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Große Studie

Zusammenhalt tut Menschen gut: Soziologe über Corona-Lebensgefühl

Was machen die Maßnahmen der Pandemie mit unserer Zufriedenheit? Wird soziale Distanz bald für uns ganz natürlich sein? Soziologe Martin Schröder beantwortet im Interview mit den BNN, wie Corona sich auf unser Lebensgefühl auswirkt.

Nach der Ansicht des Soziologen Martin Schröder könnte die Corona-Krise bei vielen Menschen sogar zu einer höheren Lebenszufriedenheit führen. Foto: dpa

Es ist die größte Langzeitstudie überhaupt: 80.000 Menschen, die 30 Jahre lang insgesamt etwa 600.000 Mal über ihr Lebensglück befragt wurden.

„Wann sind wir wirklich zufrieden?“: Der Marburger Soziologe Martin Schröder hat auf Basis des sogenannten sozio-ökonomischen Panels gerade ein gleichnamiges Buch veröffentlicht (C. Bertelsmann Verlag, 288 S., 20 Euro).

Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Alexei Makartsev leitet der Zufriedenheitsforscher aus der Studie wichtige Erkenntnisse zum Leben in der Corona-Zeit ab.

Sie beschäftigen sich als Soziologe intensiv mit dem Thema Zufriedenheit. Die gute Gesundheit ist für die Menschen in Deutschland besonders wichtig, demnach müssten sie jetzt mit ihrem Leben und der großen Unsicherheit in der Epidemie besonders unzufrieden sein?
Schröder

Wer jetzt krank ist, wird natürlich total unzufrieden sein. Aus der Datenbasis unserer Langzeitstudie wissen wir, dass akut erkrankte Menschen auf der Zufriedenheitsskala von 100 ganze 25 Punkte verlieren. Da macht es keinen Unterschied, ob ich an Covid-19 krank bin oder das Bein gebrochen habe.

Wir sollten aber nicht auf das ein Prozent der Corona-Fälle schauen, sondern auf die restlichen 99 Prozent, die gerade in einer außergewöhnlichen Situation leben …

die unter anderem eine Kontaktsperre beinhaltet. In einer Publikation kommen Sie zu der Erkenntnis, dass eine temporäre Einschränkung von Sozialkontakten für die Meisten nicht schlimm ist. Warum nicht?
Schröder

Wenn die Menschen ihre Freunde nicht mehr sehen können, sinkt ihre Zufriedenheit um vier Punkte, aber nur, wenn die Isolation länger als einen Monat dauert. Ich war selbst überrascht, dass dieser Rückgang nicht stärker ist.

Meine Annahme war, dass es nur für bestimmte Gruppen gilt: Also, dass die Kontaktsperre für Verheiratete kein Problem ist, aber für Singles schon. Das zeigt sich aber nicht. Jung oder alt, Mann oder Frau, introvertiert oder extrovertiert – alle scheinen gerade damit gut klarzukommen, ihre Freunde nicht zu sehen.

Vielleicht, weil jetzt zumindest die technisch versierteren Bürger auf Chatten und Videokonferenzen ausweichen?
Schröder

Das klingt plausibel, nur haben wir dazu keine Daten. Generell kann man sagen, dass die Zufriedenheit vor dem Hintergrund der Corona-Maßnahmen leicht gesunken ist und dennoch relativ hoch ist. Man kann jedenfalls nicht sagen, dass alle leiden und depressiv sind.

Es ist für die Menschen generell wichtig, die Kontrolle über ihr Leben zu haben. In der Corona-Zeit müssen wir aber in wichtigen Punkten fremdbestimmt leben – wirft uns das gar nicht aus der Bahn?
Schröder

Nur eingeschränkt. Aus der Studie lässt sich ableiten, dass ein empfundener Kontrollverlust die Zufriedenheit um maximal neun von insgesamt 100 Punkten senkt. Persönlich habe ich das Gefühl, dass es für die meisten in meinem Umfeld kein Drama ist. Es ist ja nicht so, als würde es Bomben auf ihre Häuser hageln. Dabei glaube ich aber, dass sich alle auf das normale Leben wieder freuen werden.

Eine Erkenntnis aus der Studie ist, dass sich Menschen fast an alles gewöhnen können. Das Coronavirus bewirkt eine größere Distanz, man umarmt sich nicht mehr und macht im Laden einen Bogen umeinander. Wird diese soziale Distanz bald für uns ganz natürlich sein?
Schröder

Das glaube ich nicht. Es ist kulturell tief verankert, dass man sich auf die Schulter klopft oder die Hand gibt. Es wäre etwas anderes, wenn die Krise zehn Jahre dauert – aber nach ein paar Monaten werden sich die Menschen nicht auf viel mehr Distanz umstellen.

Vorausgesetzt, sie sind selbst nicht akut betroffen: Kann die aktuelle Krise bewirken, dass die Menschen mit ihrem Leben sogar noch etwas zufriedener werden?
Schröder

Ja. Es gibt eine Untersuchung, wonach es in den Ländern, die gegen andere Länder einen Krieg beginnen, die Suizide zurückgehen. Die klassische Erklärung ist, dass wenn Nationalismus und Patriotismus ansteigen, sich die Menschen stärker als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Das hat positive Effekte auf die Zufriedenheit.

Jetzt haben wir eine Feindschaft mit dem Virus, und es gibt einen ähnlichen Effekt. Das Gefühl, dass alle an etwas gemeinsam arbeiten, tut vielen Menschen gut.

Wie realistisch ist es zu erwarten, dass dieses Gemeinschaftsgefühl die aktuelle Krise überdauert?
Schröder

Schwer zu sagen. Aber da dieser Zusammenhalt durch die Epidemie erzeugt wird und keinen tieferen Hintergrund hat, vermute ich, dass es nach der Krise wieder weg sein wird. Corona wird nichts daran ändern, wie unsere Welt in zehn Jahren aussieht.

Ich vergleiche das mit einem extrem warmen Sommer – es ist ein Ereignis, aber dahinter steckt ein Trend. Davon ausgehend, kann man vermuten, dass auch der nächste Sommer warm wird. Hinter der Pandemie steht dagegen kein Trend, sie ist ein Zufall. Vielleicht wird es durch Corona kleine Veränderungen geben, dass sich zum Beispiel viele an das Homeoffice gewöhnen. Aber das ist kein Systemwandel.

Wir sehnen uns nach der Normalität, gleichzeitig gibt es Stimmen, die sagen: Die Normalität war nicht perfekt, wir lebten zu selbstbezogen, zu atemlos und schätzten wichtige Dinge nicht genug. Deswegen müssen wir uns ändern. Was wird sich eher durchsetzen, alte Normalität oder Wunsch nach Veränderungen?
Schröder

Es gibt ein Phänomen: Je leichter man sich an etwas erinnert, umso wahrscheinlicher erscheint, dass es wieder passiert. Wenn beispielsweise jemand bei Ihnen einbricht, halten sie das in Zukunft für wahrscheinlicher als bisher – obwohl es dazu keinen Grund gibt. Diesen Wahrnehmungsfehler werden wir jetzt auch machen.

Weil uns Corona gerade so stark trifft, wird man in Zukunft wahrscheinlich mehr darauf achten, Pflegeberufe besser zu bezahlen und mehr Intensivbetten bereitzustellen. Wenn aber einige Jahrzehnte lang nichts passiert, wird alles in Vergessenheit geraten. Das zeigen auch frühere große Krisen.

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