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Ausflugsziel für Mittelalter-Fans

Campus Galli in Meßkirch baut eine 1.200 Jahre alte Klosterstadt nach

Arbeiten wie im Mittelalter: Auf dem Campus Galli in Meßkirch entsteht zur Zeit eine Klosterstadt nach dem Vorbild eines Bauplans, der vor 1.200 Jahren gezeichnet wurde. Die über 50 Gebäude werden ausschließlich mit Materialien und Techniken aus dem frühen Mittelalter stammenden gebaut. Besucher können sich bei einem Besuch selbst ein Bild von der besondere Baustelle machen.

Der Bau der großen Scheune schreitet voran.
Ein massives Bauwerk: Der Bau der großen Scheune schreitet voran. Wenn alle Teile des Giebels verbunden sind, kann er aufgestellt werden. Foto: Michael Fritz

Von Michael Fritz

Mitten im Wald wird gehämmert und gesägt, Zimmerleute in einfacher Leinenkleidung fertigen lange Balken aus Eichen- oder Fichtenstämmen und passen sie mit alten Zimmermannstechniken zu einem Giebel zusammen. Hier am Abbundplatz entsteht eine große Scheune. Das Besondere daran: der Bauplan ist 1.200 Jahre alt.

Wir befinden uns auf der Klosterbaustelle „Campus Galli” und können hautnah miterleben, wie ein einzigartiges Projekt Tag für Tag ein Stück mehr Realität wird. Zur Zeit Karl des Großen zeichnete ein Mönch auf der Insel Reichenau einen detaillierten Bauplan für ein Kloster in St. Gallen. Er ist die älteste überlieferte Architekturzeichnung des Abendlandes.

Über 1.200 Jahre nach seiner Entstehung hatten einige Mittelalterbegeisterte die Vision, diesen Plan mit seinen über 50 Gebäuden Realität werden zu lassen. Aber: sich selbst der Authentizität verpflichtend, dürfen ausschließlich Materialien und Techniken des frühen Mittelalters zum Einsatz kommen. Jede Schindel wird von Hand gespalten und mit einem handgefertigten Holznagel aus Hasel an der Dachkonstruktion befestigt, die Balken mit selbstgedrehten Strohseilen verbunden.

Genehmigung dauerte über zwei Jahre

Wie die Gebäude von außen aussahen, ist meist aus Bilddarstellungen bekannt, aber wie war die Unterkonstruktion aufgebaut? Wie können heutige statische Anforderungen erfüllt werden? Denn: eine Baugenehmigung wird auch für eine mittelalterliche Scheune benötigt.

Da alle Grundlagen eigens erarbeitet und den Behörden vorgelegt werden mussten, dauerte diese Genehmigung über zwei Jahre. Die Holzkirche mit Kreuzgang und Chorschranken ist bereits fertig und hat auch einen Glockenturm mit – natürlich selbstgegossener – Bronzeglocke erhalten.

Sieben Jahre nach Baubeginn haben alle Handwerker ihre eigenen selbstgebauten Werkstätten und Werkzeuge, für die Tiere wurden Weidenzäune errichtet und im Kräuter- und Gemüsegarten wachsen Pastinake und Mangold, Koriander und Kerbel. Alles, was auf der Baustelle benötigt wird, wird selbst hergestellt.

24 Hauptamtliche arbeiten an dem Projekt

Neben dem Team von 24 Hauptamtlichen arbeiten jedes Jahr zahlreiche Freiwillige ehrenamtlich mit und widmen sich hingebungsvoll der Verwirklichung dieses einzigartigen Projekts. So zum Beispiel Maike aus Weingarten und ihre Freundin Inka aus Herrenberg. Die beiden Schülerinnen verbringen einen Teil der Ferien im Campus Galli und sind mit der Herstellung von Strohseilen beschäftigt.

Alle Handwerker, ob Drechsler, Töpfer, Schindelmacher oder Steinmetz, geben bei ihrer Arbeit den Zuschauern bereitwillig Auskunft. So auch Mario Angelo Marani, genannt „Maga, der Korbflechter“.

Als ehemaliger Hartz-IV-Empfänger bekam er vor acht Jahren die Chance, sich beim Campus Galli zu bewähren. „Ich habe mir das Korbflechten selbst beigebracht und bin seit Beginn hier fest angestellt“, erzählt Marani. „Alles was sie hier im Campus an Flechtarbeiten sehen, trägt meine Handschrift“, ergänzt er stolz, während er geschäftig an einem großen Weidenkorb arbeitet.

Fertigstellung dauert nich viele Jahre

Diese Mischung aus Freilichtmuseum und lebendiger Geschichte ist faszinierend und macht einen Besuch so abwechslungsreich und interessant.

Die Fertigstellung der Klosterstadt wird noch viele Jahre dauern und fernab jeglicher Hektik wird der historische Plan Stück für Stück zum Leben erweckt. Bei jedem Besuch gibt es etwas Neues zu entdecken und Verena Oschwald, eine der zahlreichen Führerinnen, berichtet strahlend von den jüngsten Fortschritten auf dieser besonderen Baustelle.

Wer in diesem Jahr wegen des ausgefallenen Peter-und-Paul-Festes vom Mittelalter-Blues befallen ist, kann bei einem Besuch im Campus Galli Linderung erfahren. Extratipp: Eine Stadtbesichtigung von Sigmaringen oder Meßkirch einplanen.

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