Vintage-Flair: Einmal jährlich treffen sich am Strand von Römö in Dänemark viele, teils stilecht gekleidete PS-Fans, um mit Motorrädern und Autos über den Strand zu heizen oder anderen dabei zuzuschauen. | Foto: Geiger

Rennen auf Salz und Sand

Süchtig nach Speed

Anzeige

Ihre Autos sind auf dem technischen Stand von 1939, und ihre Klamotten sehen auch nicht viel jünger aus. Doch das hier ist kein Oldtimer-Treffen, kein Filmdreh und kein Karneval, sondern ernst gemeinter Motorsport – selbst wenn es dabei nur um Ruhm und Ehre geht und um den Spaß am Speed. Denn einmal im Jahr treffen sich am Strand von Römö im südwestlichsten Winkel Dänemarks viele Tausend PS-Fans, um mehr als 100 Motorräder und Autos dabei zu bejubeln, wie sie die Kindertage des Motorsports noch einmal lebendig werden lassen.

Rekordfahrt am Strand

„Das hier waren die Rennstrecken unserer Großväter“, sagte Steffan Skov mit Blick auf den kilometerlangen Strand der Ferieninsel. Er hat vor drei Jahren das „Motor Festival“ mit aus der Taufe gehoben, um damit an die bald 100 Jahre zurückliegenden Rekordfahrten auf der Nachbarinsel Fanö zu erinnern: Nirgendwo auf der Welt sei man damals schneller unterwegs gewesen als auf diesem Streifen Strand.

Alte Tradition: Das heutige Römö Motor Festival erinnert an die fast 100 Jahre zurückliegenden Rekordfahrten auf der Nachbarinsel Fanö.   Foto: Rømø Motor Festival

Der Sand dort war härter, glatter und griffiger als die mit Kopfstein gepflasterten Straßen oder der Schotter auf den vereinzelten Rennstrecken. „Egal ob reiche Draufgänger, gelangweilte Privatiers, Hasardeure oder die wenigen Profis jener Zeit: Wer es wirklich wissen wollte mit seinem Rennwagen, der musste deshalb hierher kommen“, sagte Skov, während hinter ihm ein Oldtimer nach dem anderen auf die Viertelmeilen-Strecke ging.

Opels Grünes Monster fährt mit

Einer der ganz Großen jener Zeit war der Opel-Rennfahrer Carl Jörns. Der fuhr mit einem Auto, das den bezeichnenden Namen Grünes Monster trägt und noch heute am Strand unterwegs ist, so Opel-Pressesprecher Uwe Mertin. Damit schraubte Jörns 1922 das Tempo auf schier unglaubliche 228 Sachen. Ein anderer war der Brite Sir Malcom Campbell mit seinem berühmten Bluebird.

Sucht nach Speed

Die Sucht nach Speed war damals von Europa schon in die USA übergeschwappt. Denn als ihre meist von Flugzeugmotoren betriebenen Rennwagen immer schwindelerregendere Geschwindigkeiten erreichten, wurden den Rekordjägern irgendwann die Straßen zu voll, die Rennstrecken zu eng und die Strände zu kurz, berichtet Jennifer Jordan, die als Mitautorin des Dokumentarfilmes „Boys of Bonneville“ die Geschichte das Landspeed Racings erzählt. Deshalb wichen sie schon während des Ersten Weltkrieges aus – auf die ausgetrockneten Seen bei El Mirage und Muroc in Kalifornien, bei Black Rock im US-Staat Nevada und auf dem legendären Salzsee von Bonneville in Utah.

Camille Jenatzy konnte seinen elektrisch angetriebenen Jamais Contente („Nie zufrieden“) 1899 auf einer noch ziemlich einsamen Landstraße ausfahren und zum erstem Mal die Schallmauer von 100 Kilometern in der Stunde durchbrechen. Und Ernest Eldrige hat den Pakt mit dem Teufel mit seinem Fiat Mefistofele bei 234,98 Stundenkilometern vor den Toren von Paris geschmiedet. Doch als Autos wie der Blitzen-Benz zum ersten Mal ein Durchschnittstempo jenseits von 200 Sachen erreichten, mussten sie auf Rundstrecken wie Brooklands ausweichen, kann man im Mercedes-Archiv nachlesen. Aber auch das war bald zu gefährlich. Und mitten im Krieg war selbst den Rennfahrern die Lust an der Raserei in Europa vergangen.

