Der Weg ist das Ziel: Auch nach 40 Jahren geht die Reise für die G-Klasse bei Mercedes weiter. | Foto: Craig Pusey/Daimler

Gelände ohne Ende

40 Jahre Mercedes G-Klasse

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Knietiefe Wasserdurchfahrten, matschige Feldwege, verschneite Landstraßen und kilometerlange Schotterpisten – den allermeisten Oldtimer-Besitzern vergeht allein beim Gedanken an solche Bedingungen die Lust an einer Ausfahrt, und sie drehen in der klimatisierten Garage vorsorglich die Temperatur nochmal ein paar Grad höher. Es sei denn, ihr Wagen ist eine Mercedes G-Klasse. Dann verspüren sie wahrscheinlich eher ein Kribbeln im rechten Fuß und stürzen sich selbst im Winter bereitwillig in jedes automobile Abenteuer – selbst wenn es wie die Rallye Le Jog auf 2500 Kilometern Nebenstraßen, Forstpisten und Feldwegen von Land’s End im Südwesten nach John O’Groats im Nordosten einmal quer durch Großbritannien führt.

Seit 1979 auf dem Markt

Schließlich wurde die G-Klasse genau für solche Extreme entwickelt – und zwar vor mittlerweile mehr als 40 Jahren. Denn begonnen hat die unendliche G-eschichte laut Mercedes-Classic-Sprecher Ralph Wagenknecht bereits 1972 mit einem Kooperationsvertrag zwischen Daimler-Benz und Steyr-Daimler-Puch, aus dem 1973 ein grob geschnitztes Holz-Modell hervorgeht, dessen Grundmuster absolut trendresistent für die Ewigkeit gemacht scheint. 1975 fällt die Entscheidung für die Serienproduktion und den Bau eines neuen Werkes in Graz. Im Frühjahr 1979 steht das erste fertige Auto beim Händler.

Und steigt und steigt und steigt: Mit einem Steigvermögen von bis zu 80 Prozent und seitlicher Fahrstabilität selbst noch bei 54 Prozent Schräglage bezwingt das G-Modell von 1979 auch schwierigstes Gelände.   Foto: Daimler

Treibende Kraft hinter dem Projekt soll der iranische Schah Mohammad Reza Pahlavi gewesen sein, damals Großaktionär von Daimler-Benz. Er brauchte einen Jagdwagen für sich und ein Dienstfahrzeug für seine Grenztruppen. Für beide Zwecke war überragende Geländegängigkeit gefragt.

G-Klasse deklassiert die Konkurrenz

Weil die Entwickler offensichtlich noch keine Budgetrestriktionen kannten, rüsteten sie den damals G-Modell genannten Offroader  zu einem automobilen Alleskönner auf, der so leicht vor keinem Hindernis kapituliert. So schafft der Klassiker mit seinen drei zuschaltbaren Differentialsperren und der Geländeuntersetzung Steigungen mit bis zu 80 Prozent, Schräglagen von 54 Prozent oder Wasserdurchfahrten von einem halben Meter Tiefe. Damit deklassiert er selbst ernsthafte andere Geländewagen zu Sandkastenspielern.

Hinein ins Vergnügen: Hier die offene Variante mit kurzem Radstand.   Foto: Daimler

Kein Wunder also, dass er bei der Le Jog zumindest auf den unwirtlichsten Etappen alle anderen Teilnehmer hinter sich lässt. Doch der Siegeszug des G-Modells kommt anfangs nur langsam in Fahrt. Denn friedliche Potentaten und die flaue Kassenlage der öffentlichen Hand limitieren den staatlichen Bedarf. Deshalb beschließt Mercedes eine große G-evolution und überstellt den G in die Pkw-Division.

Kantig auch von innen: Armaturenbrett des ersten G von 1979.    Foto: Daimler

Eine unendliche G-eschichte

Dort wird der urtümliche Krabbler nicht wie geplant nach zwölf Jahren eingestellt, sondern auf den Wogen der ersten Allradwelle zu einem Lifestyle-Objekt, das sich mit Kanten und seiner technischen Sonderstellung von den Emporkömmlingen aus dem In- und Ausland unterscheidet. Und nachdem sein Stern wegen des immensen Verbrauchs und der erstarkten Konkurrenz vor einigen Jahren doch beinahe zu verglühen schien, haben plötzlich die Amerikaner ihre Liebe für den „G from Germany“ entdeckt und ihm so über sein Karrieretief geholfen.

Für Abenteurer und Aufschneider

Heute schätzen allerdings wieder rund um den Globus nicht nur Abenteurer und Aufschneider den Klassiker. Sondern als gepanzertes Modell in der schwersten Schutzstufe B7 ist der G-Guard vielen Prominenten und Potentaten zur Trutzburg auf Rädern geworden.

