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Kein Anruf vom Gesundheitsamt

Corona-Nachverfolgung in Baden-Württemberg endet: Was das für Infizierte bedeutet

Die Gesundheitsämter in Baden-Württemberg sollen in der vierten Corona-Welle entlastet werden: Sie stellen die Nachverfolgung von Infektionsverläufen ab und konzentrieren sich stattdessen auf den Schutz von Risikogruppen und das Management von größeren Ausbrüchen.

Auf dem Höhepunkt der zweiten Pandemiewelle hatten Bundeswehrsoldaten Ende 2020 das Karlsruher Gesundheitsamt verstärkt. Solche Bilder soll es möglichst nicht mehr geben. Foto: Janina Keller

Ein Bild aus dem Karlsruher Gesundheitsamt vor genau einem Jahr: Übermüdete Mitarbeiter und als Helfer abgestellte Soldaten der Bundeswehr sitzen bis in die Abende hinein vor Blätterstapeln, die Namen von Kontaktpersonen und Corona-Infizierten enthalten. Auf Whiteboards versuchen sie, mit Pfeilen und Namen einen Überblick über die Betroffenen zu bekommen. Immer wieder greift jemand zum Telefonhörer.

Ein mühsames Unterfangen bei den damaligen 300 Neuinfektionen an einem Tag und über 3.000 Kontakten zur Nachverfolgung, die wöchentlich anfallen. Arbeitstage von zwölf Stunden und Einsätze auch am Wochenende sind für die Corona-Feuerwehr im Amt keine Seltenheit.

Das Bild aus der zweiten Corona-Welle steht stellvertretend für viele Gesundheitsämter in Baden-Württemberg, die von der Pandemie bis an den Rand der Belastbarkeit gebracht werden. Es gehört der Vergangenheit an, nun wohl endgültig: Um eine ähnliche Überlastung der Behörden in der vierten Welle zu vermeiden, hat das Land einen Strategiewechsel beschlossen.

Gesundheitsämter an der Leistungsgrenze: Infizierte werden nicht mehr angerufen

Er besteht darin, dass die Nachverfolgung – im Amtsdeutsch „individuelles Fallmanagement“ – in der bisherigen Form in Baden-Württemberg eingestellt wird. Wie am Donnerstagabend bekannt wurde, werden die mit dem Coronavirus infizierten Personen und deren Kontaktpersonen vom zuständigen Gesundheitsamt keine Anrufe mehr erhalten.

Diese Änderung wurde in einer Telefonkonferenz des Sozialministeriums des Landes mit den örtlichen Gesundheitsämtern Anfang der Woche beschlossen. Sie war überfällig: Wegen der vielerorts stark steigenden Inzidenzen konnten viele Gesundheitsämter zuletzt eine zeitnahe Kontaktaufnahme zu den Betroffenen nicht mehr leisten.

Die Nachverfolgung bindet sehr viel Zeit und Personal.
Brigitte Joggerst, Chefin des Gesundheitsamtes im Enzkreis

„Die Nachverfolgung bindet sehr viel Zeit und Personal und verliert, je später sie erfolgt, zunehmend ihre Wirksamkeit im Kampf gegen die Pandemie“, sagte am Donnerstag Brigitte Joggerst, Chefin des Gesundheitsamtes im Enzkreis. Laut einer Mitteilung des Landratsamtes sollen die Behörden im Kampf gegen die Pandemie landesweit entlastet werden.

Gesundheitsämter in Baden-Württemberg sollen Risikogruppen schützen

Um effizienter zu sein, sollen sie sich ab sofort stärker auf den Schutz von Risikogruppen und das Management von größeren Ausbrüchen konzentrieren. Damit stehen künftig mehr als bisher Alten- und Pflegeheime, medizinische Einrichtungen, Kitas, Schulen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe im Fokus.

Im Gesundheitsamt des Enzkreises werden nun die Fallmanagement-Teams verkleinert, und das Personal wird zu den so genannten Cluster-Teams umgeschichtet, die sich um Ausbrüche etwa in Schulen kümmern. Auch die Corona-Zentrale und die Hotline sollen personell verstärkt werden.

Die Umstellung bereitet nach Angaben des Enzkreises einen großen internen Organisationsaufwand, dennoch sei sie notwendig, um den „steigenden Inzidenzen wieder besser Herr zu werden – und so vor allem auch der äußerst angespannten Lage im ambulanten und klinischen Sektor“.

Da zu den eingehenden Corona-Fällen nicht mehr sämtliche Details wie alle in Frage kommenden Kontaktpersonen ermittelt würden, falle der Ermittlungsaufwand selbst und der Nachtrag ermittelter Informationen weg.

Wer positiv auf Corona getestet wird, muss sofort in Quarantäne

Dagegen sollen in den Ämtern weiterhin die Daten zur Anzahl der Fälle, zum Alter und Geschlecht sowie zur Hospitalisierung erhoben werden. Solche Statistiken sind wichtig, um zum Beispiel den lokalen Pandemieverlauf zu verfolgen und die Effizienz der getroffenen Maßnahmen einschätzen zu können.

„Wir müssen jederzeit in der Lage sein, unseren täglichen Meldepflichten zum Beispiel an das Land nachzukommen“, gibt Joggerst zu bedenken. Denn Corona-Positive würden dem Gesundheitsamt natürlich nach wie vor gemeldet, nur der Anruf bei ihnen und ihren Kontaktpersonen entfällt.

Ich appelliere dringend an die Eigenverantwortlichkeit der Betroffenen.
Brigitte Joggerst, Chefin des Gesundheitsamtes im Enzkreis

Keine Änderungen gibt es bei der Regel, wonach sich Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, sofort in häusliche Quarantäne begeben müssen. Auch wenn das Gesundheitsamt nicht anruft. „In vielen Fällen weist schon der den Abstrich nehmende Arzt die Betroffenen auf diese Pflicht hin“, sagt Brigitte Joggerst, „ansonsten appelliere ich dringend an die Eigenverantwortlichkeit der Betroffenen.“

„Wir tun natürlich auch in dieser Phase der Pandemie, was wir können“, versichert die Chefin des Gesundheitsamtes. „Wenn wir allerdings sehen, dass sich etwa zehn Mal so viele Ungeimpfte mit dem Coronavirus infizieren und an Covid-19 erkranken wie Geimpfte, wird klar, wo ein wichtiger Schlüssel liegt, um der vierten Welle, in der wir uns gerade befinden, ihre Wucht zu nehmen.“ Joggerst ruft alle Ungeimpften dazu auf, sich durch Vakzine zu schützen.

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