Rinderrasse, die für die Nachzucht des Auerochsen gebraucht wird.
Hoffnungsträger: Das Auerrindprojekt in Lorsch will eine Rinderrasse züchten, die dem ausgestorbenen Auerochsen sowohl im Erscheinungsbild als auch im Verhalten möglichst nahe kommt. | Foto: wit

Rückzuchtung in Lorsch

Der Auerochse kehrt zurück

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Apollo und Ambra sind wahrlich archaische Gestalten. Die kräftigen Hörner erinnern an wilde Stiere in spanischen Stierkampfarenen. Aus den Augen blitzt eine ordentliche Dosis Vitalität, und die athletische Statur würde jedem Leistungssportler zur Ehre gereichen. Ob die beiden Halbgeschwister mit dem rot-braun gestromten Fell und den hellen Augenringen wissen, dass Wissenschaftler bei ihrem Anblick in helle Verzückung geraten?

Auerochse: Stammvater der Hausrinder

In den Nachkommen eines imposanten Wattusirindes und einer Maremmana-Kuh schlummert das Genmaterial eines vor Jahrhunderten ausgestorbenen Erdenbewohners, das Vermächtnis des einstigen Herrschers über Wiesen und Wälder: Bos primigenius, der Auerochse oder Ur. Der Urahn unzähliger Rinderrassen, der mit einem Stockmaß von gut 180 Zentimetern und gewaltigen Hörnern mit bis zu einem Meter Länge der Inbegriff von Kraft und Wildheit war, ist vor gut 400 Jahren ausgestorben. Doch im Freilichtlabor Lauresham bei Lorsch setzt man alles daran, den Stammvater unserer Hausrinder wieder zum Leben zu erwecken. Apollo und Ambra, die friedlich auf einer Weide unweit der berühmten Königshalle aus karolingischer Zeit grasen, sind die ersten Schritte auf einem langen Weg.

Claus Kropp, Leiter des Lorscher Projekts zur Nachzüchtung des Auerochsen
Apollo und Ambra sind der ganze Stolz vom Leiter des Lorscher Zuchtprojekts, Claus Kropp. | Foto: wit

„Jurassic Parc“ mitten im heimeligen Lorsch? Claus Kropp, Archäologe, Historiker und Leiter des Freilichtlabors, schüttelt belustig den Kopf. Prinzipiell wäre es möglich, aus dem reichlich vorhandenen Knochenmaterial von Auerochsen Erbgut und Zellen zu extrahieren und das ausgestorbene Landsäugetier zu klonen – so wie es Forscher der spanischen Saragossa-Universität beim ebenfalls ausgestorbenen Pyrenäen-Steinbock mit eher mäßigem Erfolg versucht haben. Doch Claus Kropps Weg ist ein anderer: Rückzüchtung lautet der Leitgedanke des Auerrindprojektes, schließlich sind viele Rinderrassen dem mächtigen Gras- und Laubfresser genetisch ziemlich ähnlich.

Aucherochsen-Genom entziffert

„Wir können die Zeit zwar nicht zurückdrehen und eine ausgestorbene Art zurückholen, doch in zehn bis 15 Jahren könnten Tiere geboren werden, die dem Auerochsen in punkto Aussehen und Sozialverhalten schon sehr nahe kommen“, erklärt der Leiter des anspruchsvollen Zuchtprojekts. Ein Meilenstein war zweifelsohne die Arbeit des irischen Forschers David MacHugh und seines Teams, der vor einigen Jahren das Genom eines 6 750 Jahren alten Auerochsen entzifferte und es mit dem Erbgut von 35 Rinderrassen verglich. So entstand eine Art Rangliste von besonders geeigneten Kandidaten, von denen es fünf ins Lorscher Zuchtprogramm geschafft haben: Ungarische Steppenrinder mit gewaltigen Hörnern, weiße Chianina aus Italien, die beim Kreuzen aber schnell Wildfarbe annehmen, spanische Sayaguesa, bullige Maremmana und Watussirinder, deren Heimat Ostafrika ist. Spanische Kampfrinder, deren massige Silhouette auch mal für Werbezwecke für eine Brandymarke herhalten muss, hatten keine Chance – „egal wie nahe sie am Auerochsen sind“, so Claus Kropp. Denn man wolle keine aggressiven Tiere züchten.