Deko für die Millionärsvilla: Von keinem Mercedes-Modell werden prozentual mehr AMG-Versionen verkauft als von der G-Klasse; hier der G63 des Baujahrs 2018.  Foto: Daimler

Längst werden deshalb mehr zivile G-Klassen verkauft als militärische, sagt Baureihenchef Gunnar Güthenke. Erst recht, nachdem der Werkstuner AMG den Geländewagen für sich entdeckt und mit seinen Acht- und Zwölfzylindern bestückt hat – und damit offenbar richtig lag. Nicht umsonst ist die G-Klasse seit Jahren der Mercedes, von dem prozentual die meisten AMG-Modelle bestellt werden, sagt Firmenchef Tobias Moers.

So schnittig wie eine Fertiggarage

Zwar kann ein bisschen mehr Leistung nicht schaden, wenn man ein Auto von mehr als zwei Tonnen bewegen möchte, das in etwa so windschnittig ist wie eine Fertiggarage. Doch der Rallye-Einsatz des 280 GE im winterlichen England beweist, dass es die 585 PS des aktuellen G63 nicht unbedingt braucht. Schon der 2,8 Liter große Reihensechszylinder mit seinen 156 PS und 226 Newtonmetern reicht aus, um überall durch- und in der vorgegebenen Zeit anzukommen. Denn was dem G an Dynamik fehlt – und das ist bei der gefühlten Ewigkeit, die er zum Beschleunigen braucht, und bei einem Spitzentempo von 158 Stundenkilometern eine ganze Menge – macht er mit Durchhaltevermögen wett. Je schlechter die Strecke, desto besser seine Chancen. Das gilt nicht nur in der Wüste oder im Dschungel, sondern eben auch in den Mooren von Wales oder den schottischen Highlands.

Eher bekommt die Welt Ecken, als dass die G-Klasse rund wird.

Baureihenchef Gunnar Güthenke

Über die Jahre hat Mercedes den Klassiker zwar immer wieder modernisiert und in diesem Frühjahr sogar noch einmal komplett neu konstruiert. Doch es gibt ein paar Dinge, die bleiben, sagt Güthenke. Bei der Technik sind das Leiterrahmen, die Geländeuntersetzung und die drei Differentialsperren. Und beim Design sind das zum Beispiel die Türgriffe, das außen angeschlagene Ersatzrad oder die Blinker, die wie Krokodilaugen auf den Kotflügeln sitzen. Und natürlich die kantige Grundform mit dem rechten Winkel als idealem Maß: „Denn eher bekommt die Welt Ecken, als dass die G-Klasse rund wird.“

Familienbande: Das neue Modell von 2018 (links) ist unverwechselbar eine G-Klasse geblieben.    Foto: Daimler AG

Einziger Mercedes mit unbegrenzter Laufzeit

Als die G-Klasse vor 40 Jahren eingeführt wurde, hätte sich selbst bei Mercedes niemand träumen lassen, dass sie so eine lange Laufzeit haben wird, sagt Güthenke. „Doch nachdem wir die Planung immer wieder über den Haufen geworfen und die Produktion verlängert haben, ist die G-Klasse mittlerweile die einzige Baureihe bei Mercedes, für die es keine definierte Laufzeit mehr gibt.“

Oldtimer werden teuer gehandelt

Die große Beliebtheit der G-Klasse hat dem Dinosaurier zwar das Leben gerettet. Doch sie hat auch einen Haken – selbst als Young- oder Oldtimer ist sie überdurchschnittlich teuer. Zumal von den frühen Exemplaren nur wenige gut erhalten sind, weil sie meist hart rangenommen und buchstäblich als Nutzfahrzeug im Einsatz waren, gibt die Online-Plattform Classic Trader in ihrer Kaufberatung zu bedenken. Schon die spartanisch ausgestatteten und mager motorisierten Militärfahrzeuge werden nach dem Ende ihrer Dienstzeit auf den üblichen Online-Plattformen für fünfstellige Preise gehandelt.

Unverkäuflich: Die G-Klasse tat auch schon Dienst als Papamobil.  Foto: Daimler

Je mehr Leistung und Luxus an Bord ist, desto teurer wird das Vergnügen. Natürlich steigt der Wert mit dem Alter. Für einen 280 GE aus den frühen 1980ern ist man schnell mal mit 30 000 Euro dabei. Aber erstens ist das gemessen an manchem Roadster oder Coupé mit Stern noch immer vergleichsweise günstig. Und zweitens hat die G-Klasse noch einen weiteren Vorteil: Man kann sie das ganze Jahr und auf allen Wegen fahren. Selbst wenn es gar keine Wege gibt.    Thomas Geiger