emissionen in Deutschland. Der gelbe Bereich wird durch Klimaanlagen verursacht.

F-Gase sind so schädlich für die Umwelt, weil jedes ausgetretene Gramm die 1500- bis 3000-fache Wirkung eines Gramms CO2 hat. Insgesamt hat Deutschland 2017 6,4 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen, davon umgerechnet 1,3 Millionen Tonnen aus Kältemittelverlusten.

Klimaanlagen werden wegen EU-Verordnung teurer

Eine EU-Verordnung von 2014 soll die Verwendung von F-Gasen bis 2030 nun wieder verringern. Die Menge, die in Verkauf gebracht werden darf, wird schrittweise reduziert. „Das hat seit zwei Jahren spürbare Auswirkungen auf den Markt, weil die Gase teurer werden und die Hersteller sich nach Alternativen umschauen“, erklärt Jens Schuberth vom Umweltbundesamt.

Ein mögliches anderes Kältemittel ist beispielsweise Propan. „Diese Technik gibt es schon lange“, sagt Schuberth. „Weil Propan aber brennbar ist, hat man lieber zu F-Gasen gegriffen, solange das uneingeschränkt möglich war.“ Mittlerweile gebe es aber Entwicklungen, um Geräte mit alternativen Kältemitteln sicher zur Marktreife zu bringen.

 

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Kompaktgeräte sind bald verboten

Die Suche nach neuen Techniken eilt: Mobile Kompaktgeräte, die man in jedes beliebige Zimmer stellen und einen Schlauch für die Abluft aus dem Fenster hängen kann, dürfen bereits ab Januar 2020 nicht mehr verkauft werden, sofern sie Kältemittel mit einem bestimmten Treibhausgaspotenzial verwenden. Ohnehin sind diese Mini-Geräte wenig effizient, weil sie einen hohen Energieverbrauch haben und wegen des geöffneten Fensters ständig warme Luft von draußen in das gekühlte Zimmer nachströmt.

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Schon einfache Maßnahmen können hilfreich sein. Lüften, Verdunkeln und das Dach begrünen: Wie es daheim angenehm kalt wird, verrät dieser Artikel.

 

Der Energieverbrauch ist neben den F-Gasen das zweite Problem herkömmlicher Klimaanlagen. Laut einer Studie des Umweltbundesamts weist die Kältetechnik in Deutschland einen Anteil von circa 14 Prozent am Elektroenergiebedarf auf – wobei hier aber nicht nur die Raumklimatisierung, sondern beispielsweise auch Kühlregale im Supermarkt, Kühllaster und Gefriertruhen in Privathaushalten dazuzählen.

Viel höherer Energieverbrauch als Ventilatoren

Der Anteil der reinen Gebäudeklimatisierung am Stromverbrauch in Deutschland betrug 2017 laut Umweltbundesamt ungefähr 1,8 Prozent. Die Statistik der Behörde lässt aber einen deutlichen Anstieg des Stromverbrauchs für die Klimatisierung erkennen:

 

 

Wer F-Gas-Emissionen und Energieverschwendung vermeiden möchte, für den hat Jens Schuberth einen simplen Tipp: „Ventilatoren haben einen deutlich geringeren Stromverbrauch als Klimageräte.“

 

Mehr zum Thema: Ein KIT-Projekt forscht an einer ganz anderen Idee, wie Gebäude gekühlt werden könnten – und möchte einen Pilotstandort bei Karlsruhe entwickeln

Es gibt sogar die „Internationalen Klimaanlagen-Wertschätzungs-Tage“
Ein Interessensverband in den USA hat die „Air Conditioning Appreciation Days“ ausgerufen, also die Klimaanlagen-Wertschätzungs-Tage. Sie werden laut Website jedes Jahr vom 3. Juli bis 15. August gefeiert. Der Sinn der Aktion? Man solle seine Klimaanlage nicht etwa zum Dinner ausführen oder ihr eine Fußmassage gönnen, sondern sie als Technik wertschätzen, auf die die Menschheit heutzutage angewiesen sei. Vor allem aber ist den Hersteller-Firmen auf der Website ein langer Dank gewidmet – die sollen von der Aktion wohl auch profitieren.