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Klausuren schreiben verboten

Berufsschullehrer fühlen sich bei Corona-Regeln übergangen: „Unsere Schüler sind gekniffen“

Ausgiebig streiten Politiker und Eltern über die Frage, ob es sinnvoll ist, an den Schulen Klausuren zu schreiben und Präsenzunterricht zu halten. Doch die aktuellen Ausnahmeregeln gelten nicht für die vielen Azubis im dualen Berufsschulsystem – und darüber ärgern sich die Schulleiter: Sie fühlen sich übergangen.

Müssen oder dürfen sie Klausuren schreiben? Während manche Schüler über die Termine diese Woche stöhnen, wären Berufsschullehrer froh, wenn sie überhaupt solche Ausnahmeregeln nutzen dürften. (Symbolbild) Foto: Frank Rumpenhorst

Sie sind überzeugt, dass die Corona-Pandemie ihre Schüler besonders hart trifft – aber sie haben das Gefühl, dass es niemanden interessiert: Berufsschullehrer wie Uwe Bäuerle, die im hochgelobten dualen System arbeiten. „Wenn man von Gekniffenen reden kann, dann sind es die Leute unseres diesjährigen Abschlussjahrgangs“, sagt der Schulleiter der Kaufmännischen Engelbert-Bohn-Schule in Karlsruhe. „Sie machen bereits im Mai ihre Prüfungen.“

Trotzdem darf Bäuerle die Auszubildenden seiner Abschlussklassen aktuell nicht für Klausuren in die Schule holen oder sogar Präsenzunterricht anbieten – im Gegensatz zu seinen Kollegen an beruflichen Gymnasien und anderen Schularten. „Das ist bei uns auf Unverständnis gestoßen“, sagt Bäuerle verärgert.

Das Land soll die Sache in unsere Hände legen.
Stefan Pauli, Karlsruher Berufsschulleiter

Sein Kollege Stefan Pauli betont, gerade für berufliche Schulen des dualen Systems wünsche er sich größeren Entscheidungsspielraum – innerhalb eines klar definierten Rahmens. „Wir wissen am besten, welche Schüler die meisten Defizite haben“, sagt Pauli, der Leiter der Walter-Eucken-Schule und zugleich geschäftsführender Schulleiter der städtischen Berufsschulen in Karlsruhe ist.

Die Lage sei sehr kompliziert, weil jede Schule ein anderes Profil, andere Azubis, andere Fächer und Termine habe. „Bei uns laufen fast immer Prüfungen“, erklärt Pauli. „Kaufleute für Büromanagement zum Beispiel legen schon zu Beginn des zweiten Ausbildungsjahres den ersten Teil der Prüfung ab.“ Seine Forderung lautet: „Das Land soll die Sache in die Hände unserer Schulen legen.“ Vor Ort könnten die Berufsschullehrer am besten entscheiden, wie die Prüfungen in diesen Ausnahmezeiten zu schaukeln sind – unter Berücksichtigung des Ansteckungsrisikos.

Das „Dilemma“ der besorgten Chefs

„Wir bilden hier auch Sport- und Fitnesskaufleute aus“, erzählt Schulleiter Bäuerle. „Deren Betriebe, die Studios, sind monatelang geschlossen.“ Anderes Extrem seien die Kaufleute, die im derzeit brummenden Lebensmittelhandel ihre Ausbildung machen. „Die würden am liebsten nur zur Arbeit gehen“, sagt Pauli.

Die Schulen könnten passgenau planen, zu welchen Zeiten sie welche Gruppen in den Unterricht holt. Um Missverständnisse zu vermeiden, betonen beide Schulleiter, dass sie keineswegs zum Infektionsgeschehen beitragen oder den Präsenzunterricht erzwingen wollen. „Unser Online-Unterricht funktioniert“, sagt Pauli.

Hinzu kommt, dass manche Chefs ängstlich in Richtung Berufsschule schielen. „Wir hatten fast wöchentlich einen Corona-Fall und Klassen in Quarantäne“, berichtet Bäuerle. „Die Betroffenen hatten sich zwar nie in der Schule infiziert, aber die Betriebe fürchten, dass die Azubis ausfallen. In diesem Dilemma stecken wir.“

Präsenzunterricht halte ich für unverantwortlich.
Ralf Scholl, Landeschef des Philologenverbands

Zermürbend sei allerdings, wöchentlich auf neue kurzfristige Entscheidungen der Politik zu warten, kritisiert Pauli. So wie jetzt wieder am Donnerstag, wenn die grün-schwarze Regierung entscheiden will, wie es ab 18. Januar an den Schulen weitergeht. „Wenn wir uns von Woche zu Woche hangeln, machen wir die Lehrer und Schüler mürbe“, kritisiert Pauli. Es gehe um klare Perspektiven - und klare Regeln.

