Kleines Fahrzeug, große Zukunft: Seat Minimo und andere Mikromobile sind die Antwort auf Stau und Parkplatznot. | Foto: Jordi Sans/Seat/tmn

Schmalspur statt Stau

Mikromobile am Start

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Sie rollen an der Nahtstelle zwischen Auto und Fahr- oder Motorrad: Mikromobile wie elektrische Tretroller und Schmalspur-Kleinwagen sollen uns auch auf der Kurzstrecke das Laufen ersparen. Weil die Städte immer größer werden und der Verkehr immer dichter, sorgen sich die Hersteller zunehmend um die Zukunft des Autos und entwickeln Alternativen. Mit denen soll man auch dann noch mobil bleiben, wenn nicht mehr jedem Verkehrsteilnehmer acht oder zehn Quadratmeter für sein Fahrzeug zur Verfügung stehen. Wenn nur die Hälfte der auf dem Genfer Autosalon 2019 gezeigten Studien in Serie geht, spült der Trend zur Mikromobilität bald eine ganze Reihe ungewöhnlicher Fahrzeuge in unsere Städte.

Zweisitzer statt Bus

Das buchstäblich bunteste zeigt Citroën: Ami One Concept heißt der 2,50 Meter lange und 1,50 Meter schmale Zweisitzer, den der Hersteller als Alternative zu Bus und Motorroller sieht. Elektrisch angetrieben mit Akkus für einen Aktionsradius von 100 Kilometern, ist er bis zu 45 Stundenkilometer schnell.

Living in a box: Auf dem Genfer Autsalon hat Citroën mit Ami One Concept einen elektrischen Kleinstwagen vorgestellt. Foto: Maison Vignaux/Citroën

Er könnte je nach Land und Gesetzgebung schon ab 16 Jahren gefahren werden, sagen die Franzosen und zählen weitere Vorteile auf: Er braucht deutlich weniger Platz als ein konventioneller Wagen, ist aber sicherer und wetterfester als ein Roller. Und anders als der Bus fährt der Ami One wann und wohin es der Nutzer will.

Akku lädt im Wohnzimmer

Nach dem gleichen Prinzip hat Seat den Minimo gestaltet, der mit seinen freistehenden Rädern sogar nur 1,20 Meter breit ist. Auch er folgt dem Ideal der Schmalspurmobilität und will Fahrspuren und Parkplätze effizienter nutzen. Und damit man für ihn nicht überall neue Ladesäulen braucht, kann man den Akku wie beim E-Bike ausbauen und daheim an der Steckdose laden.

Ein Fall für drei: Im „Shared Vehicle Electric Native“, kurz „Sven“ finden drei Passagiere nebeneinander auf einer Bank Platz.     Foto: Philipp Rupprecht/Share2Drive

Dritter im Bunde der neuen Kleinstwagen aus Genf ist Sven, den Share2Drive aus Aachen entwickelt hat. Wo Seat und Citroën in die Länge bauen, geht das „Shared Vehicle Electric Native“ in die Breite und erinnert so an einen etwas aus dem Leim gegangenen Smart. Doch das Wachstum zahlt sich aus: Mit einer Länge von 2,50 Metern kann Sven noch immer quer parken. Auf der durchgehenden Bank hinter den großen Schiebetüren bietet er trotzdem Platz für drei Insassen und bis zu 580 Liter Gepäck. Auch Sven fährt elektrisch, sprintet mit seinem 33 PS starken Heckmotor auf Tempo 120 und kommt mit einer Akkuladung 140 Kilometer weit – jedenfalls auf dem Papier.

Für Carsharing perfekt geeignet

So ganz neu sind diese Ideen nicht. Schließlich gibt es den Smart als ultrakompakten Zweisitzer schon seit 20 Jahren. Und wie man auf schmaler Spur und ohne Abgase mit der Sicherheit von vier Rädern durch die Stadt kommt, beweist  der Renault Twizy seit 2011. Doch Konzepte wie Ami One, Minimo oder Sven machen sich die zunehmende Konnektivität zunutze und denken deshalb einen Schritt weiter. Sie alle sind prädestiniert für den Einsatz in Carsharing-Flotten; man bucht sie über Apps minuten- oder tageweise. Deshalb haben sie nicht nur einen Fahrer, sondern machen in der Theorie gleich mehrere konventionelle Autos überflüssig.

