Im Frühtau zu Berge: Längere Ausflüge sind mit Elektroautos sehr wohl möglich. | Foto: BMW

Rollen statt rasen

Fahren Elektroautos wirklich anders?

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Heulende Motoren, quietschende Reifen, röhrender Auspuff – für manche Auto-Fans gehört so etwas einfach dazu. Elektroautos können da kaum mithalten. „Ein Elektroauto ist fast so etwas wie eine Oase der Ruhe“, sagt Wieland Brúch, bei BMW zuständig für den i3. „Lautlos aber kraftvoll.“

Wer sich in einen i3 setzt, weiß schnell, was Brúch meint. Nach dem Einschalten hört man als Fahrer erst einmal nichts. Kein Röhren, kein Brummen – einfach nur Stille. Auch wenn der Fuß das Gaspedal runterdrückt, wird es kaum lauter. Zu hören sind lediglich das Rollen der Reifen auf dem Asphalt und der Fahrtwind. Bei offenem Fenster und gemächlicher Fahrt kann man sogar noch das Vogelzwitschern hören. Aber bleibt da der Fahrspaß am Ende auf der Strecke?

Beeindruckende Beschleunigung

„Die Beschleunigung ist unglaublich“, schwärmt Christian Löer, Marketingchef von Jaguar Deutschland über den neuen Jaguar I-Pace. „Die 696 Newtonmeter stehen sofort zur Verfügung“, beschreibt er die Kraftentfaltung des Autos.

Nun erwartet man zwar von einem Marketingchef nichts anderes als Begeisterung für die Produkte aus dem eigenen Haus. Doch die Beschleunigung des vollelektrischen Jaguars ist in der Tat immens. Wer das Gaspedal durchtritt, wird sofort kräftig in den Ledersitz gedrückt.

Egal welches E-Auto: An der Ampel lässt man auch mit kleineren Autos größere Sportwagen stehen. Der neue Nissan Leaf zum Beispiel schafft bei einer Leistung von 110 kW – in herkömmlichem Sprachgebrauch sind das 150 PS – den Sprint von 0 auf 100 km/h in 8,8 Sekunden. Der Porsche Macan mit seinem Vierzylinder-Verbrennungsmotor und 100 PS mehr ist mit 6,7 Sekunden nur unwesentlich schneller. Gegen den I-Pace hätte der Porsche aber keine Chance: Der Jaguar braucht mit seinen 294 kW/400 PS nur 4,8 Sekunden.

Liebe auf den ersten Klick

Der Spaß am Fahren ist auch einer der großen Reize, den Elektroautos ausüben, findet Löer. „Ich bin mit Autos aufgewachsen und hatte große Vorbehalte“, erzählt er. Doch die waren sofort weg, als er das erste Mal in einem E-Auto fuhr. „Es war fast so etwas wie Liebe auf den ersten Klick.“ Den Sound eines V8-Motors vermisst Löer jedenfalls nicht.

Angebot wächst nur langsam

Dennoch: Bei der breiten Masse ist diese Liebe noch nicht angekommen. Denn nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg lag der Bestand an Elektro-Pkw in Deutschland Anfang 2018 bei gerade einmal knapp 54 000 Fahrzeugen.

Entschleunigung: Tankdeckel auf und schnell Benzin nachfüllen – das geht bei Elektroautos nicht. Um die leere Batterie wieder auf 80 Prozent aufzuladen, müssen die Autos bei Schnellladestationen mindestens eine halbe Stunde an den Stecker. Foto: Schuh/tmn

Ein Grund für die Zurückhaltung ist nach Ansicht von Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen das derzeit noch knappe Angebot an Elektromodellen. „Das wird sich ändern müssen“, sagt der Auto-Experte. Denn nach den Plänen der EU müssen die Hersteller ihre CO2-Grenzwerte deutlich senken. „Insgesamt dürfte der VW-Konzern bereits 2022 gut 1,15 Millionen Elektroautos verkaufen“, erwartet Dudenhöffer aus diesem Grund. „BMW 230 000 und Daimler 250 000.“

Noch allerdings bestimmen nach Angaben von Dudenhöffer ausländische Hersteller den Markt. Es bewegt sich aber langsam etwas: Jaguar zum Beispiel will bis 2020 jedes Modell auch als E-Variante anbieten. Und auch andere Hersteller arbeiten an neuen Elektroautos. „Wenn neue Modelle in den Markt kommen, wird sich auch die Akzeptanz insgesamt verbessern“, glaubt Dudenhöffer.

