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Bereits auf Notbetrieb umgestellt

Die dritte Welle rollt an: Manche Kliniken in der Region verschieben planbare Operationen

Die Zahl der Covid-19-Patienten steigt seit Mitte März stark an. Immer mehr Menschen müssen deshalb ins Krankenhaus. Erste Kliniken verschieben erneut alle planbaren Operationen. Die Intensivmediziner sind frustriert.

Die dritte Welle rollt an: In den Krankenhäusern im Land bereitet man sich darauf vor, das medizinische Angebot einzuschränken. Planbare Operationen werden dann bis auf Weiteres verschoben. Foto: Robert Michael/dpa

Das Klinikum Mittelbaden mit seinen drei Krankenhäusern in Baden-Baden, Rastatt und Bühl war das erste, das angesichts der anrollenden dritten Corona-Welle die Notbremse gezogen hat.

Operationen, die planbar sind und ohne Nachteile für die Patienten noch aufgeschoben werden können, sind dort vorerst vom OP-Plan gestrichen. Schon in der allerersten Corona-Welle, die Baden-Baden ganz besonders hart traf, musste man die sogenannten „elektiven Operationen“ streichen, um die Versorgung der Covid-19-Patienten und anderer schwer erkrankter Menschen zu gewährleisten.

Diesmal, in der dritten schlimmen Phase, ist es nicht anders. Ganz im Gegenteil: „Die dritte Welle übertrifft an Heftigkeit leider alle bisherigen Corona-Wellen“, sagte der medizinische Geschäftsführer, Thomas Iber. Die Zahlen am Klinikum Mittelbaden lägen über denen von Ende Dezember.

In Karlsruhe ist die Corona-Situation sehr angespannt

Auch bei den Karlsruher ViDia Kliniken ist die Situation nach Aussagen von Pressesprecherin Melanie Barbei weiterhin sehr angespannt. „Die Corona-Stationen – insbesondere die Intensivstationen – weisen eine sehr hohe Auslastung auf“, sagt sie. Um ausreichend Kapazitäten für die Versorgung von intensivpflichtigen Covid-Patienten vorhalten zu können, sei das OP-Programm deshalb reduziert worden. Auch am Städtischen Klinikum wurden die OP-Kapazitäten laut einer Sprecherin um 30 bis 35 Prozent zurückgefahren.

Bei den RKH-Kliniken in Bretten und Bruchsal ist man um OP-Verschiebungen bislang dagegen noch herum gekommen. Aus der Geschäftsführung des schwäbischen Klinikkonzerns mit Sitz in Ludwigsburg heißt es, dass elektive Operationen wegen der Pandemie bisher ohnehin nicht mit der maximal möglichen Kapazität geplant waren.

„Deshalb konnten Absagen trotz der aktuell steigenden Covid-Inzidenz bisher vermieden werden“, so die Referentin der Geschäftsführung, Dorothee Hüppauf. Sollte die dritte Welle jedoch weiter eskalieren, bestehe in naher Zukunft das Risiko, dass der Normalbetrieb weiter eingeschränkt werden muss, um Kapazitäten für Covid-Patienten freizusetzen.

Pforzheimer Kliniken haben noch keine Einschränkungen

Auch an den Pforzheimer Krankenhäusern gab es bisher keine Einschränkungen. An der Helios-Klinik mussten nach Aussage von Ute Oltmanns, der Chefärztin der Pneumologie, bislang keine erforderlichen Untersuchungen oder Behandlungen verschoben werden. „Im Gegenteil: Uns ist es sehr wichtig, dass alle Patienten regulär und zeitnah versorgt werden, um Nachteile für die Patienten und vor allem Notfälle zu vermeiden.“

Der Chefarzt der Intensiv- und Notfallmedizin am selben Krankenhaus, Felix Schumacher, sagt: „Wir haben im vergangenen Jahr ein aufwendiges Sicherheitssystem in der Klinik aufgebaut und weiterentwickelt, das uns hilft, Patienten und Mitarbeiter bestmöglich vor einer Infektion zu schützen. So können wir unserem Versorgungsauftrag für Covid-Erkrankte gerecht werden und parallel weiter die Versorgung anderer Patienten sicherstellen.“

Viele Patienten verschieben von sich aus Termine

Chefärztin Oltmanns betrachtet allerdings mit Sorge, dass Patienten aus Furcht vor einer Ansteckung Krankenhaustermine verschieben und später als gewöhnlich ärztlichen Rat suchen. „Dies kann wiederum eine verzögerte Diagnose und Behandlung zur Folge haben.“

Noch haben wir Kapazitäten und Personal für alle. Aber das kann sich immer ändern.
Ljerka Pap, Pressesprecherin des Siloah

An den zwei anderen Pforzheimer Krankenhäusern, am Trudpert und am Siloah, sah man sich bislang noch nicht genötigt, das medizinische Programm einzuschränken. „Noch haben wir Kapazitäten und Personal für alle. Aber das kann sich immer ändern“, sagt Pressesprecherin Ljerka Pap auf Nachfrage.

88 Prozent der Intensivbetten in Baden-Württemberg sind belegt

Seit Mitte März steigt die Zahl der Corona-Patienten in Intensivbehandlung im gesamten Südwesten stark an. Lag sie am 10. März noch bei 236, wurden am Mittwoch bereits 468 Menschen wegen einer Covid-19-Erkrankung intensivmedizinisch behandelt. Von den rund 2.400 Intensivbetten im Land sind derzeit rund 88 Prozent belegt.

Die Krankenhäuser in Baden-Württemberg sind in sechs sogenannte Cluster eingeteilt. In diesen Regionen helfen sich die Kliniken etwa bei Überlastung gegenseitig aus. Insbesondere das Cluster Stuttgart-Ludwigsburg sei derzeit sehr belastet, sagte Koordinator Götz Geldner. In der Region um Tübingen sei dagegen derzeit noch etwas Luft.

Krankenhausarbeit ist für alle sehr belastend

Seine Prognosen gingen aktuell noch von einer sinkenden Zahl der Intensivpatienten aus, sagte Geldner. Doch das liege allein an den geringen gemeldeten Fallzahlen über Ostern. Weil auch nach einem Jahr Pandemie noch Meldelücken bestünden, seien die Zahlen nicht aussagekräftig.

Was soll anders sein als in der Welle davor? Jeder weiß, was jetzt passiert.
Götz Geldner, Koordinator der intensivmedizinischen Versorgung von Corona-Patienten

Mit Blick auf mögliche Maßnahmen zeigte sich der Intensivmediziner resigniert. „Was soll anders sein als in der Welle davor? Jeder weiß, was jetzt passiert.“ Politiker und Bürger trügen nun gleichermaßen Verantwortung. Es fehle weiter ein Konzept, um der Pandemie Herr zu werden. Das jetzige Vorgehen nannte Geldner ziel- und planlos.

Ein wichtiger Weg aus der Krise ist für den Intensivmediziner das Impfen. Doch für den jetzigen starken Anstieg der Corona-Fallzahlen verspricht er sich davon keine Hilfe. Die Beschäftigten auf den Intensivstationen hätten seit der zweiten Welle nicht mehr durchatmen können, die Arbeit sei für sie sehr belastend. „Wir versuchen, das beste daraus zu machen“, sagte Geldner.

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