Jenkins‘ Rekorde stehen seit Jahrzehnten

Deshalb hat sich der Schwerpunkt der Rekordjagd auf die andere Atlantikseite verlagert. Die trockenen Seen in den Wüsten des Westens wurden zu den Hotspots der Heißsporne, und die Rekorde fielen im Wochenrhythmus. Der ungekrönte König dieser Zeit war Ab Jenkins, der mehr Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt haben soll als jeder andere Mensch auf der Welt: 1935 fuhr er seinen Düsenberg Mormon Meteor über 24 Stunden mit einem Schnitt von 217 km/h, 1940 steigerte er dieses Tempo auf fast 260 km/h – eine Bestleistung, die erst 50 Jahre später eingestellt wurde. Mehr als ein Dutzend seiner Rekorde stehen noch, sagt Ron Main, der zu den Veranstaltern der El-Mirage-Rennen gehört: „So verrückt, so mutig und so schnell wie Ab war danach lange keiner mehr.“

Jenkins gilt zwar in Amerika als Held der Wüsten-Raserei. Doch gegen Menschen wie Andy Green ist er ein Schleicher. Denn der britische Militärpilot hält seit 1997 mit einem Tempo von 1228 km/h den aktuellen Land Speed Record und hat dabei als erster mit einem Auto die Schallmauer durchbrochen.

Bodenrakete: 2019 sollte der Bloodhound mehr als 1000 Meilen pro Stunde schnell werden, doch das Projekt scheint gescheitert. Foto: Flock London/Bloodhound Programme Ltd

Rakete für den Tiefflug

Der ThrustSSC, der damals durch die Wüste von Nevada jagte, hat mit dem gängigen Bild von einem Auto bis auf die Räder allerdings nicht mehr viel gemein. Denn eigentlich ist der Einsitzer nach Angaben der Betreiber eher eine Rakete für den Bodenflug: 16,5 Meter lang, schlank wie eine Zigarre und angetrieben von zwei Jet-Turbinen, die umgerechnet mehr als 100 000 PS leisten. Green arbeitete zusammen mit einigen britischen Firmen am Nachfolgemodell Bloodhound und bereitete in einer Wüste in Südafrika einen Rekord mit mehr als 1000 Meilen pro Stunde vor – doch gerade erst gab ein Unternehmenssprecher das Ende des Projekts aus finanziellen Gründen bekannt.

Gleichzeitig entdecken auch die Hersteller die Salzseen als Bühne für ihre Promotion: So hat VW zum Beispiel in den USA zur Einführung des neuen Jetta einen Speedracer mit mehr als 600 PS aufgebaut und es mit einem Tempo von 338 km/h ganz weit nach oben in den Schlagzeilen der Motorpresse geschafft, meldet die Amerika-Zentrale in Herndon.

Mehr Tempo für mehr Publicity: Zur Einführung des neuen Jetta in den USA hatte VW einen Jetta-Renner mit 608 PS aufgebaut, der auf einem ausgetrocknetem Salzsee 338 km/h schnell wurde. Foto: Volkswagen

Großer Spaß für kleines Geld

Solche Fahrten mögen Männern wie Skov zwar imponieren, mit dem klassischen Beach-Racing haben solche Spektakel aber in seinen Augen nicht mehr viel zu tun. Was für ihn den Charme ausmacht, ist, dass man bei Festivals wie in Römö auch für kleines Geld großen Spaß haben kann. Zwar gebe es viele, die in ihre Fahrzeuge hohe sechsstellige Beträge investieren, sagt Skov. „Aber man kann auch schon für den Preis eines Kleinwagens ein passendes Rennauto bekommen und hier um den Sieg mitfahren.“ Und das gehe nicht nur in Römö, sondern genauso bei verschiedenen Events in England und Italien.

Jedes Jahr mehr Teilnehmer

Zwar gibt es mittlerweile viele große und kleine Rennstrecken für Profis und PS-Amateure. Doch die Strände und Salzseen, auf denen solche Veranstaltungen noch erlaubt sind, lassen sich an zwei Händen abzählen. Die Faszination ist aber ungebrochen und die Zahl der Teilnehmer wächst Jahr für Jahr: In Kalifornien oder Utah sind während der Saison bei jedem Event Hunderte Motorsportler vom Teenager auf dem Motorrad bis zum Routinier im Raketenauto am Start.

Spaß am Strand auf Rømø: Die Sorge vor der Rostgefahr durch Salz wandert für die Zeit der Rennerei nach hinten.      Foto: Thomas Geiger

Zur legendären Speedweek nach Bonneville fliegen Teams aus der ganzen Welt, und die Teilnehmerliste in Römö wird auch immer länger, sagt Skov: „Wir haben mit 30 Fahrzeugen angefangen und hatten 2018 über 100 Autos und Motorräder am Start. So ganz langsam müssen wir uns überlegen, wie wir der ganzen Fahrer noch Herr werden sollen.“

Dass die Autos dabei auf Salz oder Sand mehr leiden als auf Asphalt, tut der Sucht nach Speed keinen Abbruch – selbst wenn es sich wie in Römö um Oldtimer handelt, die das ganze Jahr über liebevoll gewartet und gewienert werden. Denn dafür sind sie schließlich gebaut worden.     Thomas Geiger