Elektroautos verändern die Perspektive

Den Umstieg von einem Benzinauto auf ein elektrisches Fahrzeug hat BMW-Manager Brúch nicht bereut. Nicht nur wegen des Fahrspaßes, sondern auch weil sich seine eigene Mobilität inzwischen verändert hat. „Das Auto ist nicht immer das beste Verkehrsmittel“, erzählt der Münchner. So sitzt er inzwischen auch öfter in öffentlichen Verkehrsmitteln, je nachdem wo er hin will. „Ich nutze ein Auto heute ganz anders als früher.“ Sein neuer Maßstab: „So elektrisch wie möglich. Und wenn nicht mit dem Auto, dann gerne auch mal mit der Bahn.“

Rollen statt rasen – das ist ein Gefühl, das man als Fahrer von Elektroautos schnell bekommt. Zwar ist der Sprint an der Ampel jederzeit möglich. „Ich muss das aber nicht ständig beweisen“, sagt Brúch. Zumal zügige Fahrten auch am Ladezustand der Batterien zehren.

Im grünen Bereich: Auf dem Display des I-Pace ist der Ladestand der Batterie und die Reichweite für den Fahrer jederzeit gut zu erkennen.             Foto: Schuh/tmn

Effiziente Fahrweise wird belohnt

Umgekehrt kann man mit vorausschauendem Fahren die Batterie immer auch ein wenig wieder aufladen – und auch das macht einen Teil des Fahrspaßes bei Elektroautos aus. Denn E-Autos belohnen den Fahrer: In den Displays kann man zusehen, wie die Reichweite steigt oder die Ladekapazität der Akkus zunimmt.

Mitunter werden, wie zum Beispiel im i3, für effizientes Fahren auch Sterne verteilt. Je länger man sparsam mit der Energie umgeht, je mehr davon bekommt man. Das spornt an. „Früher ging es darum, den Berg so schnell wie möglich hochzukommen“, erzählt Brúch. „Heute freuen Sie sich, wenn sich beim Runterfahren die Batterie wieder auflädt.“

Mehr als 400 Kilometer Reichweite

Reichweite ist einer der kritischen Punkte bei der Elektromobilität. Noch herrscht bei den meisten Kunden „Range anxiety“ – übersetzt etwa „Angst vor zu geringer Reichweite“, erklärt Gareth Dunsmore, Direktor Elektrofahrzeuge bei Nissan Europe. Aus seiner Sicht ist das aber ein vorübergehendes Problem.

Denn mit jedem neu entwickelten Elektroauto nimmt auch die Reichweite zu. Der neue Nissan Leaf etwa mit seiner 40-kWh-Batterie kommt im Stadtverkehr nach Angaben des Herstellers inzwischen auf bis zu 415 Kilometer pro Akkuladung. Und Jaguar verspricht für den I-Pace sogar bis zu 480 Kilometer.

Laden an der Laterne

Außerdem wird die Ladeinfrastruktur ausgebaut. „Wenn es bald möglich ist, das Auto an der Straßenlaterne zu laden, wird das vielen Angst vor E-Autos nehmen“, sagt Dunsmore. „Dann können Sie Ihr Fahrzeug aufladen, wenn Sie auf der Arbeit sind oder im Supermarkt einkaufen.“ Zur Tankstelle muss man dann nicht extra fahren. Auch helfen zahlreiche Assistenzsysteme in den E-Autos, die Fahrzeuge effizienter zu bewegen. Die meisten Stromer fahren – zumindest teilweise – autonom und damit vorausschauender und sparsamer.

Stromer willkommen: Ladestation entlang der Panoramaroute Grand Tour of Switzerland – die Strecke durch die Schweizer Alpen ist seit 2017 durchgängig mit E-Autos befahrbar.      Foto: Martinek/swiss-image.ch

Und bei der Routenplanung wird künftig nicht immer die schnellste Strecke die erste Wahl sein. „Das Navigationsgerät im Auto fährt Sie künftig vor allem effizient von A nach B“, erklärt Löer. Neben den Ladesäulen an der Strecke spielt auch das Profil eine größere Rolle. „Sie werden nicht mehr unbedingt über eine Passstraße geführt“, sagt Löer. „Es sei denn, Sie wollen das ausdrücklich.“  Falk Zielke