Die Ausstellung "Open Codes" im ZKM beschäftigt sich mit der Geschichte der Digitalisierung.
Die Ausstellung "Open Codes" im ZKM beschäftigt sich mit der Geschichte der Digitalisierung. | Foto: Grünschloß

Historie der Digitalisierung

Ausstellung „Open Codes“ eröffnet im ZKM

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Diese Zeichenfolge ist weltbekannt: –·· -·- –, Kenner des Morsealphabets dürften sie auch sofort entschlüsselt haben. Allen, denen die Abfolge „Strich-Strich-Punkt-Punkt, Strich-Punkt-Strich-Strich“ nichts sagt, bietet das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Abhilfe. Denn zu den Exponaten der Ausstellung „Open Codes“ gehört auch eine Tabelle mit dem Zeichensystem, das Samuel F. B. Morse (1791 bis 1872) in den 1830er Jahren erfunden hat.

Wer sich in diese Tafel vertieft, wird rasch entziffern können, was es mit der Strich-Punkt-Kombination auf sich hat. Er wird somit einen kleinen Bildungsfortschritt verzeichnen – und das ist ganz im Sinne des ZKM. Denn „Open Codes“, die jüngste Produktion des Hauses, will mehr sein als eine Ausstellung. Sie will gemeinsam mit einer Reihe fachlich und finanziell potenter Sponsoren „dafür sorgen, dass das Wort Bildung nicht nur eine Floskel bleibt“, wie Peter Weibel, der Vorstand des Zentrums betonte.

Freier Eintritt bei „Open Codes“

Damit es so kommt, soll Bildung oder doch zumindest das Bemühen um Bildung belohnt werden. Das heißt: Fast zehn Monate lang freier Eintritt. Dazu Snacks und Getränke, ebenfalls frei. Sitzecken, Arbeitsplätze, Workshops, Konferenzen, Artists Talks und After Work Führungen: Was nur geht wird aktiviert, um Gelegenheit zu geben, das eigene Wissen zu erweitern oder mit anderen Kenntnisse auszutauschen, Ideen zu entwickeln oder Probleme zu diskutieren.

Eine „Mischung aus Werkstatt und Oase“ soll entstehen, betonte Weibel, auf dass Karlsruhe die „Hauptstadt der BRD, der Bildungsrepublik Deutschland“ werde. Wobei es nicht zuletzt darum gehe, „die Digitalisierung in die Breite und Mitte der Gesellschaft zu bringen.“ Was neben all den Möglichkeiten, selbst und in der Gruppe aktiv zu werden, nicht zuletzt heißt: historische Entwicklungen aufzuzeigen, Zusammenhänge zu erläutern, mögliche Fehlentwicklungen zu thematisieren.

Multitalent Samuel F. B. Morse

Das Morsealphabet wirkt da im Gesamtzusammenhang dieser im mehrfachen Sinn offenen Veranstaltung zwar nicht spektakulär, ist aber höchst signifikant: Morse war Maler, verdiente sich lange, wenn auch zeitweise mühsam, sein Geld als Portraitist und hat bedeutende Werke hinterlassen, darunter „Gallery of Louvre“ (1833), auf dem er etwa 40 Werke aus dem Pariser Museum in sorgfältig ausgearbeiteten Miniaturen festhielt.

Aber der Künstler war auch technischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, und so baute denn der findige Amerikaner seine ersten experimentellen Morseapparat mit Hilfe eines Pendels an seiner Staffelei. Insofern verkörperte Samuel F. B. Morse eben jene Synthese, die man sich bei der Gründung des ZKM aufs Panier geschrieben hat: Kunst und Medien zusammenzuführen.

Einfluss von Gottfried Wilhelm Leibniz

Mit seinem Alphabet verweist er zugleich auf den binären Code, der statt auf Strichen und Punkten auf den Funktionen „null“ und „eins“ basiert und der die Grundlage der digitalisierten Welt darstellt. Die wiederum wurde, wie Weibel betont, befördert durch die von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) eingeleitete Mathematisierung der Physik. Andere Wissenschaftler und Theoretiker folgten und schufen die Grundlagen dafür, dass sich die Welt heute nachgerade restlos in algebraische Operationen und Algorithmen fassen lässt.

An einem besonderen, elektronisch aufgerüsteten Schreibtisch kann in diesen Werken geblättert und gelesen werden: Man öffnet einen der ausgelegten Bände, die Seiten sind leer, aber dort, wo die Leserin oder der Leser das Buch aufgeschlagen hat, erscheinen Texte und Formeln vergrößert auf einer Projektionswand. Daneben gibt es jede Menge analogen Lesestoff. Auf Regalen liegen Titel aus wie „The Code Breaks“, „Abstract Sex“, „Future Crimes“ oder „Gene Wars“ und erinnern daran dass an dem Ausstellungsprojekt auch Forschungsinstitute und Computerclubs teilnehmen.

Spannung schon zu Beginn der Ausstellung

Der Übergang von der analogen zur digitalen Welt wird gleich im Entree der Ausstellung eindrucksvoll demonstriert: Besucherinnen und Besucher begegnen ihrem eigenen Abbild zunächst in einem gewöhnlichen Spiegel. Beim nächsten Schritt sieht zwar ebenfalls alles nach Spiegelung aus, doch diesmal resultiert sie aus den Daten, die eine Kamera aufgenommen hat. Es folgen Umwandlungen des eigenen Konterfeis in Codes, bis am Ende der Reihe die Daten wieder in greifbare, analoge Realität umgewandelt werden: Eine Anzeigetafel, wie sie etwa auf Flughäfen im Einsatz sind, gibt das von einer Digicam registrierte Bild als Silhouette aus Metallplättchen wieder.

Das Publikum wird, wie oft bei den Projekten des ZKM, mit einem Wechsel aus Faszination und Verunsicherung, Staunen und Erschrecken konfrontiert. Michael Bielicky hat diese brisante Ambivalenz in eine vielschichtige Kunstinstallation übersetzt: Auch hier wird das eigene Bild zunächst von einer Kamera erfasst, dann digital umgewandelt und so auf eine Abfolge von Stoffbahnen gebeamt, dass der Eindruck einer farblich oszillierenden Wolke entsteht.

Vom Selfie zur Gesichtserkennung

Nach und nach zeichnet sich in Selbstportrait ab, doch noch ehe man selbstverliebt in seiner Wahrnehmung versinken kann, löst es sich in Pixel auf – ein ironischer Kommentar zum Narzissmus unserer Zeit, den Bielicky bei manchen Politikern ebenso ausmacht wie in der allenthalben manifesten Selfie-Sucht. Was hier als Spiel oder allenfalls als subtiles Memento mori daherkommt (am Ende seines Lebens bleibt vom Menschen, so er Nachfahren hat, vor allem sein genetischer Code), hat einen nicht ungefährlichen gesellschaftlichen Hintergrund.

Wenige Schritte weiter trifft man auf ein Schaubild mit Beispielen zur Einordnung von Emotionen anhand automatisierter Gesichtserkennung: Was, wenn Menschen etwa unter der Kategorie „Hass“ erfasst und beispielsweise automatisch beim Versuch der Einreise aussortiert werden?

Bei allem Staunen über den technologischen Fortschritt, wie er sich nicht zuletzt in einer Vitrine mit Speichermedien von der Lochkarte bis zum USB-Stick darstellt, bleibt doch die „Brave New World“ der Zukunft voller offener Fragen. Es ist das große Verdienst des ZKM, dass es sich diesen Fragen immer wieder aufs Neue stellt.