Die gewaltigen Tiere, die einst Europa, Asien, Nordafrika und Indien bevölkerten und ihr Revier mit dem Wisent teilten, müssen so nachdrücklich auf die frühen Menschen gewirkt haben, dass ihnen auf Stein und in Worten gehuldigt wurde. Womöglich war schon der weiße Stier, mit dem Göttervater Zeus die phönizische Königstochter Europa entführte, eines jener Ur-Tiere, das vor rund 240 000 Jahren von Asien nach Europa wanderte. Felsritzungen und Höhlenmalereien in Lascaux und Chauvet preisen den Auerochsen, dessen geschwungenes Horn Jagdtrophäe und Prestigeobjekt gleichermaßen war: der Keltenfürst von Hochdorf ließ sich gleich acht solch kostbarer Trinkhörner ins Grab legen.

 Horn des letzten Auerochsenbullen, das in der Rüstkammer des königlichen Schlosses in Stockholm aufbewahrt wird.
Das Horn des letzten Auerochsenbullen befindet sich heute in der Rüstkammer des königlichen Schlosses in Stockholm. | Foto: dpa

Caesar war von den Ungetümen in den Wäldern Germaniens beeindruckt, die „fast so groß wie Elefanten“ seien. Dem Mann, der Gallien unterjocht, die Sueben besiegt und die Usipeter gemeuchelt hatte, waren diese aggressiven Rinder nicht geheuer: „Sie verschonen weder Mensch noch Tier“, schrieb der große Feldherr in „De bello Gallico“. Die berühmteste Schilderung von Waidmannsglück stammt aus dem frühmittelalterlichen Nibelungenlied, mit einem unbesiegbaren Siegfried als Hauptakteur und den Vogesen als Schauplatz: Ein Wisent, einen Elch und gleich vier Ure habe der kühne Recke dort erlegt. Und noch im Hochmittelalter fand der Minnesänger Hartmut von Aue die Auerochsen zum Fürchten, wenn sie „nahten mit Grimme/ mit greulicher Stimme“.

1627 starb die letzte Kuh

Damals dürften Auerochsen bereits recht selten geworden sein, weil ihr Lebensraum schwand und sie schonungsloser Verfolgung ausgesetzt waren. Im 16. Jahrhundert musste der Zoologe Konrad Gesner  nach Polen reisen, um für seine „Historia Animalium“ den „schrecklichen Anblick“ der Auerochsen beschreiben zu können. Ende des 16. Jahrhunderts gab es nur noch zwei Dutzend Exemplare des Königs der Sümpfe, Brüche und Auwälder im Forst von Jaktorów südwestlich von Warschau. Doch auch für sie schlug die letzte Stunde. 1627 starb die letzte Kuh, wahrscheinlich eines natürlichen Todes. Vom letzten Bullen, der 1620 starb, blieb immerhin das goldverzierte Horn, das in der Rüstkammer von Stockholm aufbewahrt wird.

Auerochsendarstellungen in den Höhlen von Lascaux.
Zahlreiche Auerochsendarstellungen schmücken die Höhlen von Lascaux. | Foto: dpa

Das war‘s! Was weg ist, ist weg! Die eiserne Naturregel scheint auf den ersten Blick unumstößlich zu sein und entsetzt all jene, die dem Verschwinden tausender Arten jährlich hilflos zusehen müssen. Doch schon in den 20er-Jahren regte sich Widerstand gegen diese These – in Gestalt der beiden Brüder Lutz und Heinz Heck – der eine Zoodirektor in Berlin, der andere Chef des Münchner Tierparks Hellabrunn. Die beiden setzten sich die Auferstehung des Auerochsen in den Kopf, schließlich lebe „das herrliche Wildtier in den Trägern seiner Erbmasse fort“, so Lutz Heck, der wie sein Bruder mit den Nationalsozialisten sympathisierte.

Heck-Brüder und der „Nazi-Ochs“

Den braunen Herren gefiel die Vorstellung eines germanischen Ur-Stiers mit wildem Blick, gefährlichen Hörnern und herrischer Haltung – das stolze Gegenstück zu all jenen verweichlichten, schwerfälligen Kühen auf deutscher Au. Doch der verlorene Krieg vereitelte Görings Traum, die eroberten Gebiete Osteuropas in eine ur-arische Wildnis zu verwandeln, durch die Auerochsen, Wisente und Wildpferde schreiten. Mehr als eine Annäherung ist der „Nazi-Ochse“ ohnehin nicht, wie Briten die Heck‘sche Züchtung tauften: Die angriffslustigen Rindviecher ähneln zwar in Haarfarbe und Hornform ihrem berühmten Urahnen, doch bei 1,40 Meter Höhe und 600 Kilogramm Gewicht sind sie geradezu schmächtig.