Unpräzise findet Pauli die aktuellen Vorgaben des Kultusministeriums für Klausuren und realen Unterricht an anderen Schultypen: „Es war nicht klar, was die sogenannten zwingenden Gründe dafür sein sollen.“ Jede Schule hat selbst interpretiert, wie die Anweisungen aus Stuttgart zu verstehen seien – herausgekommen ist ein Flickenteppich, landesweit, aber auch in einzelnen Städten: Einige Schulen in Baden-Württemberg machen mit ihren Abschlussklassen völlig normalen Präsenzunterricht. „Das halte ich für unverantwortlich“, schimpft Ralf Scholl, Landesvorsitzender des Philologenverbandes (PhV).

Man muss das auch mal durch die Brille der Schüler sehen.
Volker Arntz, Rektor der Gemeinschaftsschule Durmersheim

Andere Schulen bleiben komplett im Fernunterricht. Viele Schulen aber lassen ihre Abschlussklassen diese Woche Klausuren schreiben, auch in der BNN-Region. Die schulpreisgekrönte Durmersheimer Hardtschule gehört dazu. „Man muss das auch mal durch die Brille der Schüler sehen“, sagt Schulleiter Volker Arntz. „Wir brauchen in Mathe noch eine Klausur, mancher will sich vielleicht auch noch verbessern. Im Homeschooling haben sich die Schüler auf die Kernfächer konzentriert und gut vorbereitet – die würden lange Gesichter machen, wenn die Klausur ausfiele.“

Abstand halten sei problemlos möglich, wenn die älteren Gemeinschaftsschüler am Donnerstag zur Schule kommen: „Das sind 22 Kids. Die verteilen wir auf vier Räume.“

Zahl der Klausuren: unbekannt

Wie viele Schüler schreiben diese Woche Klausuren? Wie viele kommen leibhaftig zum Unterricht? Auch im Haus von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) kann diese Frage niemand beantworten: „Das Kultusministerium hat bewusst darauf verzichtet, eine Abfrage dazu durchzuführen, um die Schulen in der aktuellen Situation nicht zusätzlich zu belasten“, erklärt ein Sprecher. Unklar ist auch, an wie vielen Schulen wirklich „zwingende Gründe“ für die Ausnahmen vorliegen.

Mancher Schulleiter hat extra beim Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe und beim Ministerium nachgefragt. Die „Präzisierung“ hat nicht unbedingt zur Erhellung beigetragen: Die Behörden verweisen auf den Ermessensspielraum der Schulen, bitten aber zugleich um Verschiebung von Klausuren in die zweite Januarhälfte. Eisenmanns Haus verweist auch auf die Corona-Verordnung, wonach die Klausurenzahl, zum Beispiel bei Abi-Anmeldenoten, nur unterschritten werden darf, wenn die Schule mindestens vier Wochen lang schließt.

Azubis hoffen auf Prüfungsausfall

Dass die Berufsschulen und beispielsweise auch einjährige Berufskollegs keinen Ausnahme-Spielraum für diese Woche erhielten, liegt laut Kultusministerium am hohen Prozentsatz der dortigen Abschlussklassen: Das Land wollte die Infektionsgefahr „mindern“. „Wir vergeben jedes Jahr 600 bis 800 Abschlusszeugnisse“, bestätigt Pauli – dennoch hätte er gerne mehr Planungsmöglichkeiten.

Einige Lehrlinge spekulieren bereits darauf, dass sie im Corona-Jahr 2021 weniger büffeln müssen als geplant. „Ich habe die Hoffnung, dass einige Prüfungen wegfallen“, sagt ein Karlsruher Handwerks-Azubi im dritten Lehrjahr. „Voriges Jahr wurden Deutsch und Gemeinschaftskunde gestrichen.“ Schulleiter Pauli warnt jedoch: „Darauf sollten sich die Prüflinge nicht verlassen.“

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