„Das iPhone der Mobilität“

Parallel zu Kleinstwagen und Schmalspurflitzern etabliert sich gerade eine weitere Fahrzeuggattung: der E-Scooter. Nachdem die Politik dem elektrischen Tretroller gerade den Weg in den Straßenverkehr ebnet, werde er sich in den kommenden Monaten vom Spaß- und Sportgerät zu einer ernsthaften Mobilitätslösung entwickeln, glauben Experten. Mobilitätsanalyst Horace Dediu aus San Francisco sagt mit Blick in die USA, wo schon Hunderttausende solcher Zweiräder minutenweise vermietet werden: „Der E-Scooter ist das iPhone der Mobilität.“

Vom Spielzeug zu einer neuen Form der Mobilität: Neue E-Roller wie der X2City von BMW gelten bieten sich zur alternativen Fortbewegung an.     Foto: BMW

Mikromobile von BMW bis Skoda

Um bei dieser Umstellung keine Kunden zu verlieren, haben auch andere Autohersteller reagiert und erste Produkte entwickelt: BMW zum Beispiel beginnt in diesen Tagen mit dem Verkauf des X2City und rühmt den Scooter als ersten seiner Art, der die neuen Vorgaben der Straßenverkehrsordnung erfülle. Er fährt je nach Einstellung zwischen 8 und 20 Stundenkilometer schnell. Dem Hersteller zufolge kommt er mit einer Akkuladung im besten Fall bis zu 30 Kilometer weit.

Vom Volkswagen zum Volksroller: Autohersteller wollen mit eigenen E-Rollermodellen – hier der Streetmate (l) und der Cityskater – dabeisein.                   Foto: Volkswagen

Während der BMW schon in Serie ist, gibt es von VW zwei Studien. Die eine ist der Cityskater. Zusammenklappbar passt er in den Kofferraum, wird bis zu 20 Sachen schnell und kommt auf eine Reichweite von 15 Kilometern. Die andere ist der Streetmate, für den man allerdings einen Führerschein braucht. Schließlich ermöglicht sein 3-PS-Radnabenmotor eine Geschwindigkeit von 45 Stundenkilometern. Dafür ist auch die Reichweite deutlich größer: Bis zu 35 Kilometer sind laut VW drin.

Kreuzung aus Fahrrad und Hoverboard

Das vielleicht coolste Konzept kommt von Skoda, selbst wenn es den eher nüchternen Namen Klement trägt. Dahinter verbirgt sich eine Kreuzung aus Fahrrad und Hoverboard – elektrisch angetrieben und mit Pedalen gesteuert, die allein durch Kippen beschleunigen oder bremsen. Letzteres sogar mit ABS, teilt Skoda mit.

Bitte kippen! Skodas Studie Klement wird mit Pedalen gesteuert, die allein durch Kippen beschleunigen oder bremsen.      Foto: Skoda

Angetrieben wird die Studie von einem 4 kW starken Radnabenmotor, der Tempo 45 erreicht und mit dem 1,25 kWh-Akku bis zu 62 Kilometer weit kommen soll. Zwar weist das Konzept in die Zukunft und hat noch keine Serienfreigabe. Ganz nebenbei schlagen die Tschechen damit aber einen Bogen zurück zu ihren eigenen Wurzeln: Skodas Ahnen Klement und Laurin haben vor 124 Jahren mal als Fahrradhersteller begonnen.

Zwar werden Studien wie Ami One oder Minimo irgendwann in Serie gehen, und glaubt man Analyst Dediu, werden bald Hunderttausende E-Scooter unsere Städte fluten. Doch so sehr sich der Verkehr auf der sogenannten letzten Meile auch ändern mag, wird sich auf den allerletzten Metern relativ wenig tun: Das letzte Glied in der Kette der Mikromobilität sind und bleiben die eigenen Beine.    Thomas Geiger