Porzellanfigur eines Auerochsen im Kampf mit einem Schwein, zu sehen in der Porzellansammlung im Dresdner Zwinger
Aus Porzellan hat Johann Joachim Kaendler im 18. Jahrhundert die Plastik „Auerochse im Kampf mit einem Wildschwein“ gefertigt. | Foto: dpa

Im Gegensatz zu den Heck-Brüdern zielt das Lorscher Projekt, ebenso wie das niederländische Touros-Programm auf maximale Ähnlichkeit ab. Es wäre ein leichtes für Claus Kropp, das Zuchtprojekt auszuschlachten und vollmundig die Wiedergeburt des ausgestorbenen Auerochsen zu verkünden. Doch der Forscher, der schon als Kind auf dem Bauernhof des Großvaters mit Kühen und Hühnern zu tun hatte, tut genau das Gegenteil: „Der Auerochse ist ausgestorben. Wir wollen eine Rasse züchten, die ihm in Erscheinung, Verhalten und Genetik sehr nahekommt.“

Auerochse als Landschaftspfleger

So spitzfindig diese Unterscheidung auch klingt, sie ist von Bedeutung. Denn Kropp und seine Mitstreiter sind keine Nostalgiker, sondern Natur- und Artenschützer, die kleinteilige Landschaftstypen erhalten wollen und dafür die passenden vierbeinigen Landschaftspfleger brauchen. Große Wildnisgebiete, oft karge und abgelegene Regionen, die unter Landflucht leiden, sind bereits vorhanden – etwa in Rumänien, Kroatien oder an der portugiesisch-spanischen Grenze. Wo eines Tages aber Luchs und Wolf lauern, kann man nicht Rinder von der Treuherzigkeit einer Milchkuh hinstellen.

Zuchtkühe des Lorscher Projekts zur Rückzuchtung des Auerochsen
Erste Zuchterfolge: Domka, die ungarische Steppenrindkuh mit ihrem Kälbchen, das noch namenlos ist. | Foto: Kropp

Die hierzulande beliebten Galloways würden – kleinwüchsig, harm- und hornlos wie sie nun mal sind – von den Wölfen zum Frühstück verputzt; die schottischen Hochlandrinder wären zwar wehrhafter, doch durch ihr langes, zotteliges Fell gehandicapt. „Wir brauchen Tiere, die sich auch gegen Raubtiere behaupten können, eisige Winter überstehen und selbst mit karger Kost klarkommen. Das schafft kein Hausrind“, so der Projektleiter. Gefragt sei eher der Typ des Auerochsen: laufstark und mit Furcht einflößenden Hörnern bewaffnet, die austeilen können.

Auffrischung für Europas Natur

Als „dickarschig und dackelbeinig“ wurden die Heck-Rinder geschmäht. Kein Vergleich zu den Auerochsen, mit ihren langen Läufe und dem muskulösen Körperbau. Da will das Lorscher Forscherteam wieder hin. „Wir wollen dem Auerochsen möglichst nahe kommen, sowohl im Aussehen, als auch im Verhalten der Tiere und der Genetik“, betont Claus Kropp, der die enge Zusammenarbeit mit anderen Zuchtprojekten anstrebt. Wenn alles läuft wie geplant, könnten in zehn bis 15 Jahren athletische Rinder auf jener Weide grasen, wo heute Apollo und Ambra stehen. Mit ihnen bekäme Europas Natur jenes spektakuläre Lebewesen zurück, das für immer verloren schien.

 

Extratipp

Noch bis zum 6. Mai ist im Museumszentrum Lorsch (Nibelungenstraße 35, 64 653 Lorsch, Telefon (0 62 51) 5 14 46 die Ausstellung „Der Auerochse – eine Spurensuche“ zu sehen. Von den frühen Darstellungen über die Vorstellung seines Lebensraums bis hin zu seiner „Rückkehr“ durch aktuelle Rückzüchtungsprojekte nimmt die Schau das imposante Rind anhand herausragender Exponate in den Blick. Schriftliche, bildliche und archäologische Zeugnisse sowie neueste kulturhistorische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse vertiefen die Spurensuche.

Die Ausstellung hat dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, an Feiertagen auch montags. Der Eintritt kostet sechs Euro für Erwachsene, ermäßigt fünf Euro. Die Familienkarte gibt es für 13 Euro.