Umstritten ist der Auftritt von Wildtieren im Zirkus. Unser Archivbild zeigt Elefanten im Zirkus Krone. Gastspiel in Rastatt im Mai 2013 | Foto: Kraft

Pro und Kontra Wildtierverbot

Aus für Löwen und Elefanten im Zirkus?

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Aus für Löwen, Elefanten und Giraffen: Von 2017 an dürfen Zirkusse mit solchen Wildtieren nicht mehr in Ulm auftreten. Auch in Stuttgart wird ein Verbot für Zirkusbetriebe mit Wildtieren vorbereitet. Heilbronn hatte bereits 2015 das komplette Aus beschlossen. In Baden-Baden sind Zirkusse etwa mit Menschenaffen, Greifvögeln oder Nashörnern auch nicht mehr willkommen.

Stadt Rastatt hat Pläne für Wildtierverbot wieder zu den Akten gelegt

In Rastatt wurden entsprechende Pläne für ein Wildtierverbot wieder zu den Akten gelegt „Für ein kommunales Verbot fehlt uns die Rechtsgrundlage“, sagte Stadtsprecherin Heike Dießelberg. Beim jüngsten Gastspiel des Zirkus Krone in Rastatt waren die Gemeinderäte zudem zu einer Besichtigung eingeladen. „Daraufhin haben wir keine Veranlassung zu handeln gesehen“, so die Sprecherin der Stadt. In anderen Städten des BNN-Verbreitungsgebiets gibt es ebenfalls keine Pläne für ein solches Verbot.

Gesellschaft der Circusfreunde: Artgerechte Tierhaltung ist auch im Zirkus möglich

Bernhard Eisel, Sprecher der Gesellschaft der Stuttgarter Circusfreunde verweist darauf, dass in einem modernen Zirkus auch sogenannte exotische Tiere durchaus tier- und artgerecht gehalten werden können. Der Karlsruher Weihnachtscircus verzichtet in diesem Jahr auf exotische Tiere. In der Manege sind neben Pferden nur noch Ziegen und Hunde zu sehen.

Zirkus ohne Wildtiere? Die BNN-Redakteure Anne Weiss und Matthias Kuld haben dazu eine gegensätzliche Meinung. Matthias Kuld ist für den Auftritt der Tiere im Zirkus, Anne Weiss dagegen. Hier ihre Positionen:

Pro

Die Debatte zwingt zur Ironie: Schön, dass wir in einem Land leben, dessen Städte dieses Problem haben. Wir gehen bei der Frage, ob Wildtiere noch im Zirkus auftreten dürfen, typisch deutsch vor: Es geht ums Grundsätzliche und das wird am besten im Schwarz-weiß-Muster erörtert. Wildtiere? Haben im Zirkus nichts zu suchen.

Mit mehr Augenmaß der Sache nachgehen

Man sollte mit etwas mehr Augenmaß der Sache nachgehen. Über wie viele Zirkusse reden wir denn noch? Wie viele Tiere sind denn überhaupt betroffen? Genügen die vorhandenen Verordnungen zur – zugestanden: einigermaßen – artgerechten Haltung denn nicht?

Matthias Kuld
Matthias Kuld

Führt nicht die Entwicklung in der Zirkuswelt angesichts der doch weit verbreiteten Meinung, Wildtiere hätten dort nichts zu suchen, ohnehin von selbst dazu, dass in wenigen Jahren kein Elefant mehr in der Manege steht? Es ist zu befürchten, dass sich die Sache von selbst erledigt.
Solange aber noch sollten die Menschen die Möglichkeit haben, einen Löwen oder eine Gans (Wildtier?) oder ein paar Pferde (Wildtiere?) im Zirkus live zu erleben. Wie oft wird beklagt, dass die Kinder unserer Zeit zwar die Wischbewegung über den Handybildschirm verinnerlicht haben, aber kaum ein paar Tiere kennen?

Zirkus ist auch ein Stück Kultur

Zirkus ist auch ein Stück weit Kultur, und da heißt es immer aufpassen, wenn es um Streichungen geht – der Verzicht auf Wildtiere trifft die wenigen noch verbliebenen guten Zirkusunternehmen ins Mark. Ich habe drei Positionen: Eine Debatte um das Verbot von Wildtieren im Zirkus ist wegen der geringen Quantitäten unnötig, bestehende Kontrollverordnungen zur Haltung kann man gegebenenfalls überprüfen – und schließlich haben wir größere Probleme zu lösen.

Kontra

Die Domestizierung gehört zweifelsfrei zur modernen Gesellschaft. Mit ihr geht aber auch eine Verantwortung einher: Elefanten, die wenig elegant auf Kugeln balancieren, tapsige Tanzbären oder anschmiegsame Löwen zeichnen in meinen Augen ein trauriges, verantwortungsloses Bild. Sie verzaubern mich nicht, bringen mich nicht zum Lachen.

Dass Nummern mit exotischen Tieren manchen Besucher noch immer begeistern, liegt wohl an dem Gefühl der Erhabenheit, welches solche Nummern dem Zuschauer vermitteln. Das Staunen über die schiere Möglichkeit, ein wildes Tier so zu unterwerfen, verdeutlicht die Unnatürlichkeit ihrer Haltung im Zirkus. Der von Fans dieser Nummern bisweilen geäußerte Satz „Tiere gehören einfach in den Zirkus“ ist eine Plattitüde und kein Argument.

Tiere gehören in ihre natürliche Umgebung

Anne Weiss
Anne Weiss

Wohl jedoch sein Gegenstück „Tiere gehören einfach in ihre natürliche Umgebung“. Manch begeisterter Zirkusbesucher mag vergessen, dass das ständige Reisen für viele Tiere großen Stress bedeutet. Dass Städte wie Heilbronn, Ulm oder Stuttgart ein Wildtierverbot erlassen wollen oder es bereits durchgesetzt haben, ist daher wichtig.
Denn der Zauber des Zirkusses, seine Poesie lebt auch von tollen Artisten: von Clowns, von Trapezkünstlern, die der glitzernden Welt angehören, ohne dass jemand ihren Willen brechen musste. Roncalli etwa kommt schon immer ohne Wildtiere aus – und hält sich seit 40 Jahren. Natürlich: Die Unterhaltung der Tiere ist günstiger als die Gage guter Artisten.

Doch wenn ein Zirkus allein damit nicht mehr so zu begeistern weiß, dass er sich seine Existenz sichert, dann ist dessen Konzept möglicherweise in seiner Gesamtheit nicht mehr zeitgemäß.